Der Schwarze Limbus    

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Kreis des Lebens

Gwyllion

Ermattet von einer langen, anstrengenden Wanderung kehrt Du im Gasthaus "Zur lachenden Gans" ein und hoffst, daß das Schild über der Tür dem Namen Travias alle Ehre macht und Dir ein kräftiger Eintopf serviert wird. Vielleicht läßt der Wirt ja mit sich handeln und gibt Dir für Deine spärlichen Münzen noch ein Stück Fleisch oder wenigstens etwas Brot dazu...

Der Raum ist brechend voll, als Du die Schankstube betrittst. Einzig im hinteren Teil ist ein Tisch fast leer.

Daran sitzt ein Mann und Du begibst Dich dorthin, nicht ohne Deine Bestellung beim leicht untersetzten Wirt abgegeben zu haben. Nach dem Fußmarsch möchtest Du wahrlich nicht noch beim Essen stehen!

Als Du Dich bis dorthin durchgedrängelt hast, wo Du den freien Platz gesehen hast, siehst Du, daß zwar Plätze frei sind, der ganze Tisch aber mit Papieren und Pergamenten übersäht ist.

"Ein gelehrter Herr." fährt es Dir durch den Kopf, doch diese Vermutung verflüchtigt sich rasch als Du die Bekleidung siehst und das Instrument auf der Bank neben ihm - einen fahrenden Barden hast Du Dir da als Tischnachbarn ausgesucht.

Der gute Mann bemerkt Dich kaum, als Du bittest, dich zu ihm setzen zu dürfen, so vertieft ist er in eine offensichtlich komplizierte Reimbildung. Seine Stirn bildet tiefe Sorgenfalten und an den zerknüllt Blättern, die auf dem Boden verstreut liegen, kannst Du ablesen, daß er offensichtlich arge Probleme bei der Formulierung dessen hat, was ihm auf der Zunge brennt.

Irgendwann, Du löffelst mittlerweile Deinen Eintopf und haderst damit, was aus der Menschheit geworden ist, denn bezüglich des Fleisches hat der Wirt im Preis nicht mit sich reden lassen, wirft Dein Tischnachbar entnervt die Feder weg, bestellt ein Starkbier und wendet sich Dir zu.

Leicht überrascht, daß er Dich doch bemerkt zu haben scheint, hörst Du Dir seine noch ungewöhnlichere Bitte an:

"Lieber Fremder, sagt, könnt Ihr mir vielleicht mit einem Verse aushelfen? Ich finde keine Worte, das zu beschreiben, was mir widerfahren ist. Wahrlich traurig, wie weit ist es mit mir gekommen, daß ich als Barde stumm bleibe!"

"Äh nun, ich kann aber nicht... ich hab’ doch noch nie.." stammelst Du und dann fällt Dir etwas sehr Wichtiges ein "Worum geht es überhaupt, was ist Euch denn widerfahren?" fragst Du, mittlerweile neugierig geworden und Deinen Gram über das karge Mahl vergessend.

"Eine Frau!" kommt die einfache und doch vieldeutige Antwort, denn neben dem Gedanken "Ach so, das." meinst Du aus der Stimme des Sangesmannes sehr ambivalente Gefühle herauszuhören. Faszination, Irritation, Begeisterung, Anbetung gar, auch ein Stück Verzweiflung vielleicht. Wer weiß, was das für ein Weib war!

"Wißt Ihr, ich konnte es bisher nicht in Worte kleiden, also weiß ich nicht, ob ich Euch eine Vorstellung davon geben kann, was ich meine, aber wenn’s nicht gleich gereimt sein muß, will ich es Euch gerne erzählen."

"Alles fing damit an, daß mir dieser Bengel einen Bären aufgebunden hat und mir eine Abkürzung durch den Wald zu diesem Gasthaus beschrieb, die es vermutlich gar nicht gibt, denn ich habe mich jedenfalls hoffnungslos verirrt. Da stand ich also im Wald und wußte nicht mehr vor noch zurück.

Na ja, wie ich da so durch’s Unterholz tapste, kam ich zu einer Lichtung. Ich war sehr erstaunt, da eine Frau zu sehen, die Kräuter sammelte.

"Eine Hexe!" fuhr es mir durch den Sinn, denn wer sollte sonst ganz allein im Wald sein?

Als ich näher kam, sah ich aber sofort, daß das nicht sein konnte, dazu war sie viel zu jung und sie hatte auch gar keine roten Haare. Eine Katze war auch nirgends zu sehen.

Schön war sie, aber das war es nicht, was mir zuerst auffiel und diese Erkenntnis überfiel mich auch erst, je öfter ich sie betrachtete. Sehr jung noch muß sie gewesen sein, unter zwanzig auf jeden Fall. Nicht groß. Braunes Haar, ich hätte es fast für unscheinbar gehalten, aber als die Sonne darauf schien, was für Farbfacetten! Die Augenfarbe habe ich vergessen, so unergründlich war sie, oder es kann auch sein, daß das eher an ihrem Ausdruck lag.

Mürrisch, traurig, ich vermag es nicht zu sagen, was ihre Geheimnis war. Auf jeden Fall schien sie mich abzuschätzen, einzuschätzen.

"Was wollt ihr hier?" kam es fast feindselig von diesen Lippen, die ach, siehst Du, da fehlen mir wieder die Worte!

Sie wich ein paar Schritte zurück. "Bleibt, wo Ihr seid!"

"Aber ich will doch nur den Weg zum Gasthaus finden." Sagte ich und machte ein paar Schritte auf sie zu. Sie zu beruhigen, erreichte ich damit aber nicht "Zurück!" Dazu hatte ich allerdings keine Gelegenheit mehr, denn ich stolperte über einen Ast.

Ja, lach’ nur, ich fand das gar nicht komisch, vor allem, weil ich schwören könnte, daß das blöde Ding vorher noch nicht dort war. Äste könne ja noch immer nicht laufen, oder?

Sie schien das aber zu erheitern, denn ihre feindselige Mine erhellt sich und meinen Ärger vergaß ich über ihrem Lachen, das - ja wie war es? - perlend, glucksend, spöttisch, schadenfroh, einfach nur belustigt? Ich kann es nicht beschreiben.....

Wie ich mich so aufrappelte und meine Beinkleider abklopfte, kam sie näher und begann, mir den Weg hierher zu erklären. Plötzlich schien es ganz einfach.

Ich konnte mich allerdings kaum auf die Beschreibung konzentrieren, denn da war noch etwas:

Die ganze Zeit, während ich mit ihre sprach, schien sie irgendwie in Bewegung zu sein, bald wellten sich ihre Haare, bald meinte ich, daß sich ihr Umhang bewegt habe. Das war vermutlich nur die leichte Brise, die uns umwehte, aber es war das entzückendste Windspiel, das ich je gesehen habe und wohl das einzige lebendige!

"Schöne Maid, darf ich Euch auf einen Trunk entführen, zum Danke, daß Ihr mich aus meiner Not befreit habt, denn ohne Euch wäre ich gewißlich noch lange in Diesem Wald umhergeirrt und vielleicht wäre mir gar ein Unglück geschehen, ein Waldgnom oder eine Hexe hätte mich verzaubern können oder etwas ähnliches."

Dann stand sie vor mir, als ich mich gerade auf die Knie gestützt hatte, um meine Tasche aufzuheben. Bei meinen letzten Worten hatte sie wieder dieses Lächeln hören lassen, herrje, was sollte es nur bedeuten?

"Ja, Ihr solltet wirklich schnell den Wald verlassen, bevor Ihr noch auf eine Hexe oder etwas ähnlich Schreckliches trefft! Das könnte Euch gar schlecht bekommen! Ich wünsche euch viel Glück auf Eurem Weg!"

Jedenfalls lehnte sie mein Angebot ab, selbst meine ganze blumige Überredungskunst konnte sie nicht umstimmen. Himmel, dieses Weib hat vielleicht einen eigenen Kopf!

Und dann kann ich mich an nichts mehr erinnern, meine aber, daß sie mir über mein Gesicht oder jedenfalls die Stirn strich und dann bin ich wohl ihrer Beschreibung nach hierher gekommen, denn ich weiß nur noch, daß ich auf einmal so furchtbaren Durst hatte und alles, aber wirklich alles für ein Bier gegeben hätte. Ich war ja auch schon eine ganze Weile unterwegs gewesen.

Stellt Euch das vor, ich Esel habe diese Frau nicht mal nach ihrem Namen gefragt. Und ich bin so schnell davon geeilt, daß ich gar nicht auf den Weg geachtet habe, nie im Leben würde ich den Weg durch den Wald zurück zu der Lichtung finden. Aber selbst wenn, weiß ich gar nicht, wo sie lebt, in dem Wald bestimmt nicht. Wer will das schon?

Ach, ich werde ewig daran verzweifeln, sie zu suchen oder wenigsten in meinen Liedern wieder zum Leben zu erwecken, so wie sie vor mir stand!"

 

Nachricht an Gwyllion

1999


Der Schwarze Limbus Nachricht an die Autoren (c) 1998-2000; letzter Planastrale Anderwelt gewirkt am 11.11.00