Der Schwarze Limbus    

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Kreis des Lebens

Die Vorgeschichte: Im Einhorn

Sumudan

Der Mann nahm noch einen kräftigen Schluck Bier,wischte sich den Schweiß von der Stirn und begann danach wieder zu erzählen. Er trug einfache Kleidung, Hose und Hemd aus Leinen, einen Strick als Gürtel und ein paar Lederschuhe. Neben ihm lehnten ein Rucksack und ein Wanderstab, auf den er sich zu stützen pflegte, an der Bank, doch in seinen Augen lag etwas Besonderes. Es schien als wäre er Rahja persönlich begegnet, denn seine Augen glänzten, wie die eines kleinen Kindes am Tsatag und das, obwohl er sicherlich fünfzig Sommer zählte. „Glaubt mir, man ist nicht verflucht oder ein Dämon, nur weil man allein im Wald lebt. Und euren armen Holzfäller braucht ihr auch nicht gleich auf den Scheiterhaufen zerren, weil er am Praiostag nicht im Tempel war. Vielleicht hat er einfach Angst vor so vielen Menschen, vielleicht ist ihm auch der Weg zu weit, wer weiß das schon? Nein, nein, es gibt auch gute Menschen, die nicht an die Zwölfe glauben. Seht mich an, vor ein paar Götternamen konnte ich keine drei Schritte gerade gehen und jetzt komme ich zurück von einem Pilgermarsch nach Punin, wo ich der jungen Göttin für mein neues Leben gedankt habe. Nein, du tumber Bauer, ich bin nicht gestorben, aber ich bin wieder gesund und glaub' mir, dass ist wichtiger als alles Geld der Welt. Na ja, auf jeden Fall hab' ich das auch so jemanden zu verdanken, der mehr unter Tieren ist, als unter Menschen und nicht einmal an unsere Götter hat er richtig geglaubt....“

Erneut befeuchtete er seine Kehle und fuhr dann fort. „Ja, faselte dauernd was von irgendeiner Sumu, wenn er dann doch mal was sagte. Mag ja sein, dass es ihm nicht so ganz bekommen ist ganz allein dort zu leben, aber ein guter Mensch war er allemal. Wie gesagt, als er mich aufgesammelt hat, war ich ein Krüppel und wohl auch nicht ganz bei Sinnen, auf jeden Fall kann ich mich nicht so recht an jene Nacht erinnern, aber mir ging's wohl nicht gut damals. Er hat mich mit in den Wald genommen und mir gezeigt, wie man dort überleben kann. Warum es mir jetzt besser geht? Ich hab' keine Ahnung, doch er meinte immer, dass es Sumus Kraft in meinem Inneren sei, die mich geheilt hat. Ja, er hat wirklich in Rätseln gesprochen und nicht alles hab' ich verstanden, doch gelernt habe ich trotzdem. Er hat so anders gelebt als wir, also die Leute aus den Städten und Dörfern, er versuchte überhaupt nicht irgendwas zu Stande zu bringen, meinte es würde sowieso alles wieder vergehen und da hat er ja auch irgendwie recht, oder? Aber die Tiere und auch die Außenseiter und Schwachen, um die hat er sich gekümmert, die waren ihm fast wichtiger als er sich selbst. Nein, nein, glaubt mir, es gibt auch gute Menschen im Wald. Ob er auch einen Namen hat? Ja, den hat er wohl, doch mir hat er ihn nie gesagt, meinte, was zählt, wäre allein wer wir sind und nicht wie wir genannt werden. Aber erfahren hab' ich ihn dann doch, Sumudan soll er heißen, ein komischer Name für einen komischen Kauz.....

Woher ich den Namen weiß? Ein Baum hat's mir gesagt. So wahr wie ich in der Ogerschlacht gekämpft habe, ein leibhaftiger Baum hat's mir gesagt...

- so gehört in einer almadaner Schenke, berichtet von einem Pilger aus dem Kosch

 

„Ob ich Geld bei mir habe?“ Der junge Mann grinste und entleerte seine Taschen auf die Straße. Das, was da zum Vorschein kam, löste nicht gerade Begeisterungsstürme bei den Personen aus, die sich um ihn versammelt hatten, denn eigentlich hatten sie sich etwas mehr erhofft als ein paar getrocknete Blätter und einen Kanten Brot, zumal der einsame Wanderer augenscheinlich einen Pelzbesatz an seiner Kutte hatte. „Reicht das, oder soll ich auch noch in meinen Stiefeln nachsehen?“ Der Überfallene, der eigentlich durch die Überzahl an Räubern eingeschüchtert sein sollte, verhielt sich gar nicht so, wie man sich das als Wegelagerer so wünscht und machte jetzt tatsächlich Anstalten sein Schuhwerk auszuziehen. Zudem konnte er sich ein Kichern nicht mehr verkneifen und grinste von einem Ohr bis zum anderen. „Treib es nicht zu weit mit deinen Späßen! Zu deinem Glück bin ich heute gut gelaunt und wenn du mir jetzt deine Stiefel gibst, lass ich dich vielleicht sogar am Leben, du Narr!“ Plötzlich war der Fremde todernst, zog sich die Stiefel aus und warf sie dem Räuber mit einem „Wie der Herr wünschen“ entgegen. Das anfängliche Grinsen im Gesicht des Räubers wich schnell einem Ausdruck blanken Entsetzens, als sich die Schuhe im Flug in einen Hagel aus Tannenzapfen und Walderde verwandelten.

Während die Räuber ihr Heil in der Flucht suchten, sammelte der Fremde seine Stiefel auf, verschwand mit ihnen in der Hand in den Wald und raunte dem ersten Hasen, der ihm begegnete ein „Ob ich Geld bei mir habe... diese Menschen sind doch alle gleich!“

- so geschehen auf einer Straße im Mittelreich

 

Nachricht an Sumudan

1999


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