Der Schwarze Limbus    

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Kreis des Lebens

Leyla-Azila ya Fysalel

Du sitzt schon eine ganze Weile im „Madamal“, einer Schenke in Alt-Gareth, in direkter Nähe des Perainetempels, und wartest auf jemanden, der dich in seiner Antwort auf dein Schreiben hierher bestellt hat. Ungeduldig beobachtest du den Eingang zum Schankraum und trinkst bedächtig dein Bier.

Als dann schließlich die Erwartete durch die Tür tritt und sich nach kurzem Umblicken dir in leicht wiegendem Gang eilig nähert, bist du doch ein wenig erstaunt. Dein Informant hat sie dir zwar als schön beschrieben, aber die nicht besonders hoch gewachsene Frau verfügt über ein so liebliches Gesicht, von prachtvollen, feurigroten und im Nacken durch ein grünes Haarband zusammengehaltenen Locken umrahmt, dessen mit langen Wimpern gesegnete, leuchtendhellgrüne Augen dich mit ihrem abschhätzendem Blick gefangen halten, daß du erst gar nicht daran denkst, den Rest des geübten und wohlgeformten Körpers zu betrachten.

Da sie sich hinsetzt, wirfst du schnell noch einen Blick auf ihre Beine, deren Konturen von einer engen Hose aus weißem Bausch eher hervorgehoben als verborgen werden und die unterhalb der Knie in enganliegenden Stiefeln aus geschwärztem Samtleder stecken. Am Oberkörper trägt sie eine bis auf die Oberschenkel reichende Weste aus violettem Samt, die um die Taille durch einen breiten Gürtel zusammengehalten wird, über einem Hemd aus feinstem Leinen, dessen weite Ärmel den Blick auf ein kunstvoll ornamentiertes Paar breiter Manschettenarmreife aus Silber freigibt, das ihre Unterarme fest umschließt. An einem breiten silberbesticktem Schultergurt trägt sie links Rapier und Linkhand, beide mit Silbergravuren verziert.

„Ihr wolltet mich sprechen?“, hörst du sie fragen, als sie sich dir gegenüber niederläßt und gleichzeitig in einer geschmeidigen Bewegung den Waffengurt über den Kopf zieht und griffbereit an einen Stuhl lehnt. „Ich bedaure, euch warten gelassen zu haben, aber ich wollte einige Mercenarios zu einem Geleitauftrag anwerben und deren Anführerin erwies sich als bemerkenswert widerspenstig im Hinblick auf ihre Bezahlung.“ Sie zieht ein Blatt Papier aus ihrem Gürtel hervor und wedelt damit in der Luft herum. „Ihr wolltet eine Stellungnahme zu einigen Dingen, die ihr über mich gehört hattet. Normalerweise hätte ich Euer Gesuch abgewiesen, aber euer Schreiben enthält solch kompromittierende Unwahrheiten, daß ich wohl gezwungen bin, einiges richtigzustellen. - Marescha! Das Übliche, bitte!“

„Also, um auf Eure Zeilen zurückzukommen...Das was ihr über meinen Lebenslauf schreibt, stimmt zu großen Teilen. Auch wenn es hier kaum einer weiß, habe ich tatsächlich in jungen Jahren in Vinsalt als Gesellschafterin gewirkt. Auch meine Reise durch den ganzen Westen Aventuriens hat in der von euch beschriebenen Form stattgefunden, ebenso wie die Expeditionen in den Brabaker Dschungel und die Selemer Sümpfe. Das herauszufinden ist ja auch keine große Kunst, habe ich meine Erlebnisse doch in einigen meiner Werke veröffentlicht Auch meine Verdienste in der Reichsarmee während des Orkensturms lassen sich leicht nachprüfen.“ Die Schankmaid bringt einen Becher Wein, stellt ihn vor deiner Gesprächspartnerin ab und zieht sich dann eilig zurück, nachdem sie ein großzügiges Trinkgeld erhalten hat.

„Aber was dann kommt! Laut euren Informanden soll ich eine mächtige Angehörige eines Hexenzirkels im Kosch sein, mehrere wichtige Personen des Garether Lebens mit Zauberkräften unterworfen haben etcetera, etcetera...Ihr glaubt wohl auch, daß jede Rothaarige auf den Scheiterhaufen gehört. Wo kommt ihr her? Aus Weiden oder dem Bornland? Glaubt ihr wirklich, ich hätte es nötig, billige Zaubertricks anzuwenden? Und wenn ich so etwas überhaupt einmal in Betracht gezogen hätte, dann wäre ich wohl auf einen Soldmagier angewiesen gewesen. Außerdem, falls ich tatsächlich all das wäre oder getan hätte - wie kommt ihr dann ausgerechnet auf den Kosch? Wart ihr schon einmal da? Außer Bergen, Angroschim und den einen oder anderen abergläubischen Bergbauern gibt es da nämlich nichts was von Interesse für Euch sein könnte. Das ist einer der unzivilisiertesten Orte, den ich je bereist habe. Dahin zieht mich nun wahrlich nichts...

Daß ihr für den Fall, daß ihr mir weiterhin Unterweltkontakte andichtet, mit einer ernstzunehmenden Duellforderung meinerseits zu rechnen habt, ist euch natürlich bewußt, oder?“

Bei den letzten Worten scheinen ihre Augen dich auf der Stelle töten zu wollen und du bist froh, weitere Leute um dich zu haben. Sie steht dann auf, trinkt ihren Wein noch schnell aus, nimmt ihre Waffen wieder an sich und scheint es plötzlich sehr eilig zu haben, dich zu verlassen.

 

Leyla als Meisterperson

Nachricht an Leyla

1999


Der Schwarze Limbus Nachricht an die Autoren (c) 1998-2000; letzter Planastrale Anderwelt gewirkt am 11.11.00