Der Schwarze Limbus    

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Kreis des Lebens

 

Satu, der Hexer vom KoschKarte des Kosch

 

Satu"Ich stehe nie ganz auf irgendeiner Seite, weil auch nie jemand ganz auf meiner Seite steht!" - Der Herr Der Ringe

Du schlenderst über den nur mäßig besuchten Marktplatz von Ferdok und prüfst den Bestand der Händler, die sich hier eingefunden haben, um ihre vielfältigen Waren an den Mann oder auch an die Frau zu bringen. Es ist ein warmer, sonniger Tag, und Du bist guter Dinge, da Du glaubst, soeben ein vortreffliches Schnäppchen gemacht zu haben.

Neben Dir steht ein junger, gutaussehender Mann. Er trägt einen mannshohen, mit kunstvollen Schnitzereien verzierten Wanderstab bei sich und betrachtet offensichtlich ohne nennenswertes Interesse die Auslagen des Tonwaren-Standes. Gelangweilt greift er nach dem ein oder anderen Gefäß, dreht es mit prüfendem Blick einige Male in der Hand, nur um es dann ebenso teilnahmslos wieder zurückzustellen. Eigentlich hätte Dir der schwerlich 30 Götterläufe zählende Jüngling gar nicht auffallen dürfen, aber irgend etwas scheint er an sich zu haben, das Dich förmlich dazu treibt, ihn genauer zu mustern...

Der Fremde ist mittelgroß und schlank. Das schulterlange, pechschwarze Haar fällt ihm teilweise in lästigen Strähnen in sein wohl geschnittenes, bartlosen Gesicht. Sein Körper ist durchtrainiert, aber nicht muskulös zu nennen, obgleich er durch seine breiten Schultern und die schlanke Taille recht athletisch wirkt. Aus seinen ausdrucksstarken Augen meinst Du Offenheit und Selbstbewußtsein herauslesen zu können. Seine Lippen sind schmal, Ohren und Nase ebenmäßig geformt und wohl proportioniert. Alles in allem hat er wirklich ein durchaus ansprechendes Äußeres. Seine Bewegungen wirken geschmeidig, ja fast katzenhaft, und sein Gang ist leichtfüßig. Als er sich einmal nach dem Preis eines kleinen Tontiegelchens erkundigt, stellst Du fest, daß auch seine Stimme angenehm und kräftig klingt. Seine Kleidung ist geschmackvoll und betont ungeniert alle ohne Zweifel vorhandenen Vorzüge seines Körpers. Er trägt kniehohe, schwarze, nach oben hin eng geschnittene Stulpenstiefel, eine enganliegende Hose aus dunkelblau gefärbtem Bausch, eine rote Bauchbinde, ein weißes, nicht zu weit geschnittenes Leinenhemd, dessen Ärmel er mehrfach umgeschlagen hat, und dessen oberste Knöpfe nicht geschlossen sind, darüber eine schwarze Lederweste und einen weiten, dunklen Umhang, der ihm bis zu den Waden reicht. An seiner linken Seite hängt ein Kurzschwert, an der rechten eine Schultertasche aus schwarzem Leder. Sein einziger Schmuck ist ein geschliffener Rosenquarz-Anhänger, den er an einem Lederband um den Hals trägt.

Ein wenig zu lange hast Du den jungen Fremden betrachtet. Er scheint Deine Blicke gespürt zu haben und sieht plötzlich unvermittelt in Deine Richtung. Für einen kurzen Moment treffen sich Eure Blicke, und du meinst, ihn Dich anlächeln gesehen zu haben, bevor Du die Augen abwenden und reges Interesse an der Auslage des gegenüberliegenden Standes vortäuschen kannst.

Hinter Dir hörst Du sich entfernende Schritte, woraus Du schließt, daß der Fremde den Stand offenbar verlassen hat. Du beobachtest ihn kurz aus dem Augenwinkel heraus, drehst Dich dann jedoch um und siehst ihm unvermittelt nach, bis er schließlich in einer Schenke verschwunden ist.

 

"Kaum ein Mensch wird je für das gehalten, was er wirklich ist!" - Das Letzte Einhorn

 

"Von dem würde ich mich lieber fernhalten!" rät Dir eine kratzige, weibliche Stimme. Sie kommt von dem Stand mit den Tongefäßen. "Der Bursche ist... nun ja, er ist nicht ganz normal, so sagt man zumindest." Dein Interesse ist geweckt. Du wendest Dich der wohl annähernd 60 Götterläufe zählenden Verkäuferin zu und fragst:

"Erklärt Euch, gute Frau! Wie soll ich Eure Worte verstehen? Ist er ein Gesetzloser? Oder gar den Noioniten entsprungen? Und überhaupt, wie kommt Ihr darauf, daß ich etwas mit ihm zu schaffen haben wollte?"

"Nun ja..." bekommst Du zur Antwort. "Entschuldigt meine offene Art, aber Eure Blicke sprachen Bände..." Entrüstest fährst Du die dickliche Alte an:

"Was erlaubt Ihr Euch? Mich verlangt es nicht nach derartiger Gesellschaft! Mir scheint, Ihr solltet selbst einmal bei den Seelenheilern vorstellig werden, denn offensichtlich sind Eure Sinne verwirrt!"

"Bitte verzeiht!" entschuldigt sich die Alte sogleich. "Aber ich wollte Euch nur warnen! Vor Euch hat es viele andere gegeben, und alle sind sie auf ihn hereingefallen. Er ist ein Lüstling, müßt Ihr wissen, und schert sich nicht darum, mit wem er das Lager teilt, solange dieses nur nicht unbesetzt bleibt! Man, sagt gar, er sei..."

 "Ach halt doch den Rand, altes Lästerweib!" mischt sich der Gemischtwarenhändler vom Stand gegenüber ein. "Satu ist ein feiner Bursche. Auf den laß ich nichts kommen. Mag sein, daß er Rahjas Freuden ein wenig öfter nachzugehen pflegt, als so mancher andere, aber bei Phex: er ist jung, er kann es sich leisten. Außerdem habe ich noch niemals gesehen, daß er jemanden zu irgendwas gezwungen hätte..."

"Ja, das sagst Du!" kontert die Tonverkäuferin. "Aber hast Du Dir vielleicht schon mal überlegt, daß es auch noch andere Mittel gibt, jemanden zu etwas zu zwingen, als nur bloße körperliche Gewalt?"

"Oh nein!" stöhnt der wohl beleibte, etwa vierzig Götterläufe zählende Händler auf. "Du willst doch jetzt nicht wieder mit dieser alten Klamotte anfangen!"

"Oh doch!" Die Tonwarenverkäuferin hat sich langsam in Hitze geredet. Mit nicht zu verbergendem Übereifer klärt sie Dich auf: "Ihr müßt wissen, man erzählt sich, er sei ein Hexenbalg..."

"Pha!" lacht ihr Gegenüber. "Du alte Lehmhexe siehst Deinesgleichen doch in jedem, der nicht hier in der Stadt, sondern draußen auf dem Lande geboren ist. Soll ich Dir mal sagen, was ich glaube? Ich glaube, Du nimmst es dem guten Satu übel, daß seine Großtante aus Angbar viel begabter in ihrem Handwerk war, als Du es je sein wirst, und daß sie, obgleich sie nur einmal im Monat zum Markt kam, doch stets das Doppelte und Dreifache von ihren Töpfen und Tiegeln losgeworden ist."

"Das ich nicht lache!" verteidigt sich die Alte. "Aber wo Du davon anfängst: die alte Kalwistra war auch eine Hexe! Die mit ihren Kräutern und Salben! Mir wird ganz anders, wenn ich nur daran denke. Ein Wunder, daß noch keiner an ihren obskuren Mittelchen verreckt ist."

"Hört! Hört!" macht sich der Händler lustig. "Ist das schon alles? Nur zwei Hexen um eine so große Stadt herum? Jetzt enttäuscht Du mich aber..."

"Ja, ja!" wettert die Alte. "Lach Du nur! Du wirst schon sehen, was Du davon hast. Ich sage: die ganze Sippe ist mit den Dämonen im Bunde. Seine Mutter hat's ja den Göttern sei Dank schon erwischt; die Leute sagen, er habe sie selbst angezündet..."

"Nun ist es aber genug, Du altes Lästermaul!" der gutmütige Dicke scheint in der Tat langsam zornig zu werden. "Die Leute erzählen sich solche Schauermärchen doch nur, weil Du sie in die Welt gesetzt hast! Ich warne Dich: Solange ich hier bin, wirst Du Deine Haßreden nicht weiter verbreiten. Saria ist damals von marodierenden Söldnern überfallen worden! Ihr Sohn war noch nicht einmal in der Nähe, als es passierte."

"So?" meckert die Alte weiter. "Und was ist dann mit seiner Schwester, dieser Sumiria? Von einem Tag auf den anderen verschwunden. Einfach so? Und vor Jahren der alte Gonbar? Das kann mir keiner erzählen. Ich sage, Dir, dieser Satu ist ein durchtriebener, götterloser Geselle. Oder hast Du ihn schon mal in einen Tempel gehen sehen? Und dieses schwarze Mistvieh, das immer um ihn herumwuselt, dieser gräßliche Kater. Wie der einen immer anglotzt aus seinen kalten, grünen Augen. Ich sage Dir, das ist kein gewöhnliches Tier, das ist der Namenlose in Katzengestalt. Und wovon lebt dieser Bengel überhaupt? Ich habe ihn noch keiner anständigen Arbeit nachgehen sehen, und doch scheint er immer Geld zu haben."

"Nun, Satu ist eben viel herumgekommen!" erwidert der Händler leicht gelangweilt. "Er ist halt kein sonderlich beständiger Mensch. Er braucht Freiheit und Abwechslung. Wer weiß, was er auf seinen Reisen alles erlebt hat. Für einen jungen, talentierten Mann wie ihn gibt es schließlich genug Möglichkeiten, auf ehrliche Weise sein Geld zu verdienen. Nur weil er sein Leben nicht jedem auf die Nase bindet, heißt das doch nicht, daß er gleich etwas zu verbergen haben muß! Ich gebe zu, sein Umgang war nicht immer der Beste..."

"Ha!" unterbricht ihn die Tonwarenverkäuferin. "Das ist ja wohl gelinde gesagt untertrieben. Dieses Pack, das er einmal hier angeschleppt hat, war ja geradezu gemeingefährlich. Erinnerst Du Dich noch, als einer von ihnen einem auswärtigen Gast in der Schenke einfach den Schädel eingeschlagen hat, nur weil er sich beim Essen gestört fühlte? Und das war wahrhaftig kein Einzelfall. Dieser Famu aus Gratenfels zum Beispiel ist ein ebenso verkommenes Subjekt, wie dieser schwarzäugige Hexenbalg selber. Wenn die beiden zusammen sind, dann Gnade uns Praios! Von seinen Verbindungen zu dem dreckigen Zwergenpack aus dem Kosch will ich lieber erst gar nicht reden. Und seit er mit diesem Flittchen aus Gareth zusammen ist..."

"Du tust dem Jungen Unrecht!" widerspricht der dickliche Mann erneut. "Du kannst Satu nicht für die Fehler seiner Begleiter verantwortlich machen. Seit diesem Vorfall in der Schenke habe ich ihn im Übrigen auch nie mehr mit denen zusammen gesehen. Satu ist ein netter und hilfsbereiter Junge. Er mag manchmal etwas temperamentvoll und ungestüm sein, und sich zuweilen mehr von seinem Herzen, als von seinem Verstand leiten lassen, aber wer könnte ihm das in seinem Alter schon verübeln? Waren wir nicht alle so? Ach entschuldige, Du natürlich nicht, Du bist schon als griesgrämiges, altes Lästerweib auf die Welt gekommen. Na sei's drum. Dann läster halt weiter. Aber den Jungen läßt Du gefälligst in Ruhe! Satu ist in Ordnung und hat sich noch nie etwas zu Schulden kommen lassen. Nun ja, diese kleine Zechprellerei... aber da hatten sie ihn vorher ja regelrecht abgefüllt, verträgt halt nicht so viel, der Ärmste. Und außerdem hat er das lange zurückgezahlt. Du siehst immer nur das Negative an ihm. Was ist mit diesen zwei Sklaven, Suma und Levon, die er aus dem Süden mitgebracht hat, und die jetzt als Knecht und Magd bei den Strohdreschers arbeiten? Ihm allein haben sie ihre Freiheit zu verdanken! Oder nimm doch nur mal Lanila! Wenn der Junge nicht gewesen wäre, könnte sie jetzt tot sein!"

"Ach diese Strohdreschers..." schimpft die Alte. "Die sind doch auch nicht viel besser, als diese Hexenbrut. Lassen sich ihr Vieh und ihre Nichte heilen. Pha! Verzaubert hat er sie, jawohl! Der will sich doch nur beliebt machen, und zaubert Krankheiten weg, die er ihnen selbst angehext hat..."

"Du weißt ja nicht, was Du da redest!" winkt der frustrierte Händler unwirsch ab. Offensichtlich hat er die Hoffnung aufgegeben, die verbohrte Alte von ihren obskuren Theorien abzubringen. Er kümmert sich gar nicht weiter um sie, beugt sich statt dessen zu Dir herüber und flüstert Dir zu:

"Ich bitte Euch: Hört nicht auf dieses verbitterte, alte Weib! Ich war oft bei den Strohdreschers zu Gast, und zuweilen war auch der Junge da. Hannjohn und Gertilde haben immer nur gut über ihn gesprochen. Sie haben wohl auch gehofft, ihre Nichte so unter die Haube zu bekommen... Aber Ihr solltet Euch nicht auf das Urteil zweier Klatschmäuler wie wir es sind verlassen! Wenn Euch der Junge gefällt, sprecht ihn doch einfach mal an! Ich kann Euch sagen, wo er gewöhnlich einzukehren pflegt, wenn er in der Stadt ist."

Erneut willst Du energisch widersprechen, verzichtest dann aber doch darauf. Wer kann schließlich sagen, wofür das Ganze einmal gut sein mag? Geduldig wartest Du, bis Dir der schwitzende, dickliche Mann einige Worte auf ein Stück Pergament gekritzelt hat, bedankst Dich, wobei Du versuchst, möglichst desinteressiert zu wirken und gehst dann Deiner Wege. Erst nach einer ganzen Weile faltest Du das Pergament auseinander und erkennst die flüchtige Zeichnung einer Katze darauf:

  

Satus Kater Sumulux
Nachricht an Satu
(Sagt einfach: 'Sumulux schickt mich!')

 

"Die ganze Welt wird Dein Feind sein. Und wo immer sie Dich fangen, werden sie Dich töten. Doch zuerst müssen sie Dich fangen. Sei schlau und voller List, und Dein Volk wird nie vernichtet werden!" - Watership Down

 

Satu als Meisterperson

 

(Sollten auf dieser Homepage Copyrights gleich welcher Art verletzt worden sein, oder sollte sie fehlerhafte Aussagen enthalten, so bitte ich darum, mir dies mitzuteilen (die oben genannte Adresse), damit dieser Makel umgehend behoben werden kann! Vielen lieben Dank!)

1999


Der Schwarze Limbus Nachricht an die Autoren (c) 1998-2000; letzter Planastrale Anderwelt gewirkt am 11.11.00