Opus veritatis scientiaeque

Der Schwarze Limbus    

21. Rahja im 47. Götterlauf nach Hal

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Recht oder Unrecht? Aureolus Anlass!

Lange schon ist es her, dass die hochgeschätzte Leserschaft einen Artikel aus des Großmeisters Hand in dieser Postille abgedruckt sah. Lange Zeit hatte ich weder die Muße noch die innere Ruhe und das innere Gleichgewicht meiner Lieblingsbeschäftigung nachzukommen - dem Schreiben.
Ich weilte nämlich - und dies möchte ich dem Leser nicht als causa einer Entschuldigung anbieten oder gar darlegen - einige Zeit in Punin, der Prächtigen Stadt am Yaquir. Oh Punin, du Zwiespältige, du Stadt der Kaufleute, der Pferdehändler und Sattler, du heißblütige Perle am Yaquir...
Doch weilte ich in Punin nicht zu meinem Plaisir, wie sich der Leser nun vorstellen mag! Nein, der Gildenrat der Großen Grauen Gilde des Geistes sandte seinen Ruf weit bis in die Goldfelsen hinauf zu unserer Akademie, um mich nach Punin zu bitten. Was mich nun dort erwartete, das will ich dem geneigten Leser gerne getreulich berichten, da es ja ohnedies in unmittelbarem Zusammenhang mit den Artikeln aus den letzten Ausgaben des Opus steht.

Anfang EFFerd kam ich in Punin an und wurde sogleich von einem adeptus maior am Westtor erwartet - dachte der wohl ich würde mich hier in ihrer großen Stadt nicht alleine zurechtfinden und war überdies ein ganz ungezogener junger Bursch, wie man sie bei uns auf der Akademie nur selten und dann meist nicht lange antrifft. Zuerst war ich freilich noch vorbei am Barnisshof und an der Maquammeile gekommen, dann führte mich mein Weg zum Pentagrammaton, jenem dreistöckigen Gebäude aus rotem Marmor, in dem die Academia der Hohen Magie zu Punin beheimatet ist. Da man auf diesem Wege auch gleich am HESindetempel vorbeikommt, gedachte ich sogleich die allweise Göttin für die kommenden Angelegenheiten um Weisheit zu bitten und sie zu preisen - was mich beinahe schon eine disputatio mit jenem unwilligen adeptus kostete, der meinte mich auf direktem Wege zur Akademie führen zu müssen. Wenn ich damals schon geahnt hätte, dass mich mein Besuch im HESindetempel so nahe an jenes schicksalhafte Gebäude, die Schule der Juristerei, heranführen sollte, in dem ich noch wochenlang schlaflose Nächte zu verbringen hatte, ich hätte wohl einen anderen Weg gewählt.

In der Akademie wurde ich bereits von einigen Collegi et Collegae meines Standes sowie dem Erzwissensbewahrer Durian von der Heydt erwartet. Man wartete nicht einen Moment länger als nötig - hier fiel mir wieder einmal die Hast und Eile auf, in die einen eine solche Großstadt wie Punin versetzt - und begann sogleich mit einem conventum occultum non publicum. Was also während dieser conversatio besprochen wurde, durfte bis zum Abschluss des Verfahrens nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Man hatte mich hinzuberufen, da man sich innerhalb des Gremiums nicht einig werden konnte und nun wohl von mir als Außenstehendem eine objektivere Sichtweise und damit auch Entscheidung erhoffte. Die zu beurteilende Causa war die des Magisters Aureolus Taubentanz, eines Lehrmeisters der Academia zu Punin. Wie ich beim ersten Gespräch mit besagtem Magister herausfand, musste er wohl elfisches Blut in den Adern haben, denn man sah ihm die leicht zugespitzten Ohren noch an. Dieses Faktum und das seines Titels als Magister machten es mir nicht gerade leichter, denn ich musste mich einige Tage in das Studium der Rechtswissenschaften an der weiter oben bereits erwähnten 'Schule der Juristerei' vertiefen.

Doch will ich den werten Leser nun nicht mehr länger im Unwissenden belassen und ihm hiermit endlich die Auszüge aus den protokollares meiner convocatio mit ebenjenem Magister Aureolus zur Lektüre vorlegen:

"...war ich damals - denn schließlich habe ich nun auch schon das 37. Lebensjahr erreicht - war ich also damals fest entschlossen mein Konzept und damit gleichzeitig meinen Lebenstraum in die Tat umzusetzen. Wie in der Magie ist es ganz im allgemeinen bei Kindern so, dass man sie zu dem zu erziehen fähig ist, was man sich als Ziel gesteckt. Ein an unserer Academia herangewachsener Zögling wird zu einem hervorragendem Theoretiker, er wird den grauen Weg des Geistes niemals verlassen und er wird auch nie mehr in seinem Leben die Fähigkeit zur Ausübung der Magie verlieren. Doch was wird nicht alles vernachlässigt bei der Erziehung an unserer Schule! Welch genialer Geist könnte nur heranwachsen, wenn ihm bloß die richtige Erziehung zuteil würde!..."
"...Die Götter sagt ihr? Nein, die Götter - vor allem unsere Herrin HESinde - haben da wenig Einfluss! Natürlich ist es so - und das weiß ja schließlich auch jedes kleine Kind - dass die Götter uns unsere Gaben mit auf den Weg geben, HESinde die Weisheit, RONdra den Mut... Aber die ersten Lebensjahre eines Menschen sind dazu da, dass er sich vor den Göttern seines Geschenkes als würdig erweist..."
"...und so habe ich mich auf die Suche nach einer geeigneten Partnerin ad causam creationis - also zur Zeugung - gemacht. Meine Suche, die kürzer als erwartet andauerte, führte mich in eines jener mittelständigen Etablissements, in denen reisende Abenteurer von weit her so gerne absteigen - nichts für eine Mann meines Standes, aber es musste nun einmal sein. Und dies war auch der Ort, an dem ich sie fand: Ihren Namen habe ich nach all den Jahren schon wieder vergessen, ihr Aussehen blieb mir jedoch all die Zeit unvergesslich im Geiste eingeprägt. Sie war eine junge Elfe mit silbrigem Haar, die Haut wie Elfenbein und die großen Katzenaugen wie Amethyst... Nun, wie dem auch sei, ich hatte mein Anliegen rasch vorgebracht und erstaunlicherweise schien sie kein bisschen überrascht von meinem Ansinnen. Es schien fast, als hätte sie nichts anderes erwartet. Nun, die Sache war schnell hinter sich gebracht und so konnte ich mich schon am nächsten Morgen erneut meinen Studien widmen. Ich fing in den kommenden Monden an die verschiedensten Unterweisungsmethoden bei meinen Eleven ad probandum zu testen und protokollierte alles aufs Genaueste mit. Neun Monate blieben mir ja noch..."
"...war also endlich der Zeitpunkt gekommen. Das Zimmer war eigens von mir präpariert worden und auch einige Zauber aus dem Bereich der Magica Phantasmagorica taten mir einen guten Dienst. Der Monat war HESinde, so wie ich es vorausgeplant hatte - im Tag hatte ich mich wohl ein wenig verrechnet, aber das sollte keine allzu große Rollen spielen. Für das Problem der Mutterschaft hatte ich bereits einige Monde vor der Geburt eine einfache Lösung parat: Mein Schwager, welcher beim Stadtmagistrat arbeitete, hatte mir damals von seinem kleinen Problem erzählt, welches ihn im Bette des öfteren überkam, und nachdem ich ihm Abhilfe verschaffen konnte, hätte ich von ihm nahezu alles verlangen können..."
"...Der Verweis der Elfe aus der Stadt war nicht so einfach durchzuführen gewesen, wie ich mir das gedacht hatte, schließlich hatte sie jedoch freiwillig die Flucht angetreten und ward gen Norden in Richtung ihrer heimatlichen Wälder verschwunden.

Nun begann der erfreuliche Teil meiner Arbeit: Ich ließ meinem Sohn die beste aller Ausbildungen zukommen, welche man sich bloß vorstellen kann - und das fing im Säuglingsalter an, wo das Vorlesen aus Folianten ebenso zu einer täglichen Angewohnheit wurde wie das Vorspielen bestimmter Tonfolgen auf einem eigens aus dem Lieblichen Feld angeschafften Instrumentarium, dessen Handhabung ich in den Monden vor der Geburt bei Meister Niro von Ysilienhain gar selbst, dem Schöpfer solch wunderbarer Werke wie 'Oden an die Liebe', 'Gesänge einer reuigen Jungfrau' oder 'Musikalische Geständnisse eines Philosophen', erlernt hatte. In den späteren Jahren dann achtete ich immer mehr auf das eigenständige Arbeiten meines Sprösslings; er konnte schon bald seine ersten Schritte tun, war bald darauf bereits des Lesens mächtig und rechnete bereits im Alter von sechs Jahren!
Vielleicht mag sich nun manch besorgte Mutter fragen, wie ich das Kind denn gestillt habe, doch auch daraus ergab sich kein Problem. Meine allerliebste Schwester (und Frau meines mir auf ewig dankbaren Schwagers) hatte wenige Zeit vor der Geburt meines Sprösslings einen Sohn zur Welt gebracht, der allerdings nicht magiebegabt zu sein schien, was die Eltern sehr traurig stimmte, hatten sie sich doch einen solchen kleinen Magus gewünscht. Nach langen Nächten konnte ich die beiden dann endlich davon überzeugen, ihren Sohn wegzugeben und es doch noch einmal zu versuchen - vielleicht war ihnen TSA ja ein anderes Mal besser gesonnen. Doch durfte es nicht sein, dass die wertvolle Muttermilch meiner Schwester, diese Gabe der Natur, dieses Geschenk der Götter, ungenützt blieb..."
"...Der großartige Erfolg meiner nahezu schon revolutionären Erziehungsmethodik ließ nicht lange auf sich warten: Mit 8 Jahren nahm ich meinen Sohn zu den ersten magietheoretischen Vorlesungen mit auf die Akademie, mit 11 Jahren hatte er bereits alle Bände der 'Enzyklopaedia Magica' gelesen und mit 12 schrieb er seinen ersten Essay ad subjectum 'De Causibus nodicibus'. Meine Collegi et Collegae staunten nicht schlecht über das magietheoretische Wissen meines Sohnes - doch um wie viel mehr waren sie alle erstaunt, als ich ihnen mitteilte, dass ich meinem Sohn die Ausbildung in der praktischen Anwendung der Magie auch schon seit seinem 8. Lebensjahr zukommen ließ. Denn ich meine, dass die Jahre der Vorübungen und all der lästigen Pflichten, die ein angehender adeptus seinem Lehrmeister zu erfüllen hat, vollkommen umsonst sind. Mein Konzept sieht vor, dass man den Lehrling in medias res führt, will heißen ihm zugleich theoretische als auch praktische Ausbildung zukommen lässt. Und es hatte funktioniert: Mein Sohn konnte vom einfachen FLIM FLAM über den BLITZ bis zum MOTORICUS alles meistern - und magietheoretisch erklären noch dazu...."
"...Doch auch die Jahre bis zur Prüfung vergeudete ich in keinster Weise. Das magietheoretische Wissen wurde ausgebaut, die aktive Kenntnis der Formeln beinahe verdoppelt und inzwischen erschien auch schon monatlich ein Artikel meines Sohnes im Salamander. Es gab an der gesamten Akademie keinen Lehrmeister, der nicht über die Fähigkeiten meines Sohnes erstaunt gewesen war - auch wenn diese Unwissenden alles den Göttern, ad primum HESinde zuschrieben.
Der Tag der Prüfung war weder für ihn noch für mich etwas Besonderes - außer dass es galt die angefangenen Studien für einen Tag ruhen zu lassen. Auch wenn es in der Zeit davor wieder etwas ruhiger um meinen Sohn geworden war, so waren sie doch nun alle erschienen: Meine hochverehrten Collegi et Collegae, Ihre Spektabilität, sowie etliche angereiste magistri et magistrae. Allen sollte zuteil werden, wie mein eigen Fleisch und Blut, wie die Früchte meiner jahrelangen und mühevollen Arbeit erblühten, wie ein neuer Stern am Himmelsgewölbe der Magietheorie aufging - und auch wenn sie alle es nicht wussten, es war alleine mein Verdienst!..."
"...Langsam und gemessenen Schrittes durchmaß er den Raum, trat auf Ihre Spektabilität zu und verharrte, den Kopf aufrecht und die Augen direkt auf die meiner Collegi et Collegae gerichtet. Welch würdevollen Anblick er da bot, welcher Stolz aus seiner Seele sprach! Er hatte die examinatio mit Bravur bestanden, bei der demonstratio gar mehr Zauber als gefordert gewirkt und bei der disputatio seine neuesten magietheoretischen Überlegungen dargelegt. Jetzt also stand er vor dem letzten großen Schritt. Ihre Spektabilität, Prishya Garlischgrötz von Grangor, sprach die allesentscheidenden Worte in die Stille des altehrwürdigen Gewölbes..."

"... Seine Antwort war ein 'Ja!' gewesen. Alles nur das nicht! Hatte er denn nichts verstanden? War alles umsonst gewesen? All die Jahre des mühevollen Studiums, all das Streben und Lernen, das Rezitieren der Formeln immer und immer wieder. Sollte denn alles umsonst gewesen sein? Wie konnte er mir das nur antun? Wo ich mich doch aufgeopfert hatte für ihn, alles perfekt gestaltet hatte! Es war wohl meine letzte Chance, denn ein zweites Mal würde ich zu selbigem nicht mehr die Kraft haben! Wie grausam sind doch die Götter, denn sie lassen einen hoffen, nur um im letzten Moment doch wieder alles zu zertrümmern!..."
"...Am Heimweg noch verspotteten uns die Leute, zeigten mit dem Finger auf uns. All die Adepten seines Jahrgangs, denen er weitaus überlegen war, sie alle hatten es geschafft - nur er nicht. Das alles nahm mich sehr mit und ich haderte mit mir und zweifelte an meinen Methoden - doch meine größten Zweifel konnten das Gefühl der Scham nicht übersteigen, welches meinem Sohne zu eigen ward in diesen Stunden, da er alleine auf seinem Zimmer saß..."
"...Als ich am nächsten Morgen dann aufwachte und nach ihm sah, da lag er tot in seinem Zimmer, sich selbst niedergestochen mit dem eigenen Dolche, fünf, sechs Mal in die Brust. Ich musste wohl eingeschlafen sein am Abend zuvor, denn ich hatte von all dem nichts bemerkt, hatte nichts gehört. Nun, vielleicht war es besser so für ihn..."

Der geneigte Leser mag sich nun vielleicht wundern, aber kein Urteil wurde gefällt über den Magister Aureolus Taubentanz. Nicht ob der Komplexität des Casus, nein, ob des Verschwindens des Magisters einen Tag nach meiner conversatio mit ihm. Seitdem gilt der Magister als verschollen.

Ich aber fand auf meinem Zimmer noch eine Nachricht hinterlegt, gezeichnet mit des Magisters Unterschrift:

"Euch, der Ihr alles getreulich aufgezeichnet und niedergeschrieben habt, gilt mein letzter Dank und eine Bitte: Lasst alle Leute wissen, was hier zu Punin geschehen und welch trauriges Ende all dies nahm. Ich selbst bin - so Ihr dies lest - schon aufgebrochen, denn ich habe mittlerweile erkannt, worin mein Fehler lag, der mich bereits zu Beginn zweifeln ließ. Doch so, wie ich meinen zweiten Fehler beseitigt habe, so werde ich auch meinen ersten finden und beseitigen.

Magister Aureolus Tuabentanz"

Wie man mir bei meiner Abreise aus Punin mitteilte, hat man die Spur des abtrünnigen Magiers inzwischen aufgenommen - er soll wohl gen Norden in die Salamandersteine gereist sein...

Großmeister Erilarion Androstaal

von: Philipp Schumacher
Erschienen in Opus no. 70 am 11.6.2000.

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