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Taramju
Du warst in den Wäldern nordöstlich von
Auersbrück am Koschgebirge
unterwegs, und was auch immer Du erwartet hattest, das hier war es bestimmt
nicht: Nur zum Schutz wolltest Du Dich unter den Felsvorsprung begeben - nur eine sichere
Stelle zum Schlafen - nichts weiter trieb Dich hierher, und nun?
Du sitzt an Armen und Beinen gefesselt in einer rustikalen aber für eine Felsenhöhle
erstaunlich behaglichen Unterkunft. An den Wänden befinden sich Regale, vollgestopft mit
Kräutern und Hausrat. Fast mittig in der Höhle befindet sich eine Feuerstelle mit
Dreibein und Kessel, in der nur noch schwache Glut liegt. Dir gegenüber legt eine recht
hochgewachsene junge Frau Holzscheite in das Feuer. Du kannst es einfach nicht verleugnen:
Sie ist ansehnlich. Rötlich schimmerndes leicht gewelltes Haar liegt über ihren schmalen
Schultern, wohlgeformt sind Brust und Hüften. Schlanke Beine und zart wirkende Füße
runden den durchweg bezaubernden Eindruck ab. Doch bemerkst Du auch etwas Bestimmendes in
ihrem Wesen. In ihre Augen scheint es zu funkeln. Als sie Dich überwältigte - und das
geschah zweifelsohne nur, weil du allzusehr überrascht warst - bemerktest Du eine Kraft
und eine Gewandtheit, die Ihr niemand auf den ersten Blick zugesprochen hätte.
Offensichtlich konntest Du es nicht verbergen, daß Du sie mustertest. "Kann es sein,
daß Ihr Euch gar nicht bewußt seid, wen Ihr vor Euch habt? Nun, wer ich bin, das hat
Euch nicht zu kümmern, aber wisset: Ihr seid nicht der einzige Unwissende! Sagt mir
vielmehr, wer Ihr seid! Was wollt Ihr hier? Was fällt Euch ein, in mein Heim
einzudringen? Ist das jetzt Brauch im Kaiserreich?" - Ihre Stimme klingt nicht
unangenehm, doch so fordernd und spitz, daß Du Dich unweigerlich als ein Lehrling
fühlst, der zu Recht gemaßregelt wird. Du versuchst sie zu beschwichtigen, versuchst
Dein Anliegen vorzubringen, Verständnis für Deine Lage zu erhaschen, bittest sie Dir die
Fesseln abzunehmen. Doch so zart und weich diese Frau auf den ersten Blick erscheinen mag,
so hart erscheint sie Dir jetzt. "Es ist nicht möglich, daß Ihr zufällig'
hierher verschlagen wurdet. Zu diesem Ort führt weder Straße noch Pfad", wirft sie
Dir mit fast feindseligen Blicken entgegen, "Erklärt Euch!" Es besteht weder
Zweifel daran, daß diese Frau den Umgang mit Fremden nicht gewohnt ist, noch daran, daß
sie nicht gewillt ist, Dich gehen zu lassen, ehe sie nicht glaubt wirklich zu wissen, was
du willst. Du schilderst ihr ein zweites Mal Dein Anliegen und bemühst Dich, Dich nicht
von ihrem Wesen einnehmen zu lassen. Wiederum forderst Du sie auf, Dich loszubinden, da
Dir sowieso nicht mehr daran gelegen sei, weiterhin in diesem Landstrich zu bleiben. Sie
antwortet Dir mit einem Hohngelächter: "Ihr seid wohl kaum in der Lage, Forderungen
zu stellen. Sind Euch die Fesseln unbequem? Ich nahm meinen besten Strick, gerade um Eure
Gelenke zu schonen! Ha! Ihr seid hier nicht in Gareth, wo jedermann von Soldaten in blank
geputzten Uniformen geschützt wird und zum Dank dafür seine Habe abgibt! Ihr seid hier
nicht in Gareth, wo man seinen Lebensunterhalt erkauft! Hier ist das Leben! Aber das ist
anscheinend nicht Eure Welt! Und wenn Ihr nicht hier seid, um Schaden anzurichten, warum
dann? Was treibt Euch hierher? Wer nicht antworten will kann es nicht ehrlich meinen. Ich
bin nicht gewillt, mich mit einem Feigling und Lügner zu unterhalten." - Du bist
überrascht! Man hat Dir sicherlich schon vieles angedichtet, aber noch nie, lügnerischer
Feigling zu sein! Ohne ein weiteres Wort von Dir abzuwarten, nimmt sie einen Streifen
Leinen von einem der Regale hinter ihr und verbindet Dir die Augen. Dein Protest stört
sie da offensichtlich nicht. Jetzt löst sie die Fußfesseln, faßt Dich bei den
Handfesseln und führt Dich eine gute halbe Stunde durch den Wald. Dann schließlich wirft
sie Dich zu Boden und löst Deine Fesseln ein wenig. Innerhalb kürzester Zeit hast Du
Dich von den Fesseln befreit und die Augenbinde fortgerissen. Du befindest Dich in der
Mitte einer Straße, doch die Fremde ist nicht zu sehen...
1999
Der Schwarze Limbus
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