Der Schwarze Limbus    

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Kreis des Lebens

 

Arnulfs Jagd

Arnulf blieb stehen, holte tief Luft und betrachtete angestrengt den Boden. Es war zwar schon Efferd, doch nach wie vor recht warm und da Praios es heute wohl besonders gut meinte, machte ihm die Hitze mittlerweile doch zu schaffen. Schließlich entdeckte er, was er suchte und machte sich wieder auf den Weg. Während er sich durch eine Brombeerhecke kämpfte, fluchte er, über sich selbst und seine Leichtsinnigkeit, nein, Leichtsinn traf es nicht, es war wohl eher Dummheit. Wie ein kleines Kind war er aufgesprungen und hatte sofort zugestimmt, als sein Bruder ihm vorgeschlagen hatte in den Wald jagen zu gehen, immerhin würde der Winter bald kommen und man kann ja nie wissen. So früh am Morgen hatte er sich noch keine Sorgen gemacht, obwohl er auch wußte, dass das Jagen dem Baron vorbehalten war. Jetzt, nachdem er viel Zeit zum Nachdenken gehabt hatte, wurde ihm fast schlecht vor Angst und der Gedanke an einen Wildhüter trieb ihm wahre Bäche von Schweiß aus den Poren. Erst jetzt war ihm klar, was er getan hatte. Er hatte Jagd auf ein Tier gemacht, dass er nicht einmal anrühren durfte und zu allem Unglück hatte er den Rehbock auch nicht richtig getroffen, so dass er jetzt schon eine Ewigkeit hinter ihm herjagte. Das sich zudem auch noch etliche Mücken an seinem Blut gütlich taten, besserte seine Laune auch nicht gerade. Trotz allem würde er nicht umkehren, nicht jetzt wo er es fast geschafft hatte. Geschehen war geschehen...

Als er wieder einmal gen Himmel blickte, erschrak er. War es wirklich schon so spät? Er konnte doch unmöglich so lange unterwegs sein, er musste sich beeilen, wenn er nicht im Wald übernachten wollte, und das wollte er wirklich nicht. Es war zwar schön warm, doch bei all dem, was die Leute erzählten, hatte er keine große Lust im Freien zu nächtigen. Von Feen und Kobolden gingen Geschichten um, gar von einem leibhaftigen Drachen wußte Nadila, die Frau des Müllers zu erzählen, doch nichts davon jagte ihm solche Schauer über den Rücken, wie das, was die Leute über den Alten im Walde redeten. Eigentlich soll er ja gar nicht alt sein, so sagt zumindest Nadschenka, und die hat ihn ja selber beim Holz sammeln gesehen. Jung soll er sein, den langen Bart und die Haare voller Laub und Äste, dass er bald wie ein Busch aussehe, gar ein Vogelnest habe er auf dem Kopf und Kleidung würde er gar nicht tragen, statt dessen soll er eine borkige Haut wie eine alte Kiefer haben. Andere wieder sagen, er habe einen Bart bis zum Boden von der Farbe des Schnees im Firun, sein Gesicht sei runzlig wie ein alter Apfel und er würde nur mit den Tieren reden. Doch sie alle erwähnen seinen Gefährten, eine Ratte oder einen Marder, der dann auf seiner Schulter saß und sich umsah, als würde er gierig nach etwas Freßbarem Ausschau halten. Er kommt nicht oft aus dem Waldesinneren heraus und wenn, dann betrachtet er meistens nur das Dorf aus der Ferne und verschwindet, bevor man ihn ansprechen kann. Nur mit Alrik, dem alten Holzfäller, spricht er öfter ein Wort und tauscht dann Beeren und Honig gegen etwas Brot oder ein Messer, doch das hilft einem ja auch nicht weiter, denn Alrik ist ja so gesprächig wie ein Fisch und stur wie ein alter Esel. Es ist sicherlich leichter, aus einem Stein Feuer zu machen, als ihm etwas von seinem Geheimnis zu entlocken, denn ein Geheimnis ist und bleibt der Mann im Wald, denn keiner weiß, was er eigentlich ist und was er tut. Viele sagen, er würde den Wald bewachen, doch tun das nicht schon Trolle und Elfen? Wie ein Elf sieht er nicht aus, doch mit den Trollen soll er sprechen, so sagt man zumindest, doch was wissen schon die Leute....

Jetzt hatte er es doch über all diese Grübelei geschafft die Fährte zu verlieren, und den Weg zurück würde er wohl auch nicht finden, na, das würde ja noch ein lustiger Abend werden. Abend?! Es konnte doch nicht schon so spät sein! Doch es wurde schon dunkel, die Sonne konnte Arnulf durch das dichte Blattwerk nicht mehr sehen. Überhaupt schien der Wald hier viel dichter zu sein, zwischen die Buchen mischten sich hier auch mehr und mehr Tannen, so dass kaum noch Licht auf den Boden fiel. Er kämpfte sich durch das Unterholz, überkletterte einen morschen Baumstamm, stolperte und landete mitten in einem schlammigen Tümpel. Durch den Lärm aufgeschreckt flog ein Entenpärchen davon, zurück blieb Arnulf, nass und frierend, da es jetzt langsam kühl wurde. Wenn er jemals wieder hier heraus kommen würde, würde er wahrscheinlich die nächsten Tage mit Dumpfschädel im Bett liegen. Ein leichter Wind wehte ihm entgegen und ließ ihn frösteln. Es wurde Zeit, dass er nach Hause kam. Er wrang noch einmal seine Kleider aus und stapfte dann voran. Im Forst war es nun schon so dunkel, dass er Mühe hatte zu erkennen, was es für Bäume waren, an denen er vorbeiging, ihm schien es als hätte er derartige noch nie gesehen, zu groß und knorrig erschienen sie ihm. Überhaupt hatte sich der Wald stark verändert, von den uralten Bäumen hingen schrittlange Flechten herab und da war kein Fleckchen, an dem kein Moos wuchs. Nebelschleier schwebten zwischen den Stämmen am Boden entlang und ihm kam es vor, als würden sie ihn langsam einkreisen. Arnulf wurde mulmig zumute, und er schritt schneller voran. Plötzlich huschte ein Schatten über ihn. Er hörte einen unmenschlichen Schrei. So schnell er konnte, kletterte er über eine umgestürzte Rotbuche und versteckte sich in einem Satuariensbusch. Von dort spähte er vorsichtig in den umliegenden Wald. Da, auf einem Ast, gut zwei Schritt über dem Boden, saß eine Eule, groß wie ein kleines Kind und mit einem Schnabel, mit dem sie gewißlich auch Schafe reißen konnte oder einen vierzehnjährigen Jungen, der allein im Wald unterwegs war, und beobachtete ihn. Seine Hand wanderte zu seinem Gürtel und legte die Finger um den Dolch, ein Geschenk seines Vaters. Bei dem Gedanken an seinen Vater an seine Familie faßte er neuen Mut und kroch aus seinem Versteck hervor. Er griff nach einem Stein, um ihn nach der Eule zu werfen, doch als er sich drehte war sie verschwunden, als hätte sie von seiner Absicht gewußt. Nun, besser für sie, sagte er zu sich selbst und setzte seinen Marsch fort.

Bei den Zwölfen, war da nicht schon wieder ein Geräusch? Ein leises Knacken im Gehölz hinter ihm? Er drehte sich um, doch konnte nichts erblicken. Jetzt, da er durch das dichte Unterholz krabbelte, denn gehen konnte er hier nicht mehr, fielen ihm wieder die Geschichten ein, die seine Muhme über das Waldesinnere erzählt hatte. Die Tiere würden hier keine Angst vor Menschen haben und friedlich im Schatten der alten Bäume miteinander leben. Und um diese Idylle nicht von den Menschen zerstören zu lassen,w ürde der Wächter, also der Mann aus dem Wald,a uch nicht davor zurückschrecken jemanden zu töten oder an die wilden Tiere zu verfüttern. Erneut lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Mochte der Alte noch so harmlos erscheinen, ihm konnte er dann doch gestohlen bleiben, immerhin hatte er noch sein ganzes Leben vor sich. Irgend etwas knackte laut unter seinem Fuß, er hatte es zunächst für einen flachen Stein gehalten, doch als er es jetzt genau betrachtete, erkannte er, dass es ein Schädel war, ein menschlicher zudem wohl, wenn auch ein wenig länger, doch hatte die alte Jasmina nicht erzählt, dass der Alte Menschen verwandeln könne und sich selbst in einen Baum? Mit Argwohn betrachtete er die Tanne vor sich, mit dem Spechtloch dort und dem Riß in der Rinde schien es fast, als habe sie ein Gesicht. Rasch machte er einen Schritt rückwärts,geriet ins Wanken und stürzte. Als er die Augen wieder öffnete, meinte er dort hinten zwischen den Bäumen einen zotteligen Bart auszumachen und Mut hin oder her, ihn packte die Angst und er rannte weiter. Äste schlugen ihm ins Gesicht und seine Füße blieben an Ranken hängen. Mehrfach stolperte er, konnte sich jedoch immer wieder fangen. Dort hinter ihm waren doch Schritte, oder? Da! Ein Knacken und auch ein Keuchen, wie von einem Erschöpften hörte er, wenn doch bloß dieser Wald nicht so groß wäre. Doch da vorne zwischen ein paar Stämmen sah er ein schwaches Licht, war er etwa schon am Dorf oder saßen dort vielleicht ein paar Holzfäller an einem Feuer? Er stolperte ein paar Schritte weiter und betrat eine Lichtung, doch kein Dorf, kein Feuer waren zu sehen, allein die untergehende Sonne schickte ihre letzten schwachen Strahlen durch die Bäume und erhellte die Lichtung.

Auch Arnulf betrachtete nun den kahlen Platz um ihn herum, doch kahl war er eigentlich nicht. Hohes Gras und eine Vielzahl an Büschen standen darauf, allein die Bäume schienen sich ohne Grund von diesem Platz fernzuhalten. Als er dort stand, entdeckte er, in der Mitte der Lichtung stehend, eine Art Dach, gefertigt aus ein paar Ästen und Laub. Er ging dorthin, um es genauer zu betrachten, in der Hoffnung vielleicht doch noch einem Menschen zu begegnen. Er mußte jedoch feststellen, dass es sich nicht einmal um ein Haus handelte, nur das Dach stand dort, nein, es stand nicht, es hing, als Pfosten dienten ein paar junge Buchen, die in das Dach eingearbeitet waren. Er stand eine Weile nur da und staunte, so etwas hatte er noch nie gesehen. Da hörte er hinter sich Laub rascheln, so schnell er konnte wendete er sich um und erblickte am Rand der Lichtung einen Rehbock, der ihn anblickte. Im Maul trug er ein Bündel und seine Flanke war mit Moos und Flechten umwickelt, dann ging er ohne Scheu direkt auf ihn zu und legte das Bündel vor ihm ins Gras. Eine Weile wußte Arnulf nicht,was er tun sollte, dann bückte er sich und wickelte das Bündel auf. In der Decke, denn um eine solche handelte es sich, befanden sich ein Stück Brot, ein Wasserschlauch, eine Fackel und ein Pfeil, an dessen Spitze noch Blut klebte. Diesen betrachtete er kurz und erkannte schnell, dass es sich dabei um seinen eigenen handelte. Erschreckt sah er den Rehbock an, ja, eindeutig schien es der zu sein, auf den er selbst geschossen hatte, doch warum überbrachte er ihm jetzt diese Dinge? Wollte er ihn verspotten oder mahnen? Nun, es wurde schon dunkel und er hatte keine Zeit, sich darüber gedanken zu machen, wenn er noch rechtzeitig aus dem Wald heraus sein wollte. Doch wo war er? In welche Richtung sollte er gehen? Er sah sich um und erblickte wieder den Rehbock. Er stand am Rand der Lichtung und blickte ihn an. Wollte er ihm etwas zeigen? Rasch stopfte er Brot und Wasserschlauch in seine Tasche, schlang sich die Decke um die nasse Kleidung und entzündete die Fackel mit Stein und Zunder. Er ging auf den Bock zu, doch dieser entfernte sich von ihm und ging in den Wald hinein. Er folgte ihm so schnell er konnte, denn er wollte ihn nicht verlieren und wieder allein durch den Wald irren. Doch sobald er einmal nicht schnell genug vorankam, blieb der Bock stehen, blickte ihn an und wartete. Lange gingen sie so durch den Forst, das Reh und der Junge, er wußte später nicht zusagen, wie lange es dauerte, doch es kam ihm nur sehr kurz vor.

Es war schon dunkel und das Madamal stand am Himmel, als er schließlich den Waldrand erreichte. Unten im Tal erblickte er die Lichter des Dorfes. Er sah sich noch einmal nach seinem Begleiter um, doch dieser war schon verschwunden. Als er auf das Dorf zuging, entdeckte er Fackelträger, die ihm entgegenkamen und seinen Namen riefen. Seine Familie hatte sich aufgemacht, ihn zu suchen und das halbe Dorf war mitgekommen. Freudig war das Wiedersehen und Tränen liefen ihm über die Wangen, einzig aus den Augen seines Bruders sprach Reue, er fühlte sich zu schuldig an diesem Abend, als dass er sich richtig freuen konnte.

Auf dem Weg ins Dorf erzählte er seine Geschichte und während die anderen darüber redeten, dachte er an den Rehbock, an seine traurigen Augen und in diesem Moment wußte er, dass er nicht mehr im Wald jagen würde. Er war an diesem Tag dem alten Mann begegnet, das wußte er. Er hatte ihn nicht gesehen, aber er war ihm begegnet.

 

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