Der Schwarze Limbus    

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Kreis des Lebens

 

Larissa vom Blautann

Müde und erschöpft schleppst du dich voran. Kaum vermagst du dich noch auf den Beinen zu halten, obwohl dir die Angst im Genick sitzt und dich immer weiter treibt. Immer und immer wieder verfluchst du den Tag, an dem du beschlossen hast, herauszufinden, was an den Schauermärchen über diesen Wald wahr ist und was nur Teil der Legenden.

Zuerst war alles gut. Du hast den Wald von Osten her betreten und warst überrascht, wie friedlich alles dort war. Schön gewachsene Tannen, hin und wieder eine von Praios hellem Schein überflutete Lichtung, auf denen verschiedenste Blumen und Kräuter gedeihen, von denen du auch einige mitgenommen hattest. Doch plötzlich änderte sich der Eindruck. Der Frieden, die Schönheit des Waldes erschien dir mit einem mal zu grell, zu übersteigert, falsch. Und wie du dieses erkanntest, begann der Wald sein wahres Antlitz zu offenbaren. Dunkle Wesen, erahnter Schemen gleich, begannen dich zu beobachten, dir zu folgen, dich zu jagen. Düstere Tannen griffen nach deiner Kleidung, krallten sich in deine Haut, boshafte Wurzeln trachteten danach dich zum Fallen zu bringen. Doch du konntest dich ihnen immer und immer wieder entziehen. Nur hast du dabei zu deinem Unglück die Orientierung verloren und ziellos treibt dich die Angst durch den Wald, immer auf der Hut, vor den Wesen die dich jagen.

Langsam versinkt die Praiosscheibe, wie du an den dunkler werdenden Schatten und der aufkommenden Kälte bemerkst. Doch ist das wirklich nur die abendliche Kühle? Schaudernd denkst du an Geister und Dämonen, die, nachdem das wachsame Auge der Gerechtigkeit verschwunden ist, aus ihren Löchern kriechen, um sich an der Hatz auf dein Blut zu beteiligen. Da! Ein merkwürdiger Schrei! Du spürst wie sich deine Nackenhaare aufstellen. Und was ist das für ein schwarzer Schatten aus dem so underische Laute klingen? Verzweifelt versuchst du, dich schneller vorwärtszuschleppen, doch deine Erschöpfung und der unebene Boden lassen dich nicht schneller vorankommen, ja, du wirst noch langsamer, als sich die Nacht tiefer über Dere legt. Die Verzweiflung erhebt ihr häßliches Haupt in deiner Brust und du kannst ein Aufschluchzen nicht verhindern. Turmhohe Schatten sind um dich herum, greifen nach dir, rauben dir dein Leben. Du vermeinst zu spüren, wie sie dich verspotten, ob deiner Schwäche und Angst. Nein, du bist kein Gegner für sie, du zerbrichst zu schnell an ihren Spielchen. Dennoch lassen sie nicht von dir ab, rücken näher an dich heran.

Grade als du glaubst, daß dein letztes Stündlein nun geschlagen hat und du schon deine Seele dem gnädigen Herren BORon anvertrauen willst, siehst du einen schwachen Lichtschein durchs trockene Geäst. Ein Fünckchen Hoffnung glimmt in dir auf, als du auf das Licht zustolperst, während du dich selbst einen Narr schimpfst. Es wird wohl nur eine niederhöllische Grausamkeit mehr sein, erschaffen, um dich zu quälen. Plötzlich stolperst du und schlägst der Länge nach hin. Als du dich aufrappelst stehst du wieder auf einer Lichtung, über die sich PHExens Sternenrund spannt. Vom Schein des Madamals übergossen steht vor dir ein kleines Holzhäuschen. Der Lichtschein den du siehst fällt aus einem Fenster, das mit, wie du voller Staunen bemerkst, einer echten Glasscheibe verschlossen ist. Vorsichtig und voller Neugier schleichst du dich näher, um durch das Fenster zu spähen. Alle Angst und Erschöpfung ist vergessen. Als du durch das Fenster blickst, stockt dir der Atem. In der Mitte des vor dir liegenden Raumes sitzt eine wunderschöne junge Frau an einem Tisch und schreibt eifrig in ein kleines Buch. Lange starrst du sie an, siehst, wie das Feuer in der großen, offenen Feuerstelle lebhafte Muster auf ihre bloßen, schimmernden Schenkel malt, betrachtest ihr weich fallendes, braunrotes Haar. Wie du sie so betrachtest, richtet sich sich plötzlich auf, legt die Feder beiseite und streckt sich ausgiebig. Dann steht sie auf und ist, schneller als du es überhaupt realisierst, zur Tür, die sie nun öffnet und dir einen langen Blick zuwirft. Einen Moment lang bist du starr vor Schreck und Staunen, dann merkst du, wie dir die Schamesröte ins Gesicht steigt. Doch bevor du noch ein Wort sagen kannst, hat sich dich schon am Arm gegriffen, in die Hütte geführt und in einem bequemen Lehnstuhl gesetzt. Nachdem sie dir noch eine Decke gegeben und einen Becher Gulmond in die Hände gedrückt hat, setzt sie sich dir gegenüber hin und schaut dich eine Weile schweigend an. Vorsichtig schlürfst du deinen Tee und betrachtest sie über den Rand deiner Tasse hinweg. Hochgewachsen ist sie, hell ihre Haut und die Augen von einem Grün, daß einzuordnen dir schwerfällt. Doch am meisten fesselt dich ihr Gesicht. Nicht ihre ebenmäßigen Züge sind es, sondern diese merkwürdige Ausdruck, den du nicht zu deuten weißt. Ist sie ärgerlich, daß du spioniert hast? Erheitert ob deiner Ängste? Besorgt? Interessiert? Wobei letzteres ein flaues Gefühl in deiner Magengrube auslöst. Plötzlich hebt sie an zu sprechen. Gerade als du es am wenigstens erwartest, so daß du vor schreck einen Teil deines Tees über deine Kleider kleckerst. „Du hast Glück gehabt“, meint sie, wobei du dir da nicht ganz sicher bist, „daß du mich gefunden hast. Warum bist du überhaupt in den Wald gegangen? Nein, sag es nicht, ich weiß es, dein Blick sagt es mir, deine Neugier wars, die dich dazu trieb.“ Nachdenklich mustert sie dich. „Du kennst doch all die Geschichten, die sich um den Blautann und seine Bewohner ranken, nicht wahr? Warum mußtest du dein Glück herausfordern?“ Eine kurze Pause schließt sich an. Du spürst wie der Gulmond seine Kräfte entfaltet, merkst wie die wohltuende Wärme dich in einen angenehmen Dämmerzustand versetzt. „Du hast einiges gesehen, aber nicht das was dahintersteht, was diesen Wald so gefährlich macht.... Ja, es gibt Orte in diesem Wald, die sind voller Schönheit, Orte an denen ich gerne verweile. Aber dieser Wald hat auch dunkle Orte, zu denen nicht einmal ich mich traue, und dieser Wald versteht sich zu schützen! Denn das Schöne will nicht immer erkannt werden, während das Dunkle versucht, die Wanderer in seinen Bann zu ziehen. Siehe! Wer dunkles in sich trägt, dem verschließt sich das Licht und der findet hier das was er in sicht trägt und mehr, doch demjenigen, der nichts böses mit sich bringt, der keine Ängste vor sich selbst verbirgt, dem wird der Wald nichts anhaben, denn dann sorgt die lichte Seite des Waldes dafür, daß du unbeschadet bleibt. Doch wenn du weißt, wo das Böse haust, und du begibst dich dennoch dorthin, dann kann dir niemand helfen und du bist verloren und niemals kehrst du zurück.“ Stille schließt sich an ihre Worte an, nur von dem Prasseln des Feuers unterbrochen. Lange grübelst du noch über das Gesagte, so daß du nicht merkst, wie du einschlummerst.

Du erwachst, als ein vorwitziger Sonnenstrahl deine Nase kitzelt. Mürrisch greifst du nach der Decke, um sie dir über den Kopf zu ziehen, da merkst du am Geruch, daß dies nicht dein Bett ist, daß das Erlebte nicht bloß ein böser Traum war. Du schlägst die Augen auf und erblickst ein überquellendes Bord. Langsam richtest du dich auf und läßt den Blick schweifen. An den Wänden sind überall Regale, auf denen die wunderlichsten Dinge lagern. Deine Gastgeberin sitzt am Tisch und ißt. Sie trägt ein schwarzes, eng geschnittenes Kleid und gerade als du dich fragst, wo sie wohl geschlafen haben mag, spricht sie dich an. „Guten Morgen! Ich hoffe du hast besser geschlafen als ich! Denn hätte ich gewußt, daß du so lebhaft träumst, hätte ich dich nicht mit in mein Bett gelassen. Jetzt hast du hoffentlich genug geschlafen, denn ich werde dir einen Weg in ein Dorf zeigen, das natürlich außerhalb liegt. Aber es ist ein weiter Weg, also spute dich!

Nachdem du aufgestanden bist und du dich nach einer kurzen Wäsche angekleidet hast, wobei du bemerkst, daß die übelsten Löcher deiner Kleidung vernäht sind, ißt du noch schnell eine Kleinigkeit, bevor ihr aufbrecht. Lange stapft ihr durch den Tann, immer bist du bemüht nicht den Anschluß zu verlieren, denn deine Führerin wartet nicht auf dich, wenn du zurückfällst. Nach stundenlangen Marsch, es mögen wohl 15 Meilen oder mehr gewesen sein, bleibt sie plötzlich stehen und deutet auf eine Stelle im Wald wo ein schmaler Pfad zusehen ist. „Folge diesem Pfad, weich nicht davon ab, egal was auch geschieht, und du wirst noch ehe die Sonne versinkt ein Dorf erreichen. Frag nach der Witwe Knurrhahn, sie wird dich beherbergen.“ Nach diesen Worten geht sie einfach davon und ist innerhalb von Augenblicken verschwunden.

Du dagegen machst was sie dir riet und erreichst tatsächlich kurz vor Sonnenuntergang einen kleinen Weiler. Nachdem du dich zur Witwe Knurrhahn durchgefragt hast, und du deine Bitte um ein Nachtlager vorgebracht hast, genießt du erstmal die dicke Suppe, die dir die alte Frau gekocht hat. Später am Abend, als ihr beide am Feuer sitzt, beginnst du von deiner Begegnung im Wald zu erzählen. Doch die Reaktion der Alten hast du nicht erwartet! Immer wieder und wieder läßt sie sich die Frau beschreiben, wobei sie jedesmal unverständlich vor sich hinmurmelt und bleich wird. „Das kann nicht sein!“ Ruft sie schließlich aus. „Ihr beschreibt die kleine Larissa! Aber die ist doch... ja die ist... Ich muß euch etwas erklären: Die Frau die ihr beschreibt, ist Larissa, die mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in einem schmucken Häuschen am Ende des Pfades lebte, den ihr herausgekommen seid. Nun trug sich vor einiger Zeit zu, daß niederhöllische Kreaturen das Häuschen und alles was darin war zerstörten. Von den Bewohnerinnen fehlt seitdem jede Spur, so daß wir glauben, daß sie alle tot sind, oder vielleicht sogar Schlimmeres! Ist euch etwas an ihr aufgefallen? Oh, vielleicht hat eine der Drei doch überlebt, doch warum ist sie dann nicht zu mir gekommen?“ Bei dem Gerede wird dir anders. War es nicht so, daß du am Abend die Regale nicht bemerkt hattest? Wußte diese Larissa nicht um deine Gedanken? Angst überkommt dich, Angst, daß du der Gast eines Geistes warst, aber auch die Frage beginnt dich zu quälen, ob sie nicht doch noch unter den Lebenden weilt und nicht alles Erlebte nur ein Traum war und warum sie sich dann nicht mehr zeigt, Fragen auf die es keine Antwort für dich gibt.

 

Nachricht an Larissa

1999


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