Der Schwarze Limbus    

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Kreis des Lebens

 

Sheïja

Es war nicht leicht gewesen, aber nach zwei missglückten Versuchen hatte er es endlich geschafft. Nun lagen ihm all ihre Gedanken offen, nun konnte er ungehindert darin unherschweifen und sich ihre Vergangenheit genauer ansehen:
Sheïja, Sheïja Al'Rurdan also heisst sie. Nun gut, ein weiterer Name auf einer langen Liste; einer Liste, die bald schon über die Grenzen des Mittelreiches hinaus bekannt sein wird. Der Reichsbehüter selbst wird mir danken und es wird ein großes Fest geben. Hexen werden meinen Namen fürchten, Herrscher werden ihn mit Ehrfurcht nennen, den Namen des fähigsten KGIA-Agenten aller Zeiten...
Der Magister des KGIA schreckte aus seinen Gedanken von unendlichem Ruhm und Reichtum hoch und sah sich beunruhigt um. Noch immer saß sein Gegenüber ruhig auf dem Sessel, an den er sie gefesselt hatte.
Nun, unter anderen Umständen hätte er dem Charme dieser dunkelhäutigen, tulamidischen Schönheit vielleicht nicht wiederstehen können: unheimliche, gelbgrüne Augen, umrahmt von glänzend schwarzem Haar, das anmutige Gesicht, ein schlanker Hals, üppige Brüste und eine wespenhafte Taille allein machten sie schon zu einer äußerst attraktiven Frau. Dazu kamen noch die wohlgeformten Hüften und atemberaubend lange Beine, welche nun unter dem zerissenen Rock zum Vorschein kamen. Als er sie geschnappt hatte, trug sie um die Schultern ein Geflecht aus feinster Seide, welches kaum genug zu verbergen vermochte, um die Hüften hatte sie ein Tuch aus rotem Stoff geschlungen und von den Knien abwärts trug sie schwarze Lederstiefel.
Ja, unter anderen Umständen. Aber sie war eine Hexe, ein durchtriebenes Biest und eine Dämonenanbeterin. Er musste sich wieder auf den Zauber konzentrieren, denn er wollte alles erfahren: Wann sie ihre schrecklichen und sicherlich blutigen Rituale vollzogen hatte, wie dies vor sich gegangen war und noch vieles mehr.

"Wie ihr Name schon sagte, kam sie also aus dem Dörfchen Alrurdan an der maraskanischen Küste. Ihre Eltern waren einfache Bauern, welche ihr Leben immer brav nach den Lehren der Rur und Gror Priester führten. Sie war die älteste von sechs Kindern gewesen und so musste sie sich viel um ihre Geschwister, drei Mädchen und ein Zwillingspaar, kümmern.
Schon früh unternahm sie Ausflüge in den an das Dorf anschließenden Dschungel, wo sie schließlich auch Kontakt mit einigen Freischärlern aufnahm, welchen sie sich anzuschließen gedachte, so sie alt genug wäre. Dies und die häufigen, fast überfallartigen Besuche einiger mittelreichischer Truppen in ihrem Dorf machten sie bereits in frühen Jahren zu einer Feindin Gareths.
Als sie gerade sechzehn Jahre alt geworden war, kam wieder einmal ein Trupp Mittelreichischer Soldaten in das Dorf, um ihre horrenden Forderungen zu stellen. Doch diesmal wollte Sheïja nicht bloß tatenlos zusehen, wie ein Teil der Soldaten über die Frauen des Dorfes herfiel, während der andere einige Männer erschlug, die ihren Frauen zu Hilfe eilen wollten. In ihrer Wut gelang es ihr zwei der Soldaten durch ihren Blick alleine in die Flucht zu schlagen. Sie musste für einige Verwirrung gesorgt haben - im Nachhinein konnte sie sich jedoch nicht erklären, wie sie dies getan hatte - doch schließlich wurde sie von fünf Soldaten gefangengesetzt und verschleppt.
Über die nun folgende Zeit gab es nur schemenhafte Erinnerungen: viele, unsägliche Schmerzen und Hass, unbändiger Hass.
Auf welche Weise sie der Gefangenschaft entfliehen konnte, war ihr bis jetzt nicht klar, doch im Lager der Freischärler, welches ihre nächste Erinnerung darstellte, munkelte man, sie sei von drei atemberaubend schönen Frauen in das Lager gebracht worden, welche nach kurzem Gespräch mit dem Haran wieder verschwanden. Inzwischen mussten wohl einige Jahre vergangen sein, in welchen Sheïja neben der Pflanzenkunde und ihrer Verarbeitung - vor allem zu Giften - und vielem anderem auch die Zauberei der Hexen erlernt hatte - offensichtlich von den drei Schönen, über die man munkelte, dass sie sich Rächerinnen Lycosas nannten . Sie beherrschte nun nicht nur einige sehr nützliche Zauber und Flüche, nein, sie hatte auch einen neuen, äußerst machtvollen Gefährten hinzugewonnen: Aijgrash, eine Vogelspinne, welche ihr von nun an auf Schritt und Tritt folgte. Woher sie gekommen war, wusste Sheïja selbst nicht, sie war eines Morgens plötzlich da gewesen.
Noch weitere zwei Jahre, in denen sie einer Reihe von mittelreichischen Soldaten großes Leid zufügen konnte, blieb Sheïja bei den Freischärlern. Doch schließlich gefiel ihr das Leben hier nicht mehr und so schlich sie sich in einer Nacht lautlos aus dem Lager, um ihren Rachedurst direkt dort zu stillen, wo dies am besten möglich war: im Mittelreich selbst."

Nun, so hattest du dir das also vorgestellt, meine kleine Hexe. Aber da bist du wohl an den falschen geraten.
Wiederum musterte der Magier des KGIA sein Gegenüber.
War da nicht ein Lächeln über ihr Gesicht gehuscht? Nein, er musste sich getäuscht haben.
"Du wirst sterben, Garethja!"
Was war das gewesen? Gerade eben war dieser Gedanke durch seinen Geist gehuscht.
Mit schrafem Blick beobachtete er die Hexe, welche immer noch ihm gegenüber auf dem Sessel saß, mit unveränderter Miene und weiterhin gefesselt.
Das konnte nicht sein. Er war unkonzentriert gewesen und der Zauber hatte an seinen Kräften gezehrt. Da kam es shon manchmal vor, dass er Dinge wahrnahm, die es in Wirklichkeit gar nicht gab. Doch er musste sich beeilen. Er wollte diese Hexe heute noch töten, sodass er morgen erneut auf die Jagd gehen konnte. Er hatt bereits eine neue Spur entdeckt.
"Stirb, Garethja!"
Ein Krabbeln auf seiner linken Schulter - ein Biss - ein Aufschrei. Er fiel zu Boden.

Langsam, unendlich langsam war sein Tod. Und als ihn BORon endlich erlöste und GOlgari schickte, um ihn zu sich zu holen, da war auch Sheïja müde geworden und legte sich schlafen...


Viele Wochen später, im Wald des Kreises des Lebens...

Rastlos durchwanderst Du auf der Suche nach Kräutern den Wald. Der Morgentau glitzert auf den Blättern der mächtigen Steineichen und die ersten Sonnenstrahlen dieses Tages, die durch das Blätterdach dringen, verleihen dem Wald eine fast spürbare magische Aura. Tief atmest du die frische und kalte Morgenluft ein, geschwängert vom Duft des Mooses und der Pilze. In Gedanken an die letzte Nacht versunken lehnst Du Dich träumerisch an den Stamm einer mächtigen Eiche, schließt die Augen und läßt dich ganz vom Geiste Sumus durchfließen.
Plötzlich läßt Dich ein huschender Schatten aufschrecken. Du fährst herum und - "MArbo sei mir gnädig!" - erblickst auf der Borke ein wohl handtellergroßes Scheusal. Sofort stößt Du Dich vom Baum ab und läufst mit hastigen Blicken über Deine Schulter davon.
Das Untier verschwindet gerade im dichten Moos des Waldbodens, als etwas Deine Füße erfasst und Dich zu Boden reißt. Mühsam und mit leichtem Stöhnen rappelst Du Dich halb auf und blickst geradewegs in zwei giftsprühende Augen. Mit einem halberstickten Schrei wirfst Du Dich zurück, landest rücklings auf dem Boden und fliehst krabbelnd vor den unheimlichen, gelbgrünen Augen bis Du den beruhigenden Widerstand eines Baumes im Rücken verspürst. Erst jetzt beginnst Du die Gestalt, die Dich dermaßen erschreckte genauer zu betrachten.
Wären da nicht diese dämonischen Augen, mögest Du meinen vor Dir stünde RAHjas Ebenbild. Umrahmt von glänzend schwarzem Haar strahlt das anmutige Gesicht einer dunkelhäutigen, tulamidischen Schönheit. Ein schlanker Hals, üppige Brüste, eine wespenhafte Taille, wohlgeformte Hüften und atemberaubend lange Beine entlocken Dir einen leisen Seufzer. Um die Schultern trägt das zauberhafte Geschöpf ein Geflecht aus feinster Seide, welches kaum genug zu verbergen vermag. Um die Hüften hat sie ein Tuch aus rotem Stoff geschlungen, von den Knien abwärts trägt sie schwarze Lederstiefel.
Während Du Dich vorsichtig erhebst, scheinen ihre Blicke Deinen Körper tastend zu ergründen und tief in Dir eine brennende Spur zu hinterlassen. Scheinbar schwebend, mit wallendem Gewand, nähert sie sich Dir bis auf einen Schritt. Du richtest Deinen Blick ruckartig nach unten, als Du eine Berührung auf Deinem Oberschenkel spürst. Ein weiteres Feuer wird in Dir entfacht, als ihr Finger kratzend seinen Weg über Deine Hüften, den Bauch bis zu Deiner linken Brust beschreibt. Dort hält er inne und die ihre linke Hand fasst Dich hart am Genick. Wie Du wieder in ihre Augen blickst, näher und tiefer als zuvor, wird Dein Blick von weißen Schleiern umsponnen und Dein Geist in den Wirbel ihrer verzehrenden Augen gesogen. Dann wird alles um Dich herum schwarz und Du nimmst nur mehr zarte Liebkosungen und kribbelnde Berührungen wahr. Versunken in Rahjas dunkles Reich fällst Du in eine unendliche schwarze Tiefe...

 

Nachricht an Sheïja

1999


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