Der Schwarze Limbus    

'

Kreis des Lebens

Nadschenka Lyrenaia, "Nadja"

Eine kleine dunkle Bauernkate, ein flackerndes Talglicht erhellt die Szenerie. Du hattest bei ihnen Unterschlupf gefunden, als dich ein Frühjahrsregen überraschte. Deine Freunde hatten dich in Gareth gewarnt. "Im Bornland regnet es, schneit es oder es ist so heiß, daß die Fliegen tot von der Decke fallen." hatten sie dir erzählt. Nun vom ersten beiden hattest du seit deiner Ankunft genug erlebt. Zum Glück war der Born befahrbar, so daß du dich nicht durch die Schlammlöcher, die die Einheimischen Straßen nennen, welch Hohn, quälen mußtest.
Doch in Balgerick muß dich dann der Namenlose geritten haben, als du großmütig meintest, zu Fuß weiterreisen zu müssen. 
Du warst dann auch völlig verzweifelt, als du dem Bauern und dieser Frau begegnet bist. 
Fredo sei er, und ja, er könne dich unterbringen, schließlich sei es Travias Gebot!
Daß die Frau nicht zu ihm gehört war dir gleich klar. Sie war weder so dünn noch so abgearbeitet wie der Mann, und ihre Kleider schienen sauber und nur wenig geflickt zu sein.
Wie dem auch sei, du hattest das seltsame Paar begleitet, bis ihr an Fredos Heim kamt.
Bei allen Zwölfen! Nicht einmal einen Hund würde ich so etwas zumuten, war dein erster Gedanke, als du die Kate zum ersten mal sahst. Doch zum nachdenken blieb nicht viel Zeit, denn kurz darauf saßt du schon in der Nähe der Feuerstelle und hieltest einen obskuren Brand in den Händen.
Währenddessen kümmerte sich die Frau, Frau Nadschenka nannten die Bauersleut sie, um ein schreiendes Etwas. Die Bäuerin, ein mageres, verhärmtes Ding, erzählte unterdessen, daß das 'Jungchen' ausgerutscht und einen Hang hinunter gekollert sei.
Während du dir schon ausmaltest, was aus dem Jungen wohl werden möge, da stellte diese Nadschenka fest, daß sie fertig sei.
Ein starkes Stück, dachtest du noch, kaum eine viertel Stunde da und schon will sie gehen, doch der Kleine hatte aufgehört zu weinen und bewegte wieder lachend seinen Arm.
Naja, wie dem auch sei, die junge Bäuerin hält ihr kleines Kind auf dem Arm, während ihr dünner Mann neben ihr steht und nervös seine Hände knetet und mit der Frau spricht, die vor den beiden steht und von der nur der Rücken zu sehen ist.
"Es war richtich, daß ihr mich glejch jeholt habt", meint diese gerade, und rückt ihr helles, grün besticktes Kopftuch zurecht. "Der Arm vom klejnen Travinje war mehr als nur jebrochen." Vier Augenpaare blicken kurz auf den rechten Arm des Jungen, dem niemand die erlittene Verletzung mehr ansehen kann.
"Und schau doch nicht so bangich drejn Fredo, du wejsst doch, wases kostn tut, nich?"
Unbehaglich nickt der Mann, während er sichtbar nach den rechten Worten sucht.
"Als das Jungchen vom Schitzen letzten Mond vom Baum gefallen war, haste Silber jefordert, Silber oder Fleisch war dejne Forderung jewesen. 
Aber woher nehmen? Das wenige, daß das Väterchen uns laßen tut rejcht jerade so zum Leben aus."
"Nu?" freundlich lächelt sie das Pärchen an. Gerade will er fortfahren, du siehst, wie er den Mund öffnet, da redet seine Rowinja los.
"Aber wir habben doch nichs!" meint sie verzweifelt und preßt den Kleinen fest an sich.
"Nana", antwortet die Fremde, "langsam sollta mich doch kennen, nich?
Habbe ich denn je mehr verlangen, als mir ejner jeben konnt?
Also, mejn Anjebot: Ihr jebt mir nen Ziejenkese, nen halbes Stejn Bulben und bringet mir bis der Herbst kommen mag nen Raumschritt Holz. Da habbta viel Zejt für und umbringen tuts euch och nich." 
Aufmerksam beobachtet die Frau die Bauersleute. Derweil nickt Fredo. "Ja, meint er, des jeht." 
Zufrieden lächelnd schlägt die Fremde in die ausgestreckte Hand des Mannes ein.
Ein anderes Kind, das bisher im Schatten der Erwachsenen stand und faktisch unsichtbar war, läuft los und holt einen kleinen Ziegenkäse. Die Fremde riecht einmal daran, wickelt ihn in ein Tuch und steckt ihn in die Schürzentasche.
"Peraine mit euch." verabschiedet sich und verläßt die Kate. Du siehst Fredo und Rowinja an, die erleichtert aussehen. "Det jeht ja noch", meint Rowinja. "Wer war das?" fragst du. "Die Frau Nadschenka war das, sie lebt seit 6 Jötterläufen in der Nehe, sie is janz patent und ihr Schnappes is juut, aber lejder ist se nich billich." antwortet Fredo und Rowinja fügt hinzu. "Nejn, nejn, billich ist sie nich, abber es jeht."
Du murmelst leise, daß du noch schnell austreten müßtest, verläßt die Hütte und läufst ihr hinterher. Eine bornische Heilerin, soso, vielleicht lohnte es sich ja doch, den Fluß zu verlassen, schießt dir durch den Kopf, als du hinter der Frau herläufst.
Schwer atmend holst du sie ein. Erstaunt sieht sie dich an.
Die ist ja gar nicht so alt! In der Hütte, bei dem Licht und durch ihre Tracht hatte sie älter ausgesehen, als sie wirklich war, während auf dem Hinweg ihr Gesicht so gut von der Kaputze ihres blauen Wollumhangs verborgen geblieben war, daß du es nicht gesehen hattest.
Inzwischen ist ihr Erstaunen einem bezauberndem Lächeln gewichen, du hast ihr doch glatt eine halbe Ewigkeit ins Gesicht gestarrt! Höflich entschuldigst du dich, ob diesem Fehlverhaltens, doch deinen Blick kannst du doch nicht so recht von ihr lassen.
Ein hübsches Ding, für die Dörflerinnen eine harte Konkurrenz. 
"Nu, mejn unawarteta Bejlejter, was kann ich für dich tun?"
"Oh, hmm", druckst du etwas herum. Wie sollst du bloß ein rechtes Gespräch mit ihr beginnen?
Da fällt dir ein, was Fredo sagte: Vom Schitzen nahm sie für den gleichen Dienst Silber, von dem Bauern etwas Holz und 'Bulben', was immer das auch sein mögen.
"Ach, ist das alles was euch bewejen tut," fragt sie, "und ich dacht, ihr sejd zu mir jerannt, wejl ihr mejne Jesellschaft schetzt." Auflachend setzt sie ihren Weg fort, während du neben ihr herläufst.

"Es est imma schwierich mitn Dörflan Jeschäfte zu machen. Verlangt frau zu viel, kommen sie nich mehr, verlangt frau zu wenich, werden se drejst. Ach ja, Bulben sind Kartoffelings." Das Wort spricht sie langsam und konzentriert aus. 
"Aber die bejden eben, die sind zwej janz liebe, aber ejnfach vom Unjlück verfolcht, daß kannste mir jloben. Denen mocht ich nich mehr abknöpfen. Wirklich nich.
Naja, wennes so wejterjeht des Jahr, brauch ich kejn Holz mehr sammeln, auch nett, nich?"
Stumm nickst du zu ihren Worten, was willst du auch erwidern?
Nach einigen Meilen, die ihr wortlos gegangen seit, wendet sie sich dann wieder an dich.
"Willste mitkommen, oder zurück zun Firnskes? Sin janz ehrliche Leut!
Und wenne mal wieda inne Jejend bist, kommste vorbei. Und wenne was interessantes wejst, ich wejß imma wen, der dir dafür ne nette Summe zahlen tut."
Sie reicht dir die Hand zum Abschied und noch bevor dir ihre Worte klar werden, ist sie schon im Buschwerk des Waldes verschwunden.

 

Nadschenka als Meisterperson

Nachricht an Nadschenka

1999


Der Schwarze Limbus Nachricht an die Autoren (c) 1998-2000; letzter Planastrale Anderwelt gewirkt am 11.11.00