Der Schwarze Limbus    

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Kreis des Lebens

 

Sumulux
 

"Vor diesem Tiere hüte Dich! Greift man es an, so wehrt es sich!"

Laut quietschen die Scharniere der massiven Steineichenholztür, als Du die bereits am frühen Nachmittag schon gut besuchte Schenke betrittst. Knapp die Hälfte der Tische in dem rustikal eingerichteten Schankraum ist besetzt. Das tiefe Gemurmel aus rund einem Dutzend Kehlen bildet eine laute aber nicht zwingend unangenehm zu nennende Geräuschkulisse, die nur gelegentlich vom hellen Auflachen einiger offensichtlich trotz der frühen Stunde schon deutlich angetrunkener Gäste unterbrochen wird. Graue Rauchschwaden hängen wie düstere Gewitterwolken mitten im Raum und verwischen Deine Sicht zum anderen Ende des Saales hin. Es riecht nach Alkohol, Schweiß und kaltem Rauch, doch unter all diesen Gerüchen meinst Du auch eine deftige Mahlzeit herausschmecken zu können, und tatsächlich sitzen an einem Tisch zwei junge Männer mit je einem Teller eines dampfenden Eintopfs und einem halben Laib Brot vor sich und schlingen beides recht eilig und gierig hinunter.

Du machst einen Schritt in den Schankraum hinein und taumelst sofort wieder erschrocken zurück. Mit lautem Knurren stürzt sich ein großer, dunkler Schatten auf Dich, der Dir unter einem der Tische aufgelauert haben muß. Die scharfen, weißen Fangzähne in dem Dir in diesem Moment wahrhaft riesig erscheinenden, weit aufgerissenen Maul schießen schnell und gezielt auf Dein rechtes Bein zu. Plötzlich hörst Du ein kurzes Surren, gefolgt von einem kläglichen Aufjaulen und einem dumpfen Poltern. Der Körper des angriffswütigen Hundes wird herum gerissen. Die Hinterbeine fliegen Dir noch ein kurzes Stück entgegen, doch der Kopf des Hundes hängt nun in einer straffen Schlinge, deren anderes Ende von der kräftigen Faust eines an eben diesem Tisch sitzenden, recht heruntergekommen aussehenden und offensichtlich bereits angetrunkenen Gastes gehalten wird.

"Ruhich Kerbos! Verdammte Töle! Ständich muß man auf Dich aufpassen! - Seht ihr, ich hab's euch ja gesacht: Das hat schon seinen guten Grund, daß ich den alten Kerbos nich vonner Leine lasse. Dieses Tier is ne Waffe! Ich würd lieber ohne mein Schwert ins Orkland reiten, als ohne diesen Mistköter. Der beißt drein von denne Schwarzpelze die Kehle durch, noch bevor einer von euch auch nur sein Schwert gezochen hätte!" Lautes aber in gewisser Weise auch anerkennendes Lachen aus mehreren annähernd zahnlosen Mäulern unterbricht den stolzen Redner, der seinen sehnigen Bornländer nun mit einigen kräftigen Rucken am Seil wieder unter den Tisch zwingt und sich hinsetzt, ohne von Dir die geringste Notiz zu nehmen.

Der prahlerische Trunkenbold gehört zu einer fünfköpfigen Gruppe von Söldnern, die alle den Anschein erwecken, als wären sie frisch aus dem Orkkrieg desertiert. Ihre Kleidung ist zerschlissen und staubig, ihr Haar quillt in fettigen, verfilzten Strähnen unter ihren gemeinen Warunkern hervor, die nicht selten mit einem Federbüschel oder einer geckenhaften Pfauenfeder geschmückt sind, ihre Haut hat ihrem Geruch nach zu urteilen in den letzten zwei bis drei Götternamen kein Wasser mehr gesehen und anhand ihrer ungepflegten Vollbärte ließen sich sämtliche Mahlzeiten der letzten drei Praiosläufe rekonstruieren, die dieses Pack in sich hinein geschaufelt hat. Lediglich ihre Waffen, ausnahmslos schmale Langschwerter, scheinen sie in einem leidlich guten Zustand zu halten.

Du murmelst einige abschätzige Worte und arbeitest Dich zu einem der freien Tische vor, der weit genug von dieser Bande Met saufender Herumtreiber entfernt liegt. Kraftlos und erschöpft läßt Du Dich auf einen der einfachen, aber nicht unbequemen, harten Holzstühle fallen, streckst die Beine unter den Tisch und wartest auf die Schankmagd, die zur Zeit noch einige Tische weiter damit beschäftigt ist, einen scheinbar nicht recht mit dem ihm vorgesetzten Ferdoker zufriedenen Gast zum Begleichen seiner Rechnung zu überreden.

Gelangweilt musterst Du die anderen Gäste. Entgegen Deiner Erwartungen scheint kein Angehöriger des kleinen Volkes darunter zu sein. Die beiden jungen Männer an dem Tisch neben den Söldnern sind offensichtlich einfache Bürger der Stadt, Handwerkergesellen, wenn Du Dich nicht irren solltest. Die Anwesenheit der rauhen Rabauken am Nebentisch scheint auch der Grund für die Eile zu sein, mit der sie ihre Mahlzeit herunter schlingen, denn immer mal wieder sehen sie eingeschüchtert zu den bärtigen Rüpeln herüber, nur um daraufhin noch ein bißchen schneller ihren Eintopf zu vertilgen. Der zahlungsunwillige Mann am anderen Ende des Schankraumes scheint zugleich der potentiell zahlungskräftigste Gast der Schenke zu sein. Seine Kleidung sieht wertvoll aus und zumindest der sichtbare Teil seiner Waffen, so da wären ein edles Rapier und mehrere Dolche, ist blank poliert. In einer Ecke des Raumes erkennst Du auch den Jüngling wieder, der Dir schon am Marktplatz aufgefallen war und der die Schenke nur kurze Zeit vor Dir betreten hat. Mit versonnenem Blick nippt er gelegentlich an einem hölzernen Humpen, der wohl entweder Wasser oder Milch enthalten muß, und mustert ein junges Pärchen, welches sich einen Tisch weiter Händchen haltend tief und verliebt in die Augen blickt und geflüsterte Liebesschwüre auszutauschen scheint.

Mürrisch knallt der gut gekleidete Edelmann der Schankmagd nun endlich einige Geldstücke auf den Tisch und durchmißt dann eiligen Schrittes den Raum in Richtung der Eingangstür. Kopfschüttelnd steckt die Bedienung das Geld ein und wischt noch einmal über den nun frei gewordenen Tisch. Mit mattem Lächeln nickt sie Dir zu, um Dir zu signalisieren, daß sie Dich bemerkt hat und sogleich Deine Bestellung aufnehmen wird. Ein unterschwelliges Knurren verrät Dir, daß der Edelmann soeben den Tisch der Söldner passiert haben muß. Es ist schon eine Schande. Du weißt nicht viel über Hunde, doch hast Du niemals zuvor einen dermaßen zur Aggression neigenden Bornländer gesehen. Eigentlich ist diese Rasse für ihre Friedfertigkeit bekannt und läßt sich nur sehr schwer zu einem brauchbaren Kampfgefährten heranbilden. Du wagst Dir gar nicht vorzustellen, welch unmenschliche Mittel sein Herr angewendet haben muß, um aus einem von Natur aus so charakterfesten Hütehund eine dermaßen reizbare und gefährliche Bestie zu machen. Unwillkürlich wendest Du Deinen Blick der Tür zu, die der unzufriedene Gast soeben geöffnet und im nächsten Moment auch schon passiert hat. Doch scheinbar war der gute Mann etwas unachtsam, denn während er seinen leicht zur Rundlichkeit neigenden Körper durch den Türrahmen wälzt, betritt ein weiterer 'Gast' die Schenke. Bei diesem handelt es sich jedoch weder um einen Menschen, noch um einen Angroschim oder gar um einen Fey, sondern um eine auffällig große, schwarze Katze. Geschickt hat der Streuner den richtigen Moment abgepaßt und sich an den Beinen des heraus eilenden Gastes vorbei in den Schankraum geschlichen.

Quietschend fällt hinter ihm die Tür ins Schloß. Überrascht stellst Du fest, daß Du angespannt und verkrampft weiterhin auf die Katze starrst. Es ist ein schönes, gepflegtes Tier, pechschwarz mit glänzendem Fell und leuchtend grünen Augen, größer als jede Dir bekannte Katzenart aber doch von gänzlich anderer Erscheinung als etwa eine Wildkatze sie bieten würde. Wirklich Schade, daß das prachtvolle Tier ein so unschönes Ende nehmen muß, denn natürlich ist Dir bereits klar, was als nächstes passieren wird...

Mit lautem Gekläffe schießt der vor Blutgier tolle Bornländer unter dem Tisch seines Herrn hervor und stürzt auf die vollkommen unvorbereitete Katze zu. Diese zuckt kurz zusammen und stößt ein gefährlich klingendes Fauchen aus, macht jedoch nicht die geringsten Anstalten zu fliehen. Ja nicht einmal zu einem ihre edle Erscheinung nur unnötig karikierenden Buckel läßt sie sich hinreißen. Gefaßt starrt sie in das blitzartig auf sie zuschnappende Maul, welches begleitet von einem kurzen Surren nur wenige Finger von ihren Schnurrbarthaaren entfernt ein Loch in die Luft beißt. Der überrumpelte Söldner hat einige Mühe, den vollkommen wild gewordenen Hund zu halten, schafft es aber schließlich doch noch ihn mit einigen Tritten und unsanften Rucken an der den sabbernden Köter immer mehr strangulierenden Schlinge wieder unter sein Regime zu zwingen, was von seinen Kameraden mit mißmutiger, kollektiver Kritik geahndet wird. Offensichtlich hatten sich diese schon auf ein 'interessantes' Blutbad gefreut.

Die Katze indes wendet sich einfach ab und stolziert mit demonstrativ hoch erhobenem Haupt einmal quer durch den Schankraum. Deine Anspannung weicht allmählich wieder von Dir. Das ist ja noch mal gut gegangen. Fast hattest Du befürchtet, Dir könnte von einem blutigen Gemetzel mitten im Schankraum der Appetit verdorben werden...

Nun endlich tritt die Schankmagd an Deinen Tisch heran. Erwartungsvoll lächelst Du ihr entgegen. "Huch!" ruft sie plötzlich aus, als sie fast über die, ob ihres eindrucksvollen moralischen Sieges noch immer mit stolz erhobenem Haupt durch den Raum schreitende Katze gestolpert wäre. "Unverschämter Frechdachs!" schimpft sie mit gespielter Entrüstung. Dann kommt sie lächelnd auf Dich zu. Offensichtlich scheint sie die Anwesenheit des Streuners nicht sehr zu stören. Vielleicht gehört er gar zum Haus. Das würde auch sein überlegenes Auftreten in der Szene vorhin erklären. Er wird solche Situationen einfach gewohnt sein...

 

"Kein Kater, der aus seinem ersten Fell heraus ist, läßt sich jemals täuschen von äußerlichen Erscheinungen; ganz im Gegensatz zu Menschen, die sich offenbar daran erfreuen!" - Das Letzte Einhorn

 

Freundlich erkundigst Du Dich nach dem heutigen Angebot der Schenke, sinnst kurz über das Gehörte nach und gibst schließlich Deine Bestellung auf. Deine Blicke sind indes der Katze gefolgt, die zuerst dem Pärchen am Nebentisch in engen Kreisen um die Beine streicht und sich dann wieder Deinem Tisch nähert. Kaum hat Dir die Schankmagd den Rücken zugekehrt, da ist das Tier auch schon mit einem geschmeidigen Satz mitten auf den Tisch gesprungen und sieht Dich nun aus seinen großen, grünen Augen erwartungsvoll an.

Erst jetzt bemerkst Du, wie groß die nun anmutig auf Dich zu tänzelnde Katze eigentlich ist. Ihre Schulterhöhe mag gut und gerne einen halben Schritt betragen, und rechnet man den elegant hin und her schwingenden Schwanz hinzu, so ist das Tier im Ganzen sicherlich doppelt so lang. Merkwürdig. Was will es bloß von Dir? Es starrt Dich an, als warte es auf eine bestimmte Reaktion. Mißtrauisch beäugst Du den zutraulichen Kater, denn um einen solchen handelt es sich offensichtlich. Abwartend legt das Tier den Kopf schief. Nun ja... Flöhe scheint er ja nicht zu haben... Du riskierst es und streckst ihm vorsichtig eine Hand entgegen. Sofort geht der Kater darauf ein und schmiegt genießerisch schnurrend seinen Kopf an Deine Handfläche. Gerade hast Du beschlossen, ihn vielleicht ein wenig hinter den Ohren zu kraulen, da richtet er plötzlich die Ohren auf und springt unversehens von Deinem Tisch herunter. Mit wenigen Sätzen ist er am Tisch des schwarzhaarigen Jünglings angelangt, mit dem er scheinbar dasselbe Spiel zu spielen gedenkt, denn noch aus der Bewegung heraus springt er nun auch auf dessen Tisch und läßt sich in den folgenden Minuten auch von ihm streicheln und kraulen.

Deine Aufmerksamkeit wird von einer hitzigen Diskussion abgelenkt. Sie kommt - wie könnte es anders sein - vom Tisch der Söldner. Offensichtlich haben die vier blutlüsternen Kämpen ihrem Kameraden noch immer nicht verziehen, daß er sie nach ihrem Verständnis um ein amüsantes Schauspiel gebracht hat. Du verstehst nicht genau, was sie sagen, aber es ist nicht schwer zu erraten, daß sich da etwas zusammenbraut.

Dann ist es schließlich so weit. Gerade als die Schankmagd mit einem Tablett, auf welchem Du einen gut gefüllten Humpen und einen Teller des dampfenden Gemüseeintopfs erkennen kannst, aus der Küche zurück in den Schankraum kommt, erhebt sich der in seinem Stolz gekränkte Söldner und zieht seinem noch immer gierig in Richtung der Katze starrenden Köter die Schlinge vom Kopf. Offensichtlich ist er die Vorwürfe und Hänseleien seiner Kameraden schnell satt geworden. Wie ein geölter Blitz schießt der sehnige Bornländer auf den Tisch des jungen Einheimischen zu, der noch immer die vor ihm auf dem Tisch liegende Katze krault. Diesmal ist die Magd nicht geschickt genug, um dem vierbeinigen, unerwartet auftauchenden Hindernis noch rechtzeitig auszuweichen. Ein schriller Schrei ertönt, und mit lautem Scheppern stürzt sie der Länge nach hin, wobei sich der Inhalt des Humpens zusammen mit dem Eintopf schnell auf dem hölzernen Boden verteilt. Vom Tisch der Söldner her hörst Du grölendes Gelächter.

Hecktisch wendest Du Deinen Blick der anderen Seite des Schankraumes zu. Der junge Mann ist aufgesprungen, die Katze sitzt noch immer auf dem Tisch vor ihm. Mit wütendem Knurren wirft sich der Bornländer gegen den Tisch. Im letzten Moment springt der Kater elegant zur Seite und krallt sich in einer der schweren Stoffgardinen fest, die an beiden Seiten des benachbarten aber unglücklicherweise geschlossenen Fensters herabhängen. Trotz des unsicheren Halts arbeitet sich das geschickte Tier noch einige Spann weit höher nach oben. Doch schon ist der blutgierige Hund wieder heran. In sinnloser Wut springt er wieder und wieder vor dem Fenster hoch, kann die Katze jedoch nicht erreichen.

In seinem heillosen Wahn bekommt er schließlich ein Stück der Gardine zu fassen, die unter dem Zug des massigen Körpers sofort nachgibt, abreißt und auf den tobenden Hund hernieder segelt. Die Katze stößt ein erschrockenes Fauchen aus. Mit den Krallen voran stürzt auch sie nun dem Boden und damit ihrem sicheren Ende entgegen. Doch allen Deiner Erwartungen zum Trotz landet sie nicht auf den harten, hölzernen Dielen, sondern krallt sich statt dessen im Nacken des rasenden Hundes fest, der noch immer damit beschäftigt ist, sich unter der so unvermittelt über ihn hereingebrochenen Stoffflut hervor zu kämpfen.

Die Söldner schütteln sich vor Lachen. Gebannt beobachtest Du den ungleichen Kampf, wagst es aber nicht einzugreifen. Die Katze hat sich mit der Kraft der Verzweiflung im Nacken des Hundes festgekrallt. Dieser dreht und windet sich, wirft sich herum, versucht, nach ihr zu schnappen, kann sie jedoch nicht erreichen. Wütend bellt und knurrt er. Gelegentlich kommt ein schmerzhaftes Winseln hinzu, denn die Katze beginnt nun, mit einer Vorderpfote deftige Schläge zunächst gegen sein rechtes Ohr, dann über dieses hinweg auf seine Schnauze auszuteilen.

Plötzlich jault der Bornländer herzzerreißend auf. Der Kater hat eines seiner Augen getroffen. Blut und ein gelbliches Sekret sickern hervor. Der Hund bäumt sich in seinem unendlichen Schmerz mit all seiner Kraft auf und schnappt ziellos um sich. Die Katze kann sich nicht mehr halten, wird abgeworfen. Sie landet auf den Pfoten, doch schon ist der Feind wieder heran. Du meinst unter all dem Fauchen und Knurren das Knacken einiger Rippen zu hören, als der Hund dem Kater seine Zähne in die Seite schlägt. Schmerzhaft verziehst Du das Gesicht. Das war es wohl. Der massive Bornländer übertrifft den Kater sowohl an Größe als auch Gewicht sicherlich um das Doppelte. Im unmittelbaren Zweikampf wird er seinem Gegner gewiß ein schnelles und blutiges Ende bereiten. Oder doch nicht?

Etwas zu langsam versucht der Hund nachzufassen. Die Katze kann sich seinem kräftigen Maul entwinden. Doch statt zu fliehen stürzt sie sich auf ihn. Die linke Flanke kann sie offensichtlich nicht mehr bewegen. Ihre komplette Seite ist blutverschmiert. Aber mit den Vorderpfoten schlägt sie nun unnachgiebig auf Brust und Schnauze des schmerzvoll aufjaulenden Hundes ein. Mehr als einmal beißt sie zu. Der mutige Bornländer schnappt noch mehrmals nach seinem ungleich wendigeren Gegner. Einige Male erwischt er ihn auch noch am Fell, doch meist ist der Kater trotz seiner Verletzung einfach zu gewandt, um sich von dem halb blinden Hund beißen zu lassen. Beide Tiere bluten bereits aus mehreren Wunden, als dem Kater schließlich der entscheidende Schlag gegen das linke Auge seines Gegners gelingt.

Erneut jault der nun gänzlich geblendete Hund auf. Einen Moment lang schnappt er noch in schmerzhafter Raserei um sich. Dann geht sein Knurren und Keifen immer mehr in ein klägliches Jaulen und Winseln über. Unsicher und ohne jede Orientierung weicht er einige Schritte zurück, stößt gegen einen Tisch, fährt erschrocken herum und kauert sich schließlich zitternd auf den Boden.

Der Kater hat nach dem letzten Schlag sofort von ihm abgelassen. Beständig das linke Hinterbein nachziehend kämpft er sich in Richtung der Küchentür vor. Du achtest nicht weiter auf ihn, denn Deine Aufmerksamkeit wird erneut vom lauten Gegröle der schadenfrohen Söldner abgelenkt, die inzwischen dazu über gegangen sind, ihren prahlerischen Kameraden aus vollem Herzen wegen seiner Geschichten über den 'Orks zerreißenden Kampfhund' auszulachen. Der Prahler selber wirkt jedoch sichtlich betroffen. Mit fassungsloser Mine torkelt er auf seinen winselnden Vierbeiner zu: "Aber Kerbos, was haste denn? Was issn los? Steh doch auf! Du wirst Dich doch von som albernen Katzenviech nich..." weiter kommt er nicht, denn kaum hat er die Hand nach seinem schwer verletzten Hund ausgestreckt und ihn nur leicht am Nacken berührt, da schnappt dieser zu und bohrt seine Zähne mit einem wütenden Knurren tief in den Unterarm seines Herrn.

Fluchend zuckt dieser zurück. Als das Lachen der Söldner ob an dieser neuerlichen, offenbar ungemein amüsanten Wendung der Ereignisse wieder lauter wird, ist das Knurren des Hundes bereits wieder zu einem Winseln geworden. In wütendem Wahn schreit der in seinem Stolz gekränkte und schmerzhaft verletzte Söldner den bemitleidenswerten Bornländer nun an, wobei er ihm mehrmals so kräftig in die Seite tritt, daß der Hund bereits nach dem ersten Tritt unfähig ist, in irgend einer Weise darauf zu reagieren: "Du undankbarer Flohfänger! Ich fütter Dich jahrelang durch, geb Dirn Dach überm Kopf und erzähl jedem, was fürn tüchtiger Hund Du bist, un Du? Du läßt Dich von som Katzenviech vermöbeln, blamierst mich vor alln Leuden und beißt mich noch, wenn ich Dir helfen will! Ersäufen sollt man Dich! Jawoll! Un das is noch viel zu gut für Dich! Ach verreck doch, Du elende Misttöle!" Endlich läßt der Söldner von ihm ab. Mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht blickt er auf seinen lädierten Arm und verläßt dann unter dem spöttischen Gelächter seiner Freunde den Schankraum.

Als Du Deinen Blick wieder dem reglosen, blutenden Hund zuwendest, hat sich gerade der schwarzhaarige Jüngling über ihn gebeugt. Ohne die geringsten Anzeichen von Angst streicht er dem mißhandelten Tier sanft über das blutbesudelte Fell. Ein schwaches Winseln ist zu hören. Vorsichtig schiebt der Fremde nun seine Arme unter den Körper des Tieres, hebt den vollkommen entkräfteten und beinahe leblosen Körper unter sichtlicher, körperlicher Anstrengung hoch und trägt ihn in die Küche. Die Schankmagd ist inzwischen wieder auf die Beine gekommen, hat jedoch kein Wort des Widerspruchs für ihn übrig, sondern hält ihm statt dessen sogar noch die Tür auf. Mitleidig schaut sie dem finster dreinblickenden Jüngling hinterher und tritt dann kurz an Deinen Tisch heran, um sich für ihre Unachtsamkeit zu entschuldigen und Dich bezüglich Deiner Bestellung noch um etwas mehr Geduld zu bitten. Von der Katze ist nirgends mehr etwas zu sehen.

Als Dein Essen schließlich doch noch kommt, findest Du - wie Du erwartet hattest - keinen rechten Geschmack mehr daran. Du zwingst Dich jedoch, nichts von dem eigentlich guten und immerhin bereits bezahlten Mahl verkommen zu lassen und nimmst Dir dann ein Zimmer in der Schenke, auf welches Du Dich auch bald darauf schon zurückziehst, um Dich von Deiner strapaziösen Reise endlich verdienter Maßen erholen zu können.

Den Abend beschließt Du, auf Deinem Zimmer zu verbringen und nicht noch einmal den Schankraum aufzusuchen, denn die hellhörigen Wände haben Dir bereits verraten, daß das trunksüchtige Söldnerpack diesen noch immer nicht verlassen hat. Zu Deiner eigenen Überraschung schläfst Du in der folgenden Nacht recht gut und wachst nach mehreren erholsamen Stunden in Borons Armen entspannt und voller Tatendrang in Deinem einfachen aber gemütlichen Einzelbett auf.

Du sitzt beim Frühstück nahe dem geöffneten Fenster zur Straße, als Du den Sieger des gestrigen Kampfes wieder siehst. Der Kater wurde offensichtlich gesäubert und wirkt erstaunlicher Weise nahezu unverletzt. Aufmunternd hältst Du ihm die Hand entgegen, als er wie am Tag zuvor mit einem eleganten Satz auf Deinen Tisch springt. Doch heute scheint er nicht in der Stimmung für Zärtlichkeiten zu sein. Kalt und eindringlich starrt er Dich an. Du kannst seinem Blick nicht standhalten. Unwillkürlich wendest Du den Kopf ab. Erst als Du aus dem Augenwinkel heraus bemerkst, daß er die Schenke durch das offene Fenster verlassen hat, siehst Du ihm interessiert nach, kannst ihn aber nirgends mehr entdecken.

Stapfenden Schrittes und mit mürrischen Mienen kommen derweil die Söldner die hölzerne Stiege zu den Schlafräumen herunter. Offensichtlich haben auch sie die Nacht hier verbracht. Ihr verletzter Kamerad trägt einen Arm in einer behelfsmäßig angelegten Schlinge. Wortlos und ohne Dich zu beachten verlassen sie den Schankraum und verschwinden im angrenzenden Stall des Hauses, aus dem sie jedoch bald darauf schon wieder hervorkommen. Jeder von ihnen führt ein recht ansehnliches Pferd am Zügel.

Da springt der Kater wieder auf die hölzerne Fensterbank. Demonstrativ wendet er Dir den Rücken zu und scheint die Mietlinge beim Satteln ihrer Pferde zu beobachten. Einen Moment lang scheint es Dir sogar, als starre der Kater einen von ihnen regelrecht an. Inzwischen haben die Söldlinge draußen wieder vorsichtig zu scherzen begonnen. Schwungvoll besteigen sie nun ihre frisch gestriegelten Rösser. Nur einem will es nicht so recht gelingen, denn kaum sitzt er einigermaßen fest im Sattel, da faßt er sich mit der einzig freien Hand plötzlich an den Rücken, krümmt sich und fällt mit einem unterdrückten Schmerzensschrei seitlich vom Pferd herunter, wobei er unsanft auf seinem ohnehin schon verletzten Arm landet.

Unversehens wendet sich der Kater nun zu Dir um und verschwindet nach einigen munteren Sprüngen in der lediglich angelehnten Küchentür. Nachdenklich runzelst Du die Stirn. Der Söldner vor Deinem Fenster liegt noch immer im regennassen Straßendreck, unfähig, sich aufzurichten und über sich die schadenfroh lachenden Gesichter seiner Kameraden. Langsam beginnst Du, den abergläubischen Gerüchten der hiesigen Landbevölkerung Glauben zu schenken. Kann das wirklich Zufall gewesen sein?

 

"Keine Katze gab jemals irgendwo irgendwem eine klare Antwort!" - Das Letzte Einhorn

 

Als die Schankmagd schließlich an Deinen Tisch tritt, begleichst Du Deine Rechnung, bedankst Dich für die gute Unterbringung und das schmackhafte Mahl und verläßt bald darauf die Schenke. Als Du die Tür gerade geöffnet hast, meinst Du ein fröhliches Kläffen vom Hinterhof zu hören, das Dir irgendwie vertraut vorkommt, doch Du denkst nicht weiter darüber nach, sondern begrüßt den neuen Morgen und trittst entschlossen und gut erholt ins Freie. Laut quietschen die Scharniere als die massive Steineichenholztür hinter Dir ins Schloß fällt.

 

Nachricht an Satu und Sumulux

 

Satu und Sumulux als Meisterpersonen

 

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1999


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