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Aliena
Nachdenklich gehst du gerade durch die Straßen der Stadt, als
du plötzlich lautes Gelächter und Applaus vernimmst. Neugierig folgst du dem Lärm und
gelangst schließlich zum Marktplatz, wo gerade eine Gauklervorstellung läuft. Du zählst
ungefähr ein halbes Dutzend buntbemalter, schriller Wagen, die im Halbkreis hinter einer
provisorischen Bühne aus Tischen und Brettern stehen. An den Wagen direkt hinter der
Bühne ist ein Vorhang angebracht, aus dem die Akteure jeweils heraustreten. Auf der
Bühne stehen nicht weniger auffällige Gestalten, die die Massen mit kleinen
Zaubertricks, Akrobatik, lustigen Szenen etc. unterhalten. Gerade willst du dich wieder
abwenden, um weiter deinem Gedankengang zu folgen, denn im Grunde interessiert dich dieser
Trubel nicht, als dich folgende Ankündigung erreicht: "Meine sehr geehrten Damen
und Herren, geschätztes Publikum, nun erleben sie eine wahrlich einmalige und wirklich
gefährliche Darbietung... Extra aus dem tiefen Süden... der schwarze Tod, die reißende
Bestie... Erleben sie nun den dramatischen Kampf Mensch gegen Tier... Dieses Ungeheuer
kann man nicht zähmen... Unsere einmalige Aliena hat es dennoch geschafft, das Tier unter
ihre Kontrolle zu bringen... Und bis jetzt ist auch glücklicher Weise noch nichts
passiert... Doch es ist immer wieder eine Herausforderung des Schicksals sich dem
SCHWARZEM TOD zu stellen. Begrüßen sie jetzt mit mir die größte weibliche
Tierbändigerin auf ganz Dere... Die mutige ALIENA... Doch bevor die Schau nun wirklich
losgeht, muß ich sie bitten einige Schritte zurückzuweichen... Dies geschieht alles zu
ihrer Sicherheit, denn denken sie daran, dies ist nicht ihre Schmusekatze, sondern eine
wilde Raubkatze."
Jetzt doch neugierig bahnst du dir deinen Weg durch die Massen, um besser sehen zu
können. Zu eurer Sicherheit werden jetzt Gitter aufgestellt und kurze Zeit später
marschieren 4 "Söldner" auf, bewaffnet mit Hellebarden, dazu leichte
Marschmusik gespielt von den Musikern.
Endlich, ein Trommelwirbel und Aliena gleitet elegant und katzengleich durch den Vorhang.
Sie sieht verführerisch und unnahbar zugleich aus. Ein schlanker, wohlgeformter und
durchtrainierter Körper, der jedoch nichts von seiner Weiblichkeit eingebüßt hat. Sie
ist ziemlich groß, du schätzt mal so 1,8 Schritt, aber sehr gut proportioniert. Sie hat
lange, leicht gewellte, schwarze Haare, die sie offen trägt. Irgendwie ist alles schwarz
an ihr. Die Wildlederstiefel, die Hose aus feinem Samtleder, die durch einen Gürtel
gehalten wird, das Mieder, welches ihre Kurven noch ein wenig betont und auch die Bluse,
die sie locker, vorne verknotet, über dem Mieder trägt, sogar ihre Augen sind schwarz.
Nur ihre Haut ist nicht schwarz, im Gegenteil, sie ist auffallend blaß. Du kannst dich
erst wieder von ihr losreißen, als eine weitere schwarze Schönheit die Bühne betritt:
Der Schware Tod, ein sehr bedrohlich wirkender schwarzer Leopard, ein sogenannter Panther.
Die Bühne betreten ist in seinem Fall jedoch etwas untertrieben. Denn man hört nur ein
schreckliches Fauchen und Brüllen und plötzlich schießt ein schwarzer Pfeil auf Aliena
zu, die sofort zu Boden geht. Dem Publikum scheint der Atem zu stocken, als sie den
Ringkampf beobachten. Die Spannung liegt förmlich in der Luft. Auch du bangst um Aliena
und selbst die "Söldner" senken die Hellebarden und gehen einen Schritt nach
vorn.
Es geht hin und her, aber schließlich kann Aliena den Panther packen und wegdrücken. Mit
enormer Schnelligkeit springt sie auf und greift nach der Peitsche, die an ihrer Seite
hängt und läßt sie laut knallen. Anscheinend hat das Tier Respekt vor der Waffe und
läßt endlich von ihr ab.
Demütig senkt die Katze sein Haupt und Aliena meint nur: "So, wir können dann
anfangen... Alrik, Musik!"
Eine Welle der Erleichterung durchströmt den Platz. Überall hört man Gemurmel: "Rondra
hab´ Dank", "Ein Glück, dass sie das geschafft hat", "Ein
Prachtweib", "Der will ich aber auch nicht als Feind gegenüberstehen"
Du siehst, wie sich die "Söldner" wieder entspannen und auch bei dir kehrt
wieder Ruhe ein.
Nach diesem ersten Höhepunkt wird es ruhiger und man kann einige Kunststücke beobachten,
die du schon mal gesehen hast; allerdings waren die Akteure die du sonst bei Vorstellungen
gesehen hast bei weitem nicht so groß und gefährlich. So kann der Panther unter anderem
tanzen, auf einer Kugel laufen, durch brennende Reifen springen. Begleitet wird das
Schauspiel durch die Musiker und die zum Teil lustigen Kommentare Alienas. Als du dich
schon wieder leicht gelangweilt abwenden willst, ertönt eine Fanfare. "Meine
Damen und Herren, kommen wir nun zum Höhepunkt unseres Programms... Die tapfere Aliena
wird jetzt ihren Arm in das Maul des SCHWARZEN TODES legen." Wie zur
Bekräftigung dieser Metapher ertönt ein langgezogenes Brüllen gefolgt von einem tiefen
Knurren. Es geht dir durch Mark und Bein und ruft jedem die Gefährlichkeit wieder ins
Gedächtnis. Denn obwohl das Tier eben noch schnurrte wie ein Kätzchen, passt der
Ausdruck Schwarzer Tod doch ziemlich gut. "Seht euch die langen, scharfen Zähne
an, mit denen er alles zermalmen kann." Aliena öffnet vorsichtig das Maul der
großen Katze. "Doch nun muß ich um Ruhe bitten, den jedes Geräusch kann
schreckliche Folgen haben. Mit einem Biß kann diese Bestie der reizenden Aliena ihren
schönen Arm abbeißen... Und das wollen wir doch nicht, oder ?" Ein einstimmiges
NEEIN erschallt vom Markt. Ein paar Frauen stoßen ihren Männern die Ellbogen in die
Rippen, als diese besonders laut schreiend meinen, dass das viel zu schade sei.
Dann ist es mucksmäuschenstill. Du meinst, dass selbst der Wind aufgehört hat zu wehen,
nur um nicht aus Versehen den Panther dazu zu animieren zuzupacken.
Aliena weitet den Rachen noch ein wenig und legt dann vorsichtig ihren Arm zwischen die
Zähne. Die Spannung steigt... Einem Musiker fällt ein Trommelstock auf den Boden... Zum
Glück passiert aber nichts... Endlich nimmt Aliena den Arm wieder aus dem Maul. Das
Publikum ist am toben. Du klatscht auch laut Beifall und hoffst Aliena vielleicht heute
Abend in der Taverne wiederzusehen, allerdings ohne ihren Panther. Als ihr euch wieder
beruhigt habt, meint Aliena: "So, meine Lieben, die Vorstellung ist jetzt leider
vorbei. Wenn es euch gefallen habt, sagt es weiter und spendet ein wenig. Sollte es euch
nicht gefallen haben, behaltet es für euch, sonst besuchen wir euch mal. Und, eins
noch... Immer der Gefahr ins Auge sehen..." Sie hat noch nicht zu Ende
gesprochen, da springt ihr Tier sie auch schon von hinten an und wirft sie zu Boden. Du
willst ihr schon zur Hilfe eilen, da die "Söldner" schon weg sind, da leckt die
Katze ihr übers Gesicht - und alles ist am lachen.
Erleichtert gehst auch du weg. Das war wirklich eine gelungene Nummer.
1999
Der Schwarze Limbus
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