Der Schwarze Limbus    

'

Kreis des Lebens

 

Im Einhorn

Im „fröhlichen Einhorn“ waren nicht sehr viele Gäste an diesem Abend, doch die, die da waren gaben eine recht bunte Mischung ab. An einem der Tische nahe der Tür saßen zwei Händler und unterhielten sich über ihre derzeitigen Geschäfte, wobei sie sich gegenseitig zu übertrumpfen versuchten, lauthals prahlten sie damit, wie hoch doch ihr Gewinn beim letzten Handel war, und wie sehr sie ihren letzten Handelspartner über's Ohr gehauen hatten. Den Kopf auf die Theke gelegt hatte ein Mann der Stadtwache, der am heutigen Abend wohl nicht mehr nach Hause gehen würde. Den meisten Lärm verursachten jedoch ein paar Söldlinge, die um ihren letzten Sold Boltan spielten. In der dunkelsten Ecke aber saß eine Person, die irgendwie nicht an einen Ort wie diesen paßte. Er trug eine einfache braune Wollkutte und Lederstiefel, Haupthaar und Bart sahen aus, als wären sie seit Wochen nicht geschnitten worden, neben dem Stuhl lehnte ein Stecken an der Wand und von Zeit zu Zeit schob er ein Stück Fleisch aus seinem Eintopf in seine Umhängetasche, woraufhin ein vergnügtes Fiepen zu hören war. Ansonsten sprach der junge Mann nicht, verzehrte seinen Eintopf und schien keine Notiz von seiner Umgebung zu nehmen.

Als vor der Tür ein Nachtwächter entlang schritt und laut vernehmbar die Zeit verkündete erschien eine Gestalt im Wirtsraum, die sich bis dahin zwischen dem Kamin und einem leeren Bierfaß verborgen gehalten hatte. Es war ein alter Mann, dem man die Jahre ansah, die er erlebt hatte, und das Leben schien es nicht gut mit ihm gemeint zu haben. Seine Beine waren verdreht und hatten mehrere unnatürliche Knicke, an einer Hand fehlten ihm ein paar Finger, seine Kleidung war alt und zerschlissen und sein letztes Bad schien Wochen zurückzuliegen. Wer sollte bei diesem erbärmlichen Anblick vermuten, daß er in diesem alten Mann einen Helden der Ogerschlacht vor sich hatte, der den Verstand verloren hatte, als er seine ganze Familie den Menschenfressern zum Opfer fallen sah. Diese arme Gestalt hatte kein Glück gehabt und auch jetzt war Phex nicht auf seiner Seite, denn gerade, als er am Tisch der Söldner vorbeischlich, sprang einer von diesen fluchend auf. „Asleif, du verdammter Hurenbock! Mein halber Sold liegt da auf dem Tisch und was machst du? Bescheißen tust du, stinkendes Aas! Vier Magier - daß ich nicht lache! Keinen Heller kriegst du von mir!“ Voller Zorn warf er seinen Stuhl durch die Gaststube und blickte sich nach einem neuem Opfer für seine Wut um. Sein Blick fiel auf den Krüppel und sein Mund verzog sich zu einem hämischen Grinsen. Er trat neben den alten Mann und spuckte ihm ins Gesicht. Als der Alte sich verzweifelt und ungelenk bemühte, sich den Speichel aus den Augen zu wischen, trat der Söldner ihm in den Bauch. Der Bettler knickte zusammen und wand sich wimmernd auf dem Boden, als die Stiefelspitze immer wieder in seinen Leib fuhr. Tränen liefen ihm über die Wangen und verzweifelt suchten seine Augen nach jemandem, der ihm half, doch keiner machte Anstalten dazu, vielmehr betrachteten die Anwesenden interessiert das Spektakel. Plötzlich jedoch fiel auch der Peiniger auf die Knie, schließlich auf den Boden und begann sich wild zuckend zu winden, Schaum stand ihm vor dem Mund und seine Augen  verdrehten sich. Die anderen Gäste starrten der Person ins Gesicht, die sich nun erhoben hatte, deren Augen von Furcht und Wut erfüllt waren. Keiner wußte, was er tun sollte. Der Mann hatte jetzt seinen Stab in der Hand und beugte sich über den Alten. Auf seiner Schulter saß ein Wiesel. Er half dem Krüppel auf die Beine, murmelte einige beruhigende Worte in sein Ohr und verließ mit ihm gemeinsam die Gaststube zur Straße hin.

Als er an die kalte Nachtluft trat, zog er sich die Kapuze über den Kopf und legte eine Decke um die Schultern des Alten. Er würde diese Menschen nie verstehen, verzweifelt sah er sich um, doch er erblickte nur Stein und totes Holz. Wahrscheinlich war das schuld an ihrem Verhalten. Wenn man nur von toten Dingen umgeben war, so mußte wohl auch früher oder später die Seele von den Mauern eingeengt werden und auch für Mitleid schien hier kein Platz zu sein. Obwohl er hier von so vielen Menschen umgeben war, fühlte er sich plötzlich fürchterlich einsam, und je länger er hier war, desto mehr Angst bekam er. Hastig ergriff er den Alten am Arm und ging mit ihm zum Stadttor. Dort sprach er einige Worte mit dem Wächter, wirkte einen einfachen Zauber, ließ sich das Tor öffnen und zog den Alten mit sich hinaus vor die Stadt. Wenige Schritte später stand er im Wald. Er atmete tief ein. Die Luft roch nach Laub und Moos. Dann lauschte er den Lauten des Waldes: ein Käuzchen rief, dort unter dem Efeu war eine Maus auf der Suche nach Nahrung und leise rauschte der Wind durch die Kronen der Bäume.. Ja, das war seine Welt und nicht die kalte, gefühllose Stadt. Sie speisten von wilden Erdbeeren und Sauerampfer, die am Wegesrand wuchsen und rasteten kurz unter einer mächtigen Eiche, einem starken Baum, der noch viele Jahre hier stehen würde, wenn die Menschen ihn ließen, was keineswegs sicher war. Doch was waren diese Jahre verglichen mit dem Alter Sumus. Ehe er jedoch ins tiefe Grübeln versinken konnte, straffte er sich, stand auf und ging weiter in den Wald hinein, fort von der Stadt und den schlechten Menschen. Der Alte folgte ihm, gewandter, als man es ihm noch vor wenigen Augenblicken zugetraut hätte. Der Mann mit der Kapuze spürte, daß Mutter Sumu dem Mann helfen würde, sie half jedem, der wirklich wollte. Gemeinsam verschwanden die beiden in der Dunkelheit.

 

Der Druide Sumudan

 


Der Schwarze Limbus Nachricht an die Autoren (c) 1998-2000; letzter Planastrale Anderwelt gewirkt am 11.11.00