Der Schwarze Limbus    

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Kreis des Lebens

Maercia de Jionville

„Wieviel?“ „500 Dukaten, das reinste Geschenk. Es handelt sich immerhin um eine fast vollständige Ausgabe der Magica Aventurica, Madame!“

„Fast vollständig, wie? Von 6 Bänden besitzt Ihr lediglich 2 und bei denen fehlt auch noch die Hälfte der Seiten!“

Gespannt verfolgst du die Diskussion am einzigen Bücherstand des Kusliker Marktes. Eigentlich wolltest du dich für deine nächste Reise ausrüsten, aber deine Aufmerksamkeit wurde auf dieses Gespräch gelenkt und nun fesselt dich der Anblick der vermeintlichen Käuferin. Obwohl du sie nur von hinten sehen kannst, muß es sich um ein äußerst wohlgestaltetes Geschöpf Sumu’s handeln. Das mittellange rote Haar wird durch ein Band im Nacken gehalten, so daß ein Blick auf ihre Schultern frei wird, die die hellgrüne Bluse nur unzureichend verdecken kann. Die nicht zu weit geschnitten Lederhose läßt die tadellose Figur darunter vermuten. Während des Gespräches lehnt dieses Geschöpf gemütlich an ihrem Wanderstab, der mit das Auge verwirrenden Mustern verschönert wurde. An ihrer Seite hängt ein Rapier und sie scheint durchaus in der Lage, ich auch zu benutzen. Der alte Kauz, der fest auf die Vollständigkeit seiner Bücher besteht, versucht ihr ein wahrlich zerfleddertes Exemplar anzudrehen und du verstehst ihre Entrüstung nur zu gut.

„Aber Madame, magische Bücher sind äußerst schwer zu erwerben und dementsprechend teuer, für weniger als 250 Dukaten kann ich diese wirklich nicht abgeben.“

„Dann müßt ihr euch wohl jemand anderes suchen, der euch euren Schund abkauft.“

Die junge Frau wendet sich entnervt ab. Erst jetzt kannst du sie von vorne betrachten. Ihre ebenmäßigen Gesichtszüge spiegeln die Vollkommenheit ihres Körpers wieder. Die tiefblauen Augen stehen in einem krassen Gegensatz zu ihren Haaren und –wie du gerade feststellst- mustern dich diese Augen amüsiert. Bevor du dir eine Erklärung für dein Verhalten einfallen lassen mußt, denn wer starrt einfach so eine fremde Frau an, wendet sie sich wieder dem Buchhändler zu.

„Was sagtet Ihr gerade?“

„Nun, vielleicht könnte ich, wenn Ihr dieses Exemplar wirklich haben wollt, noch ein wenig mit dem Preis herunter gehen.“

„Und wieviel wollt Ihr nun letztendlich für diese Bücher?“

„50 Dukaten?“ Sie scheint einverstanden zu sein, und die Bücher wechseln den Besitzer. Bevor du dich versiehst, mustern dich wieder diese blauen Augen, in die du versinken könntest. Beschämt wendest du deine Blick ab, kannst jedoch nicht der Versuchung widerstehen, noch einen letzten Blick auf diese außergewöhnliche Person zu erhaschen. Enttäuscht mußt du jedoch feststellen, daß sie bereits verschwunden ist und nur ein kleiner brauner Kater die Gasse herunter stolpert.

 

Nachricht an Maercia

1999


Der Schwarze Limbus Nachricht an die Autoren (c) 1998-2000; letzter Planastrale Anderwelt gewirkt am 11.11.00