Der Schwarze Limbus    

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Kreis des Lebens

 

Sivitri und Ajat

Du wanderst durch ein größeres Wäldchen, das etwas nördlich von Gareth liegt. Du hast wohl einen Grund, dich ins unwegsame Dickicht zu bewegen, denn die lichten Außenbereiche hast du bereits hinter dir gelassen, hier im Inneren stehen die Baumstämme dicht an dicht, Gestrüpp und Unterholz erschweren das Vorwärtskommen, das dichte Dach aus Blättern und Nadeln lässt nur noch sporadisch die hell scheinende Sonne, geschweige denn den blauen Himmel erahnen.

Umso überraschter bist du, als du eine Stimme hörst. Von Neugier getrieben gehst du auf deren Quelle zu. Du hältst dich hinter einem Baum verborgen, als du schließlich die Person siehst, die da am Ufer eines durchfließenden Bächleins kniet. Dein Erstaunen ist nicht gering, denn einen Elfen erkennt Personen auf den ersten Blick, auch wenn er jemandem den Rücken zukehrt. Einem Rascheln in den Blättern über dir misst du keine weitere Bedeutung zu.

Er scheint recht hochgewachsen zu sein, sicherlich mag er aufgerichtet über 2 Schritt messen. Dennoch wirkt er nicht gerade kräftig, auch Waffen kannst du keine entdecken. Du findest die Geschichten über die elfische, übermenschliche Schönheit bestätigt, wie du (vielleicht widerwillig) zugeben musst, denn der Elf vor dir hat einen wunderschönen, makellosen Körper aus perlenweißer, zarter Haut. Den Blick weiterwandern lassend, traust du deinen Augen kaum, denn er trägt einen feingearbeiteten Lederrock, der an große überlappende Blätter erinnert... ein Mann der einen Rock trägt, diese merkwürdigen Elfen! Sein reich verziertes, hautenges Hemd besteht aus kunstvoll geschneiderten Pelzen und feinen Lederstreifen, um dieses Stück würde ihn so mancher Adeliger beneiden. Sein glattes schneeweißes schulterlanges Haare fällt weich über seine Schultern, es scheint fast so, als würden die feinen Haare bei jeder Bewegung leicht im Wind wehen.

Und bewegen tut er sich, es er sammelt nämlich Pflanzen. Aber auf eine Art, die in dir die Meinung von der Verdrehtheit aller Elfen noch verfestigt. Immer vorsichtig, als würde die Pflanze bei zu hastigen Bewegungen davonrennen, nähert sich seine Hand, bevor er sie mit einem "I..ich brau...brauche dich..." zupft... bei der nächsten hörst du gar ein "E..ent... schuldige...", als er sie vorsichtig aus dem Waldboden zieht und in das kleine Körbchen neben sich legt. Dir kommen die Geschichten in den Sinn, dass es sinnlos ist, einen Elfen beschleichen zu wollen. Wenn das so ist, ist dieser Elf eine Ausnahme, denn er scheint dich noch nicht wahrgenommen zu haben, vielleicht zu vertieft darin, sich bei den Pflanzen zu entschuldigen.

Du beschließt, den ersten Schritt zu machen und begibst dich mit einem Räuspern aus deiner Deckung, und dass das wohl ein Fehler war, kannst du gleich darauf eindrucksvoll erkennen, denn der Elf schießt mit einem hellen, erschreckten Schrei in die Höhe und wirbelt herum, worauf du nicht gefasst warst. Du stolperst einen Schritt zurück und übersiehst die Baumwurzel, die sich in deinem Weg befindet. Den Fall kannst du nicht mehr aufhalten, und als du reflexartig versuchst, den Sturz mit einer Hand abzufangen, belohnt dies dein Handgelenk mit einem Knacksen, das dich nichts Gutes erahnen läßt, bevor noch die bestätigende Welle des Schmerzes in deiner Wahrnehmung eintrifft.

Das schimpfende Keckern eines Eichhörnchens, das sich ganz in der Nähe befinden muß, ist das erste was du danach hörst, gefolgt von Blätterrascheln. Als du mit schmerzverzogenem Gesicht wieder aufsiehst, erblickst du den jetzt stehenden Elfen von vorne. Unter anderen Umständen wüsstest du seine sanften, fein geschnittenen Gesichtszüge vielleicht zu würdigen, oder dass seine im Lichte glänzenden amethystfarben Augen ihm ein kühles, geheimnisvolles Aussehen verleihen - so erkennst du gerade mal dass er dich mit großen, erschrockenen Augen ansieht und dass um seinen Hals an einer ledernen Schnur eine weisse, reich verzierte, zierliche Elbenbeinflöte baumelt. Zu allem Überfluss fängt er wieder an zu stottern, wobei seine Wangen an rotem Farbton gewinnen. "D..das wo..wollte ich ni..nicht... w..warte, i..ich helfe... d..ir.."

Etwas verblüfft bist du ja schon über diese gar zu seltsame Begegnung, so lässt du es kommentarlos zu, wie sich der Elf neben dich hinkniet und dich mit einem kurzen, glänzenden Blick bedenkt, der von einem sehr scheuen und auch etwas kläglichen Lächeln begleitet ist - was wohl auch der Grund ist, dass der Blick so kurz ausfällt. Danach sieht er auf den Handgelenk, das schon anzuschwellen beginnt, und nimmt es vorsichtig in seine feingliedrigen Hände. Als er die uralten Elfenworte der Heilung spricht, kannst du die Wärme und Melodie in seiner Stimme wahrnehmen, und auch das Stottern scheint von ihm abgefallen zu sein.

Aber trotzdem scheint etwas nicht zu stimmen, denn der Schmerz in deinem Arm klingt nicht etwa ab, und nach einiger Zeit verstummt der Elf auch, um dich wieder anzusehen, beschämt diesmal und, wie du glaubst zu sehen, sogar den Tränen nahe. Aber dann erhellt sich sein Gesicht wieder, und das ist beinahe wörtlich zu nehmen, es ist als ginge die Sonne auf. "I..ich hole Si..Sivitri, die hil...hilft dir! Blei..bleib da.. so.. bi..bit..te." haspelt er sich durch sein Garethi mit elfischem Akzent, bevor er sich aufrappelt und kurz umsieht... und dann zu rennen beginnt, mitten in den Wald hinein und darin zweifellos geschickter als mit Sprechen oder Zaubern.

Eine Weile bleibt er verschwunden, und du fragst dich schon ob du nicht besser zurückgehst und dein Glück bei einem Heilkundigen des nächstgelegenen Dorfes versuchst, als du seine Stimme hörst, die ihn ankündigt. Anscheinend spricht er mit jemandem, einem weiblichen Jemand, wie dir die antwortende Stimme verrät. Kurz darauf siehst du die beiden. Du traust deinen Augen kaum, als du auf seiner Schulter ein Eichhörnchen entdeckst, das sich anscheinend an seinen Haaren festhält und dich ebenso anstarrt. Der Elf führt an der Hand eine Gestalt, die neben ihm zierlich wirkt, noch zierlicher als sie sowieso schon wäre, denn sie ist sicher zwei Köpfe kleiner als er, etwas über acht Spann, keine achteinhalb. Je näher sie kommen, desto mehr erkennst du von ihr. Und die ist mindestens so merkwürdig wie der Elf! Mit den langen schwarzen Haaren, samtblauen tulamidischen Pluderhose und einer aranische Weste in schwarz mit goldfädenen Wellenmustern die den Bauch frei läßt, sowie geschnäbelten Schuhen sieht sie aus wie direkt aus Tulamidistan hergelaufen. Auch ihre Gestalt scheint den Geschichten aus 1001 Rausch entsprungen; du könntest auf Anhieb ein Dutzend Männer aufzählen, die einer Frau mit diesem Aussehen den Himmel zu Füßen legen würden. Du fragst dich, wie sie wohl hierher gekommen ist, und was sie bewogen hat, sich in einem mittelreichischen Wald herumzutreiben. Die Tatsache, dass ihre Kleidung unversehrt ist, verrät dir, dass sie weiß, sich im Wald zu bewegen, was das Ganze noch verwirrender macht. Du schätzt sie auf höchstens 18 Jahre, aber der Blick aus tiefen schwarzen Augen, der dich mustert, irritiert dich, denn er scheint dir zu widersprechen.

Nun sind die beiden heran und der Elf, der noch vom Laufen keucht, deutet auf dich. "Da.. das ist e..er." Das Eichhörnchen gibt ein bestätigendes Pfeifen von sich, bevor es zum nächsten Baum springt und hinauf entschwindet. Die Tulamidin schmunzelt und nickt, während ihr Blick immer noch auf dir ruht. "Danke, Ajat." sagt sie mit einem weichen Lächeln zu dem Elfen, der mit hochrotem Gesicht danebensteht. Ihm ist die Sache wohl furchtbar peinlich. Dann spricht sie dich an, mit einer hellen, doch sanften Stimme: "Ihr müsst ihm verzeihen. Wir sind Wanderer hier in den eher unzugänglichen Gebieten dieses Waldes nicht gewöhnt. Wenn Ihr erlaubt, werde ich mir die Verletzung ansehen und Euch helfen." Aufmerksam sieht sie dich an, wahrscheinlich genauso aufmerksam wie du gerade auf die vorne offene Weste starrst, die zwar Ansätze, aber nicht mehr des weiblichen Körpers dahinter enthüllt, und auch nicht die Tendenz zeigt, weiter aufzugehen. So siehst du auch nicht, wie das Mädchen schmunzelt und merkst erst auf, als sie näher tritt und mit zarten Fingern nach deiner verstauchten Hand greift. "Hmm... das haben wir gleich." meint sie nur, anscheinend hat sie deinen Blick nicht bemerkt. Als sie ihre Stimme wieder erhebt, hat sie sich verändert. Sie ähnelt mehr Gesang, und ihr Lied hat nur eine Strophe, die immer wiederholt wird: "Bha sama sala bian da'o... bha sama sala bian da'o... bha sama sala bian da'o..." Du erkennst die Elfenworte auch wenn du sie vielleicht nicht verstehen magst, und du weißt die Wohltat zu schätzen, die dir zuteil wird, als der Schmerz in deinem Arm abklingt und einem wohligen Kribbeln Platz macht. Jetzt fällt dein Blick auch auf den Stab, den die Fremde mitgebracht hat, und den während der Heilung ihr elfischer Begleiter hält. Er ist von verschlungenen, meist an Wellen erinnernden Gravuren überzogen, und das merkwürdige daran ist, dass die eigentlich nicht aussehen, als wären sie eingeschnitzt worden, eher als wären sie natürlich gewachsen. Als du deine Aufmerksamkeit wieder der Heilung zuwendest, kannst du zusehen, wie die Schwellung schwindet. Sobald sie ganz weg ist, verstummt die Fremde und läßt dich los, um sich umzuwenden und das Kräuterkörbchen aufzunehmen, das der Elf vorher vergessen hatte. Dieser seufzt erleichtert und lächelt sie auf unnachahmliche Weise an. Sie sieht erst wieder zu dir, als du dich bedankst. Das Lächeln auf ihren Lippen ziert sie gut, und sie nickt dir zu um sich mit den Worten "Möge die Erdmutter und die Wellen Eure Pfade lenken." mit dem immer noch nervös wirkenden Elfen zum Gehen zu wenden. Heute ist wohl ein Tag der Überraschungen; eine Druidin? Die hattest du dir ganz anders vorgestellt, ganz zu schweigen davon, dass du zwar von tulamidischen Dschinnenmeistern gehört hast, nicht aber von Sumudienern.

Möglicherweise fragst du noch nach ihrem Namen, dem des Elfen und was sie hier tun. Dann antwortet sie: "Ich werde Sivitri Scarzamsunni oder Wellensanft genannt. Er ist Ajat Traumbringer, mein Gefährte. Und wir leben hier." antwortet sie recht lapidar. "Aber nun solltest du gehen, bevor es dämmert. Der Wald ist nachts nicht sicher."

Auch für euch nicht, bist du versucht zu bemerken, aber du verkneifst es dir und siehst den beiden nach, wie sie Hand in Hand von dannen gehen. "Komm, Pia!" erschallt noch einmal Sivitris Stimme, und wieder ist da dieses Rascheln auf einem Baum, das, wie du jetzt weißt, von dem Eichhörnchen stammt, das den beiden etwas höher folgt.

Möglicherweise erzählst du anderen von deiner Begegnung, und solange du das in der Umgegend tust, kann es sein, dass dir die ein oder andere Stimme antwortet, die ebenfalls schon diesen beiden Personen begegnet ist. Und der elfischen Ziehmutter der Kleinen. Und anderem, noch merkwürdigerem Umgang. Aber das ist eine andere Geschichte...


Abschlussbericht, Naracan Warrenstein, K.u.K. Garethische Centralregistratur, Akte [geheim], Auszüge:

"(...)
Rekonstruktion, Fazit und Anmerkungen:

Die herangetragenen Indizien sind verwirrend, und dies alles in ein stimmiges Bild zu fügen, scheint unmöglich. In der Tat ist das Szenario erst nach intensiver Denkarbeit zu erkennen. Folgende Feststellungen: Das Subject Sivitri Scarzamsunni ist der beklagten Verbrechen nicht schuldig. Ihre Verfolger erwiesen sich beide als reichsfeindlich gesinnte Individuen. Die zusammengetragenen Informationen bleiben bruchstückhaft, so muss auch das Gesamtbild bleiben, dennoch scheint alles Relevante bekannt zu sein.

Sivitri Scarzamsunni war die Sklavin des in Khunchom ansässigen Druiden Zardos (siehe Akte [geheim] über den (wie wir inzwischen wissen von ihm verursachten) Altzoller Zwischenfall 13 Hal, Autor Lumenor Garanis). Im Jahre 28 Hal floh sie. Sie tauchte im Efferd in Rashdul auf, zur Zeit des Umsturzes, und schloss sich den fliehenden Elementaristen an, vornehmlich denen des Wassers, fuhr mit ihnen auf das Meer der sieben Winde, um danach in Albernia an Land zu gehen. Ihr Name taucht erst einige Monde später in Gareth wieder auf, da auch schon in Zusammenhang mit ihrem Jäger Reold (al'anfanischer Kopfgeldjäger, Söldner, detaillierter Lebenslauf Akte [geheim]). Es ist inzwischen, nach dem Zusammenbruch Zardos' heimlichen Imperiums, erwiesen, dass die Dokumente, die Reolds Legitimation durch den Kalifen und die Mord- und Hexereibeschuldigungen gegen S. enthielten, gefälscht waren (leider ist der Bannstrahl, der von Reold hinzugezogen wurde und der drei Tote zu beklagen hat, siehe Akte [geheim], bisher nicht davon zu überzeugen). Was zu Reolds führte, ist nicht bekannt, es ist aber zu vermuten, dass es mit dem verwickelten Kreis von Bekannten zu tun hat, den S. in Gareth aufbaute. Ihr neuer Verfolger Shard (Details unbekannt; siehe Akte [geheim] für den Bericht Berndolf von Gretzingens) war nur zu offensichtlich ein Dämonenpaktierer mit der Wesenheit AGM. Inzwischen ist er verschollen und darf als tot angenommen werden, Spekulationen über den Zusammenhang mit dem plötzlichen Verschwinden Zardos' aus Khunchom und das Auffliegen seines Netzes von Korruption und magischer Beherrschung mögen andere anstellen.

S. hat sich keiner reichsfeindlichen Aktionen oder Äußerungen schuldig gemacht. Daher wird die Sache [geheim] ad acta gelegt. Es ist aber zu erwarten, dass der Bannstrahl nicht so leicht zufriedenzustellen ist. Ich empfehle die wiederholte Aufforderung an den Orden, die Tatsachen anzuerkennen.

Anmerkungen: Die bevorzugten Aufenthaltsorte von S. sind bekannt.

Zu dem anscheinend aus dem Nichts aufgetauchten Elfen Ajat Traumbringer, mit dem S. eine Lebensgemeinschaft eingegangen ist, ist bisher nicht viel bekannt. Er kann jedoch als völlig harmlos eingestuft werden."

 

Nachricht an Sivitri
Nachricht an Ajat

2001


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