Der Schwarze Limbus    

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Kreis des Lebens

 

Orschin

Langsam aber sicher wurde Orschin klar, dass er es auch diesmal nicht länger in der Gesellschaft so vieler Personen aushalten würde. Er hatte schon oft seiner Neugier nachgegeben und war in eine der nahen Städte gereist. Aber immer wieder war es sich unbeholfen vorgekommen. So viele Menschen waren dort, und keiner ihm auch nur im entferntesten vertraut.

Es war viele Jahre her, dass er sich unter Menschen wohlgefühlt hatte, doch seine Freunde waren auseinander gegangen. Mit ihnen hatte er sich in Städten zurecht gefunden, denn sie waren für ihn Vertraute gewesen. Doch allein in diesen riesigen Menschenmengen, das machte ihm zu schaffen. Oft genug hatte er sich, wenn er mit seinen Freunden unterwegs war, einfach allein weggeschlichen, um seinen Gedanken, manchmal eine ganze Nacht lang, in Ruhe nachgehen zu können. So würde er es wohl auch heute abend halten.

Seine Freunde hatte er damals mehr oder weniger durch Zufall kennengelernt, als er durch seinen Wald zog, nachdem sein Meister gestorben war, und auf einer ihm wohlbekannten Lichtung unweit der Handelsstrasse auf ein Lagerfeuer stiess. Dort fand er eine Gruppe, die er erst mehrere Stunden beobachtete und belauschte. Er erfuhr, dass der dürre Mann in der Kutte, offensichtlich ein Magier, sich bei einem Gefecht mit Wölfen ein schwere Verletzung zugezogen hatte. Es war klar, dass keiner der Gefährten mit den Wunden umzugehen verstand. Also ging er nach einer ganzen Weile auf die Lichtung und sprach die Lagernden an. Er versorgte die Wunden des Magiers und unterhielt sich lange mit ihm. Diese Nacht war Anstoss fuer ihn, sich der Gruppe anzuschliessen, um Teile der Welt zu sehen, die er nur aus Erzählungen seines Meister oder den wenigen Büchern kannte, welche jener besessen hatte.

Für die nächsten Jahre sollte diese Gruppe sein Zuhause werden, auch wenn die Umstellung mehr als schwierig war. Sie erlebten viele Abenteuer und lernten viel über die Welt und ihre Zusammenhänge. Besonders Orschin war neugierig auf alles was sich ihm bot, besonders jedoch auf die Magie, die er in verschiedensten schillerndern und abstossenden Formen kennenlernte. Nach einigen Jahren jedoch ging aus der Gruppe jeder seinen eigenen Weg, Orschin verschwand wieder in den Wäldern und fühlte sich dort schnell wieder heimisch. Sumu nahe wandelte er langsam aber sicher wieder in jenes Tal, dass er vor Jahren verlassen hatte. Seine Freunde würden ihn dort finde, sollten sie es wollen.

Das Leben ihm Wald war ihm vertraut, und einige Monate zogen ins Land, bis er das Bedürfnis verspürte, wieder unter Menschen zu kommen. In den Städten gefiel es ihm nicht, alleine und anonym zu sein. Ihm Wald konnte er mit den Bäumen und Pflanzen kommunizieren, mit ihnen fühlen und leben. Aber in der Stadt war er allein und keiner schien sich für ihn zu interessieren. Die meisten waren schockiert, wenn sie seine auf den langen Reisen entstandenen Narben sahen. Und die Entstellung seines Gesichtes war für die meisten einfachen Leute ein Zeichen von Bösartigkeit. So zog es ihn wieder in die Einsamkeit der Wälder, bis ihm Pflanzen und Tiere wissen ließen, dass etwas neues geschehen war. Er erfuhr von einer Ansammlung von Menschen, die im Wald zusammentrafen.

Der Zirkel war entstanden, und er hatte nun eine Möglichkeit gefunden, sich mit Menschen zu unterhalten und seine Neugier zu befriedigen. Aber etwas viel wichtigeres stand hier im Vordergrund: der Dämonenmeister und der Kampf gegen seine unheiligen Horden. Der Zirkel war klein, sicherlich, aber eine Gruppe Auserwählter, die sich einem Kampf verschrieben hatten, der mindestens so wichtig war wie alles, was er oder ein anderer aus dem Kreis in seinem Leben vorher getan hatte.

So war Orschin zum Zirkel gelangt, es war ein langer Weg gewesen und dieser hatte Spuren in ihm hinterlassen. Er wusste viele Dinge, die für einen Druiden eher untypisch waren, hatte aber auch Wissenlücken, die von gravierender Bedeutung waren. Seine Natur jedoch hatte er nie verleugnen können noch wollen.

Heute nacht war es wieder einmal so weit, dass er Ruhe für sich selbst brauchte. Nun war mitten im Fest der Zirkels aufgebrochen und hatte im Wald seine innere Ruhe finden müssen, die Verbindung zu Sumu und zu sich selbst. Friedlich im Mondschein durch die Bäume wandernd erspäht er einen geeigneten Platz, um eines der grossen druidischen Rituale zu vollführen...

 

Nachricht an Orschin

1999


Der Schwarze Limbus Nachricht an die Autoren (c) 1998-2000; letzter Planastrale Anderwelt gewirkt am 11.11.00