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Lythande
Du stehst auf einem Hügel und blickst auf
den wohl unheimlichsten Wald im weidener Land: dem sagenumwobenen Blautann. Du bist von
dem Dörfchen Ulmenau aus aufgebrochen, um dieses gespenstische Gehölz einmal mit eigenen
Augen zu sehen.
Es ist früher Morgen, die Sonne ist vor einer halben Stunde aufgegangen. Jetzt im Sommer
spührt man schon so früh ihre Kraft, aber aus Richtung des Waldes bemerkst du einen
eisigen Hauch, der zu die herüberweht. Du erinnerst dich an all die düsteren
Geschichten, die du schon gehört hast. Mit einem mal siehst du, wie sich am Waldrand
etwas bewegt, aber wegen des Morgennebels kannst du nichts genaues erkennen. Einen Dämon
oder schlimmeres erwartend duckst du dich hinter einen Holunderstrauch. Gespannt
beobachtest du die Gestalt, vor der sich die Nebel langsam lichten. Um so erstaunter bist
du, als sie sich als ein Mädchen, nein eine junge Frau entpuppt, die da aus dem finsteren
Wald tritt. Sie hat hüftlanges, leicht gewelltes Haar von kastanienroter Farbe. Ihre
Kleidung ist sehr einfach: ein kurzer Rock und ein ärmelloses Hemdchen aus grobem Leinen,
das den Bauchnabel nicht verdeckt. Schuhe trägt sie keine. Sie schlendert langsam über
die Wiese und bückt sich hier und da, um irgendein Kraut zu pflücken, das sie dann in
eine große Ledertasche steckt, die über ihrer Schulter hängt.
Du bist neugierig und beschließt sie anzusprechen. Als du auf sie zugehst, lächelt sie
dir freundlich entgegen und fragt fröhlich und ungezwungen:
"Gute Morgen, Fremder! Was machst du zu so früher Stunde an einem Ort wie diesem?"
Das gleich wolltest du sie gerade fragen.
"Oh, ich lebe hier in der Gegend und sammle Kräuter. Damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt," antwortet sie.
Du bist sehr erstaunt, daß in dieser Gegend jemand wohnen kann.
"Ach, du meinst den Wald! Das ist wahr, man muß erst lernen mit ihm zu leben, aber die Regeln sind ganz einfach: Bringst du Angst mit, so antwortet er mit Angst, bringst du Gewalt mit, so antwortet er mit Gewalt."
Dir wird die Fremde langsam unheimlich. Sie
redet von dem Wald, als wäre er eine Person. Aber trotzdem fühlst du dich von ihrer
sanften, natürlichen Schönheit und ihrer für ihre scheinbare Jugend zu weise blickenden
graugrünen Augen irgendwie angezogen. Einige zarte Sommersprossen verleihen iherem
Gesicht etwas Freches und ihre Haut hat eine gesunde sonnengebräunte Farbe, wie von
jemandem, der sein Leben hauptsächlich in der Natur verbringt. Aber irgentwie passen die
feinen Hände und die Art wie sie sich bewegt und wie sie redet nicht zu einem einfachen
Kräuterweiblein.
Plötzlich lacht sie laut auf: "Warum starrst du mich so erstaunt an? Glaubst du mir
etwa nicht? Komm, ich zeige dir den Wald!" ruft sie und nimmt dich bei der Hand.
Je näher du dem dichten Wald kommst, umso größer wird deine Angst. Mächtige
flechtenbehangene Fichten drohen dir, dunkle Tannen wiegen sich in einem nicht vorhandenen
Wind. Die Schöne läuft ohne zu zögern auf den undurchdringlich scheinenden Waldrand zu.
Da! War diese Lücke schon vorher da, oder hat sie sich eben aufgetan? Der Wald schließt
sich um dich herum und du meinst ersticken zu müssen. Verzweifelt klammerst du dich an
die Hand, die dich führt. Plötzlich dreht sich die Schöne um und blickt dich ernst an.
"Du hast Angst." stellt sie fest. "Du sollst keine Angst haben. Komm!"
Sie blickt dir tief in die Augen und tut etwas, das du nicht verstehst. Mit einem mal fühlst du, wie die Last der Angst sich von dienem Herzen hebt. Du kannst wieder freier atmen und beginnst den Wald mit anderen Augen zu betrachten.
Du verlierst völlig den Sinn für Raum und Zeit. Du schaust namenlose Schrecken, huschende Schatten, glühende Augen im Dickicht, aber auch Schönheit und Majestät, uralte Bäume, sonnenüberflutete Lichtungen und du meinst für den Bruchteil einer Sekunde ein Einhorn gesehen zu haben; oder war es nur ein Sonnenstrahl? Aber immer wieder siehst du das strahlende Gesicht deiner schönen Führerin vor dir.
Plötzlich, ohne es bemerkt zu haben, stehst du wieder an der Stelle, an der du den Wald betreten hast. Du fühlst dich, als wärest du soeben aus einem tiefen Schlaf erwacht. War alles nur ein Traum? Du drehst dich um, um die schöne Fremde zu fragen, aber sie ist verschwunden - genau wie der Pfad...
1999
Der Schwarze Limbus
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