Der Schwarze Limbus    

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Kreis des Lebens

 

Jandara

Kalt fuhr der Wind über die karge Landschaft der Hollerheide. Javier und seine Freunde irrten nun schon seit Stunden über das Land ohne denjenigen zu finden, dem ihre Suche galt. Misstrauisch blickte er zum Himmel empor, die bleigrauen Wolken schoben sich immer schneller über das Firmament und weit hinten am Horizont, dort wo sich eine finstere Schwärze zusammenzog, zuckten schon die ersten Blitze. "Hier sind keine Spuren zu finden! Wir sollten umkehren!" rief der Halbelf seinen Freunden zu, den Jagdspeer fest in der rechten Hand. Tjalva, die Kriegerin, stieß einen leisen Fluch zwischen den Zähnen hervor. "So eine Orkscheiße!" schimpfte sie, doch auch ihr wurde mit einem Blick zum Himmel klar, dass es mehr als unvernünftig wäre, noch tiefer in die ihnen unbekannte Wildnis der Hollerheide vorzudringen.
Auch die anderen Zwei nickten und machten einen enttäuschten Eindruck. Sie waren sich so sicher gewesen, aber wahrscheinlich hatten sie nur eine Halluzination gehabt. Schließlich wusste ein jeder, dass es keine Einhörner gab. Und doch...
Unermesslicher Reichtum wäre ihnen sicher gewesen, die Erfüllung all ihrer Träume.
Die Sonne war nun ganz und gar von den tiefhängenden Wolken verdeckt und Javier stellte fest, dass es ihm unmöglich war, die Himmelsrichtung festzulegen, aus der sie gekommen waren. Diese verdammte Heide, nichts als strohiges, borstiges Kraut, Flechten und Steine und ... er traute seinen Augen kaum ... dort keine dreihundert Schritt von ihnen entfernt duckte sich eine kleine windschiefe Kate unter die weitausladenden Zweige einer riesigen Kiefer. Heimelig leuchtet warmes Licht durch die kleinen mit Pergament bespannten Fenster und eine helle Rauchfahne stieg aus dem Kamin empor um sofort wieder vom Sturm zerrissen zu werden. Der Baum bog sich im Wind und auch für die Helden wurde es hier draußen immer unangenehmer, da jetzt auch noch ein grässlicher Regen niederging. "Das Haus dort!" der Halbelf machte seine Freunde auf die Hütte aufmerksam. "Kommt, fragen wir, ob wir für die Dauer des Unwetters dort unterkriechen können." Er wartete keine Antwort ab, sondern schritt sofort, gegen den starken Wind ankämpfend, los.
Schon nach dem ersten Anklopfen wurde die Tür geöffnet und eine wohlige Wärme schlug ihm entgegen. Das Krachen eines nahen Donners zerriss die Stille.
Eine Frau stand in der Tür und blickte die vor Nässe tropfende und mit den Zähnen klappernde Truppe an.
"Was wollt ihr?" fragte sie mit rauer Stimme und es klang nicht gerade nach einer Einladung näher zu treten. 
Javier fühlte sich sehr unwohl unter dem prüfenden Blick der Frau, so blickte er also hinunter auf seine Schuhe und sagte: "Verzeiht die Störung, mein Name ist Javier Lichterglanz und das hier" er drehte seinen Kopf leicht in Richtung seiner Freunde, " Nun ja, das sind meine Freunde, die starke Tjalva, der schnelle Miguel und Tuan."
Die Frau blickte ihn immer noch streng an, dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen um über seine Schulter zu blicken. "Ah ja, der schnelle Miguel, ich seh schon, besonders schnell ist er offensichtlich im Zähneklappern. Ich bin Jandara." 
Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab und ging in die Stube. Da sie die Tür offen ließ, nahmen die durchgefrorenen Abenteurer dies als Erlaubnis die Kate zu betreten.
Der kleine Raum wurde beleuchtet von drei Öllampen, die unter dem strohgedeckten Dach, mit Ketten direkt an den Balken befestigt waren. Ein kleiner Tisch stand auf der linken Seite mit zwei Stühlen daran unter einem Fenster, ringsum an den Wänden waren Regale angebracht, auf denen sich Bücher, Schriftrollen, Postillen, kleine mit rotem Band geschnürte Säckchen, Tiegelchen, Kräuterbündel, Dosen und Gläser, in denen sich meist undefinierbare Flüssigkeiten befanden, drängten.
Ein munteres Feuerchen prasselte in dem Kamin an der Rückwand und an einem Schwenkarm darüber hing ein Topf, aus dem ein köstlicher Geruch aufstieg. Neben dem Kamin lag ein blauer Teppich, und Javier hätte schwören können, das dieser thorwalschen Ursprungs war.
Jetzt hatte er auch Gelegenheit, die Besitzerin des Hauses näher in Augenschein zu nehmen, die sich gerade an dem Topf zu schaffen machte. Sie war von durchschnittlicher Größe und gekleidet wie eine typische weidener Landfrau. Mit der Ausnahme, dass ihre Füße, nackt waren. Doch das Auffälligste an ihr war ihr Haar. Brandrot wallte es in feurigen Kaskaden hinab bis zu ihrer Hüfte. Sie drehte sich um und blickte ihm genau in die Augen, so als hätte sie gemerkt, dass er sie beobachtet hatte.
Ihre Augen waren so grün wie das Moos der Heide. Einen Wimpernschlag lang war der Halbelf sprachlos, noch nie war er bisher einer so schönen Frau begegnet. "Was stehst du hier herum?" fragte sie ihn, "Na los, mach dich nützlich und verschließ die Fensterläden von außen."
Ohne zu murren kam er der Aufforderung nach. Draußen wütete der Sturm noch stärker, Blitze zuckten kreuz und quer über den schwarzen Himmel und nichts erinnerte daran, dass dieser Tag mit dem lieblichsten Sonnenschein begonnen hatte. Immer wieder wurden Javier die Holzläden aus der Hand gerissen. Seine Finger wurden von der Nässe und Kälte ganz steif, so dass es immer schwieriger wurde die Läden festzuhaken. Doch nach einer Weile hatte er es geschafft und betrat schnell wieder die schöne warme Stube.
Er erkannte den Raum kaum wieder, Jandara saß mit seinen Freunden in der Mitte des Raumes auf dem Fußboden, eingekuschelt in warme Decken und weiche Kissen, alle hielten Holzschalen mit dampfender Suppe in den Händen. Als sie Javier hereinkommen sah, stand sie mit einer anmutigen Bewegung auf, ging auf ihn zu und nahm ihm ungefragt seine durchnässte Jacke ab um ihn dann mit sanften Druck zu den anderen zu schieben. 
Doch kaum hatten sie sich in ihre Decken gekuschelt, klopfte es wieder an die Tür. Nein, eigentlich war es kein Klopfen, sondern eher ein Kratzen. Wieder erhob sich die schöne Frau seufzend und öffnete die Tür. Hereinstolziert kam ein Rabe, der, die Gäste des Hauses ignorierend, eine Spur aus kleinen Wasserpfützen hinter sich lassend, majestätisch zu einem der zwei Stühle hinüberschritt, dann wasserverspritzend hochflatterte um sich auf der Lehne niederzulassen und sich in aller Ruhe zu putzen. "So," stellte Jandara lächelnd fest, "da bist du ja endlich." Die Erleichterung in ihrer Stimme war nicht zu überhören.
Dann nahm sie wieder bei den anderen Platz und bat sie ihr zu erzählen, was sie hierhin, ans Ende der Welt geführt hatte...

 

Nachricht an Jandara

2001


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