Der Schwarze Limbus    

'

Kreis des Lebens

 

Der Beobachter

Du kämpfst dich durch den dunklen Forst in den Vorbergen des KoschsKarte des Kosch. Die Äste der dichtstehenden Bäume schlagen dir immer wieder schmerzhaft ins Gesicht, aber deine Neugier treibt dich weiter. Es ist längst dunkel und manchmal kannst du einen Blick auf das am Himmel stehende Madamal erhaschen, das immer wieder kurz hinter dichten Wolkenbänken hervorlugt. Die Luft ist warm und schwül, irgendwo in der Ferne hörst du ein Gewitter niedergehen, dessen Donner durch die Berge rollt und dir einen Schauer über den Rücken laufen lässt.

Der Bauer, bei dem du Quartier bezogen hast, hat dir von dem Platz erzählt, zu dem du willst. Dort soll sich das Hexen- und Druidenvolk zu dunklen Ritualen treffen und Götzen und Dämonen in lasterhaften Orgien huldigen. Der Mann hat dir leider weder genau Auskunft geben können oder wollen, wo das genau sei, noch, wie da am besten hinzukommen sei. Und so streifst du ziellos durch den Wald, dessen Pflanzen dir die Kleider langsam in Fetzen reißen und dessen fliegendes Geschmeiß dir nach deinem Lebenssaft trachtet. Langsam bedauerst du, auf diese fixe Idee verfallen zu sein, würdest gerne umkehren... wenn du bloß wüsstest, welcher Weg dich denn zu dem kleinen Berghof zurückführen würde. Du gibst es vor dir selber ungern zu, aber du hast dich in dem unwegsamen Gelände gnadenlos verirrt und weißt gerade noch wo oben und unten ist. Die Orientierung bezüglich der anderen Richtungen ist dir abhanden gekommen. Ein klammes Gefühl der Verlassenheit schleicht sich in dein Herz, als du langsam weitergehst, vorsichtig einen Schritt nach dem anderen machend und mit den Augen deine Umgebung nach Bekanntem absuchend, das dir deine Orientierung zurückgeben könnte.

Da entdeckst du auf einmal den flackernden Schein eines großen Feuers. Deine Füße schlagen wie von selbst diese Richtung ein und wenig später hockst du hinter einem Busch, durch dessen dichtes Blattwerk du gute Aussicht auf eine Lichtung hast. Ein Feuer brennt dort, in dessen Randbereich einige Leckerbissen langsam garen. Um das Feuer herum sitzen Männer und Frauen, mehrere von diesen mit auffällig roter Haarpracht, alle ausnehmend ansehnlich. Aber auch einige Angehörige des kleinen Volkes erkennst du überrascht, wie sie sich dort mit den Großlingen unterhalten und gemeinsam schmausen. Die ganze Szenerie findet sich unter einer riesigen Steineiche, die von ihrer Größe her sicher noch das Bosparanische Reich gesehen haben mag, aber immer noch die Frische eines kleinen Schösslings besitzt. In ihrem Geäst haben sich ein paar Raben und ein Falke niedergelassen, die aufmerksam das Geschehen beobachten. Ein schwarzer Kater streift um die Lichtung und betrachtet aus einiger Entfernung fast neidisch das Spiel zweier weiterer Samtpfoten.

Vor Aufregung bekommst du am ganzen Körper eine Gänsehaut: Du hast den geheimen Versammlungsplatz dieser dunklen Zauberer gefunden! Gespannt wartest du, was alles geschehen mag, vergisst darüber, dass du eigentlich recht unbequem sitzt. Eine nicht sehr große Frau mit brandroten Locken erhebt sich, streicht ihr silberbesticktes Gewand aus kostbarer grüner Seide glatt und beginnt zu den Anwesenden zu sprechen. Du willst lauschen, hören was sie sagt, aber erstens redet sie nicht sehr laut, zweitens knackt das Feuer und drittens fühlst du dich selbst beobachtet. Du wendest dich um, blickst nach oben. Dort hockt auf einem Ast eine Eule und beobachtet dich aufmerksam. Fast abschätzend und ablehnend, will dir scheinen, hat sie ihre großen Augen auf dich gerichtet. Geschichten kommen dir in den Sinn, Erzählungen von Hexen, die mit den Tieren sprechen und... hastig blickst du dich zu dem Feuer um, vergewisserst dich, ob man dich bemerkt hat. Die Rothaarige spricht immer noch. Dein Blick schweift über ihre interessierte Zuhörerschaft. Da! Eine junge Frau in Lederkleidung steht auf, zieht aus einem Köcher hinter ihrer kastanienfarbenen Haarpracht einen Pfeil hervor, den sie noch während des Aufstehens auflegt und ihren Langbogen dann gespannt auf dich richtet.

Schon bevor das Geschoß direkt neben dir in den Stamm eines Baumes einschlägt, haben auch die anderen dich bemerkt. Hastig wendest du dich zur Flucht, hörst hinter dir aufgeregtes Rufen, als die Verfolgung aufgenommen wird. Panikerfüllt hastest du durch das Unterholz. Bilder von blutigen Altären tauchen vor deinem geistigen Auge auf, du erinnerst dich auf einmal wieder an all die Schauergeschichten, die an dunklen Winterabenden am gemütlichen Kaminfeuer in der sicheren Stube erzählt werden. Hättest du bloß auf den Bergbauern gehört, als er dich davor warnte, in den Wald zu gehen! Ein Ast reißt eine blutige Schramme in dein Gesicht, andere peitschen deinen Körper. Wurzeln greifen nach deinen Füßen und versuchen dich zu Fall zu bringen. Du stolperst weiter, versuchst dich auf den Beinen zu halten. Die Zweige und Dornen dringen durch deine ramponierte Kleidung, hinterlassen Striemen auf deiner Haut. Aus der Wunde an deinem Kopf fließt dir Blut in die Augen und blendet dich. Deine Fußspitze bleibt an einem Stein hängen und du stürzt der Läge nach hin. Beim Aufprall schlägst du dir dein Knie an, Schmerz durchzuckt deinen schon gepeinigten Körper zusätzlich. Du willst dich gerade wieder aufrappeln, da packen dich kräftige Hände und ziehen dich hoch. Deine Arme werden auf den Rücken verdreht. Du willst dich wehren, aber jede Bewegung und Anstrengung bereitet deinem geschundenen Leib weitere Pein, zumal der athletische, junge Mann, dem du vor die Füße gefallen bist, dann deine Arme jedes Mal noch weiter verdreht. Über die Schulter blickend erkennst du im Dunkel nur, das er wohl schulterlange schwarze Haare hat und ansonsten ein recht ansehnliches Äußeres besitzt. Ein Stoß verdeutlicht dir, du sollest dich in Bewegung setzen.

Widerwillig lässt du dich zur Lichtung zurückführen. Nach und nach gesellen sich weitere der Jäger zu euch. Als erster einer der Angroschim, der dir wohl dicht auf den Fersen war, und das trotz seiner geringen Schrittweite. Sein Gesicht wird von einer seltsamen Haar- und Barttracht umrahmt. Seine weißen Haare fallen an ihm weit und glatt herab, während sein Bart feuerrot gefärbt zu sein scheint, was seinem Gesicht zu einer mysteriösen Aura verhilft. Seine grünen, stechenden Augen fixieren dich aus dem Schatten der buschigen Augenbrauen heraus missmutig. Seiner Lederkleidung hat das Gestrüpp natürlich wenig anhaben können. Als nächstes taucht die Schützin wieder auf, die dir die Hände bindet. Unaufhaltsam wirst du auf deine sichere Verderbnis zu geleitet. Die alten Legenden wollen nicht aus deinem Kopf verschwinden, so sehr du die Unheil verheißenden Bilder auch aus deinen Gedanken verbannen willst.

Schließlich erreichst du mit deiner „Eskorte“ den Versammlungsplatz. Die Rednerin von vorhin erwartet euch schon. Mit einigen elegant katzenhaften Schritten ist sie bei dir. Sie nickt deinen Bewachern kurz zu. „Überlasst diesen Eindringling mir, dann wird uns daraus kein Schaden erwachsen...“, hörst du ihre angenehme Stimme unangenehme Worte sprechen. Als du losgelassen wirst, fällst du auf die Knie, teilweise aus Erschöpfung, teilweise, Verschonung zu erbitten. Alle der Versammelten stehen um dich herum, schauen auf dich herab. Die Frau beugt sich nun zu dir hinab, ihr Gesicht ist kurz vor deinem, als sie dir zuraunt: „Du hättest diesen Wald nie betreten dürfen. Jetzt hast du uns entdeckt und ich müsste dich eigentlich töten. Aber das können wir später noch entscheiden.“ Du willst gerade erklären, dass du den Weg verloren hast und ihn nicht wieder finden würdest, als sie dich ans Kinn fasst und dir tief in die Augen sieht. Ihre Augen schlagen dich in den Bann, du versinkst in diesem hellgrünen Leuchten, alles andere verschwimmt in deinem Sichtfeld. Diese Augen füllen deine Gedanken vollständig aus, jeden Winkel deines Bewusstseins. Dann umfängt dich gnädige Schwärze...

Schweißgebadet wachst du auf. Du liegst auf deinem Lager in der Scheune des Bauern, bei dem du für diese Nacht Quartier genommen hast. Draußen wird es gerade hell, der Hahn verkündet einen neuen Tag. War alles nur ein Traum? Die Bilder, die du versuchst heraufzubeschwören, sind undeutlich, verschwommen. Du kannst dich an keines der Gesichter erinnern, auch nicht an das, was dir so nahe war. Das bedauerst du dann doch, obwohl du froh bist, dass dies alles wohl nie stattgefunden hat. Auch deine Haut scheint die Strapazen nie durchgemacht zu haben, dein Knie schmerzt nicht, auf deiner Stirn klebt kein getrocknetes Blut. Nur ein Hirngespinst, denkst du erleichtert. Praiosseidank! Aber warum dann deine Kleidung so zerrissen ist, kannst du dir beim besten Willen nicht erklären...

 

(c) 1999 by metal (Leyla)