Der Schwarze Limbus    

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Kreis des Lebens

Farmion

Ein Efferd gesegneter Tag, lässt er doch heute seine Gabe reichlich auf den trockenen Boden prasseln. Ein Schild auf dem ein weißer Hirsch abgebildet ist kennzeichnet ein großes Gebäude inmitten von Greifenfurt als Taverne "Zum Hirschen". Die letzten Praiosstrahlen verschwinden grad hinter dem Horizont und wie immer ist die Taverne um diese Uhrzeit gut besucht. Dies weiß Farmion, denn um diesen in einem grau braunen Kapuzenumhang gehüllten Mann handelt es sich, der grad die Eingangstür aufstößt und das Gasthaus betritt. Schwere, warme und rauchige Luft schlägt ihm entgegen und unter seiner Kapuze mag ein scharfäugiger Elf vielleicht bemerken, wie er leicht angewidert die Nase rümpft. Zielstrebig bahnt er sich seinen Weg durch die Menschmasse, welche sich aus Handwerker, Reisenden und Bürger zusammensetzt. 
Als der Blick des Wirtes auf Farmion trifft, schluckt dieser einige Male, ehe er den mysteriösen Mann mit einem "Travia mit Euch, werter Herr!" begrüßt. Innerlich allerdings verflucht er diesen praiosverfluchten Zauberer, der ihn und seine Gaststube immer wieder aufsucht, um "Forschungen" zu betreiben, wie Farmion sich auszudrücken pflegte. Missmutig führt der Wirt ihn zu einem kleinen, unscheinbaren Tisch in der hintersten und dunkelsten Ecke der Taverne, von dem aus man den ganzen Raum überblicken kann. Farmion setzt sich auf einen kleinen Schemel und kramt aus einer Umhängetasche, welche er über der Schulter trug, ein mit schwarzem Leder eingefasstes Buch, ein Gänsekiel und ein Tintenfässchen hervor und legt alles sorgfältig auf den Tisch. Zähneknirschend serviert der Wirt Farmion die übliche Tasse Tee und doch ringt er sich zu einem leichten Lächeln durch, will er den geheimnisvollen Mann nicht verärgern. "Ach", so denkt sich der Wirt, "wär ich doch damals vorsichtiger gewesen und hätt den Barbier gebeten, mir meine geschnittenen Haare auszuhändigen." Denn er weiß, dass, sobald er es wagen sollte, dem Zauberer seine Forschungen zu verbieten oder gar zur Garde oder zur Praioskirche gehen, er sein Leben verwirkt hätt. Schon manche Nacht hat der Wirt unruhig verbracht und ist mit Schmerzen aufgewacht, als hätt ihn jemanden stundenlang gewürgt. So verbeugt er sich nochmals leicht und entfernt sich von Farmion, sich um die anderen Gäste kümmernd.
Seine schmalen und doch rauen Hände umklammern die Tasse und er nippt vorsichtig daran, will er sich doch nicht verbrennen. Sein Blick schweift über all die Gäste, welche heute hier anwesend sind und leicht verzieht er seine Lippen zu einem Lächeln, als er Alrik entdeckt. Wie es scheint, hat sich der junge Schneider mit den kurzgeschorenen, schwarzen Haaren schon wieder prächtig erholt, auch wenn seine nussbraunen Augen immer wieder gehetzt durch den Raum blicken, als ob er etwas befürchte.
Farmion schlägt sein Buch auf, taucht den Gänsekiel in die blaue Tinte ein und schreibt mit schwungvollen Buchstaben das Datum auf das Blatt. Nachdem er noch einige Notiz über die Umgebung, den Zustand von Alrik, dem momentanen Verhalten der anderen Gäste und über sein heutiges Vorhaben rein gekritzelt hat, legt er den Gänsekiel hin und beobachtet Alrik still, wie sich dieser nichtsahnend mit seinen 3 Gefährten unterhält und scherzt. Farmion versichert sich ein letztes Mal, ob er unbeobachtet ist und richtet sich dann aufrecht auf, in einer stolzen Haltung, um sich besser konzentrieren zu können.
Fest fixieren seine stahlblauen Augen sein Opfer, er hebt die rechte Hand und winkt diesem zu. Viele Male hat er diese Bewegung schon ausgeführt und so gelingt es ihm auch leicht, die von Mutter Sumu geschenkte Kraft zu formen, zu lenken , die mittlerweile überhaupt nicht mehr hindernde geistige Mauer von Alrik zu umgehen und den gewünschten Effekt hervor zu rufen.
Zufrieden lässt sich Farmion wieder auf sein Schemel zurückfallen, umfasst den Gänsekiel und beobachtet neugierig und voller Wissensdrang die folgenden Szenen. Denn schlagartig steht Alrik auf, wirbelt einmal um seine eigene Achse, so dass der Bank auf welchem er saß nach hinten fällt und mit ihm seine 3 Gefährten, dessen Last der Bank ebenfalls zu tragen hatte. Mit einem schreckensverzerrtem und erstauntem Gesicht beginnt Alrik zu tanzen. Doch ist es kein Tanz, wie man ihn von den wundersamen Sharisadim an den Palästen der Sultane und Kalifen hören vermag, sondern ein verzerrtes Abbild dessen. Alrik`s Beine bewegen sich blitzschnell, sein Körper zuckt hin und her und immer wieder dreht er sich um seine eigene Achse. 
Die umstehende Menschenmasse blickt erst belustigt auf Alrik und beobachtet seinen Tanzdrang, als dieser beginnt, sich auf den Tisch zu stellen und wild herum zu tanzen. Langsam aber sicher weicht die Belustigung dem Erstaunen über das Tun, bis schließlich der Schrecken Einzug hält, hat doch schon der Eine oder Andere von Alriks plötzlichen Anfälle in dieser Taverne gerüchteweise vernommen und so munkelt schon der erste Handwerker was von "Besessenheit" und "Pakt mit dem Rattegezücht". Die ersten Gäste verlassen schon schier fluchtartig die Taverne, um die Stadtgarde zu benachrichtigen, andere wiederum versuchen, Alrik`s Arme und Beine zu fassen zu bekommen, um ihn ruhig zu stellen. Doch ein jeder dieser Versuche ist zum scheitern Verurteilt und scheint Alrik irgendwie noch mehr an zu spornen. Einige ganz besonders fromme Bauern gehen in die Knie und beginnen, die Herrin Peraine und Hesinde an zu flehen, den armen Alrik zu heilen, währenddem die anderen zu Praios beten, er möge doch den Sünder seine gerechte Strafe erteilen. 
Kreidenbleich beobachtet der Wirt das ganze Geschehen und hält sich an dem Tresen fest, um nicht um zu fallen. Schwer nach Atem ringend huscht sein Blick zu jener mysteriösen Gestalt und er zweifelt keinen Augenblick lang, dass diese seine Finger im Spiel hatte. Immerhin ist es nicht das erste Mal, das dem armen Alrik so was passiert. Er ist auch der einzige der Farmion aufstehen sieht, seine Sachen zusammenkramend und die Taverne verlassend, wie immer, ohne zu bezahlen.

Schnell und geräuschvoll fährt der Gänsekiel über das Papier und hinterlässt getrocknete Tinte, welche in Form von Buchstaben die Reaktionen von den Gästen und Alrik wiedergibt. Zufrieden lächelt der Druide über das Ergebnis, welches ihn doch ein wenig überraschen mag. Er schließt den schweren Einband, verstaut seine Sachen wieder in seiner Tasche und verlässt die Taverne, nicht ohne allerdings dem verängstigten kleinen Wirt noch leicht zu zugrinsen. 
Ein frischer Wind schlägt ihm entgegen, als er nach draußen tritt. Noch immer regnet es aus allen Wolken, doch scheint dies den Druiden nicht zu kümmern. Seinen Gedanken nachhängend macht er sich auf den Heimweg, um seine heutigen Beobachtungen aus zu werten.

Nachricht an Farmion

2001


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