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Der Schwarze Limbus    

20. Peraine im 47. Götterlauf nach Hal

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DE NATURA MAGICULTURÆ

Versuch einer philosophischen deductio spezifischer 'variatio magiculturae'
(i.e. 'magiekultureller Variabilität')
et
Manifest wider die der modernen Gildenmagie implizit immanente
phänomenologische Vereinheitlichungstendenz

von Reiju Windfeder
Magus extraordinarius am Seminar der elfischen Verständigung zu Donnerbach

Vorrede

Geschätzte Collegae,
Mit Sorge verfolge ich seit geraumer Zeit den Dialog der Vertreter verschiedenster gildenmagischer Richtungen, die sich allesamt einig darin zu sein scheinen, dass ihre, i.e. die allgemein gildenmagische, Betrachtungs­weise von Magie an sich - in explizitem Gegenüber zu anderen kulturspezifisch geprägten Formen von Magie - die richtige, wahre sei und aus dieser Überzeugung eine Anzahl von conclusiones und allgemeinen Denkweisen ableiten, welche meiner bescheidenen Meinung nach höchst bedenklich sind. Es vermeidend, Namen und bestimmte Zirkel zu explizieren, möchte ich doch an vor langer Zeit (Opus ## 9-17) verbreitete 'Erkenntnisse' im Mantel wissenschaftlicher Forschung erinnern, welche vermeintlich objektiv über die filiae satuariae berichteten, jedoch kaum exemplarischer sein könnten für eine (typische) Voreingenommenheit und gildenmagietheoretisch-engstirnige Ignoranz gegenüber nicht-gilden­magischen systemata magica. (Sehr dankenswert ist hier das unermüdliche Engagement des Collega Magus Thundar Hurlemanoff, in seinen Leserbriefen gegen solcherlei 'objektivierendes' Forschertum zu argumentieren!)
Außerdem scheint man sich an einer übergroßen Anzahl von Akademien anzumaßen, das Wesen der elfischen Zauberei bis in derartige Tiefen zu durchschauen, dass man großspurig meint, etliche canti der drei großen Völker als Hauszauber lehren zu können und sie gar in widerwärtigen 'Forschungsunternehmen' besser begreifen zu können, als die Elfenvölker selber es tun… (Es sei hier an die ADLER, WOLF...-Experimentierereien der - ähem - 'Collegae' Kiara Delon und Travidan Fuxfell erinnert, die an Respektlosigkeit gegenüber dem elfischen Wesen dieses cantus nicht zu überbieten sind! Ad revisionem: Opus ## 21, 47, 51, 73, 74). Glücklicherweise muss dabei nicht unerwähnt bleiben, dass es auch hier durchaus erfreuliche Ausnahmen gibt, namentlich den Collega Magus Travian Norfold, der einen interessanten und einfühlsamen Tractatus die elfische Magie betreffend verfasst hat, welcher jedem Wissenschaftler unserer Zeit, dem an einem tieferen Verständnis jenes Volkes und seines 'Zauberwesens' (im doppelten Sinne) wärmstens ans Herz gelegt sei. [nachzulesen in dieser Ausgabe]
Meine bescheidene Abhandlung nun will ein skizzenhafter Versuch sein, eine philosophische Basis zu legen, auf der eine Entgegnung zu genannter Arroganz der neuzeitlichen Gildenmagie ermöglicht wird. Möget ihr selbst entscheiden, Collegae, wie gut dies gelungen ist, und zögert nicht, mir gerecht zu entgegnen!

Möge die Junge Göttin den wachsenden Baum eures Geistes zahlreiche Frucht tragen lassen!
Möge die Allwissende Herrin euch mit der Weisheit segnen, nur die reifen Früchte zu ernten!

Gegeben zu Donnerbach im Mond der Tsa
des Jahres MXXIII nach dem Falle Bosparans

I. These

Madas Frevel hat den freien Fluß von astraler Kraft zu einer 'physischen Konstante' gemacht.

Kommentar: Der Begriff physis entstammt dem Alt-Güldenländischen und bezeichnet die Gesamtheit allen Seins in ihrem Urspung aus polaren Strukturen: LOS-SUMU, Nayrakis-Sikaryan, Werden-Vergehen, die Einheit der ersten und das Chaos der siebten Sphäre, das Gleichgewicht der elementaren Antinomien, der kosmisch-metaphorische Wettstreit zwischen dem 'Nehmer der Welt' und dem 'Geber der Gestalt' innerhalb der dritten Sphäre - all dies sind die kreativen Konstanten unseres kreatürlichen Universums, i.e. der uns umgebenden und einschließenden 'Sämtlichkeit' (bosp.; universus = sämtlich). Bezeichnenderweise leitet sich das Wort physis vom Verb phyô = wachsen ab.
Die Magie nun, als Teil der
physis, wie sie seit Madas Frevel ist ('wird' wäre die angemessenere Verbform), hat nicht direkt einen polaren Gegensatz - das ist auch nur zu verständlich, denn der Frevel der Hesindetochter wäre ja kein solcher gewesen, wenn sie nicht gegen die 'gewachsene' Ordnung der Welt verstoßen hätte! Trotzdem ist sie natürlich = natürlicherweise = gewachsenerweise = physisch nun Teil der Sämtlichkeit und steht als solcher in potentieller Interaktion mit allen anderen Teilen der Sämtlichkeit…

II. These

Alle Wesen der dritten Sphäre treten - als conditio existentiae earum - mit einer Vielzahl von bestimmten 'physischen Konstanten' in Berührung, von denen Magie oftmals eine ist.

III. These

Verschiedene Wesen treten auf verschiedene Arten und Weisen mit den 'physischen Konstanten' - und wir wollen hier konkretisieren: mit Welt, i.e. mit eben jenen Konstanten, welche der dritten Sphäre eigentümlich sind - in Berührung. Einige Wesen können in dieser Begegnung eine aktive Rolle übernehmen und somit ihre Welt durch Interaktion mit ihr nach eigenen Bedürfnissen formen. Aus dieser Formung entsteht 'Kultur' und die Wesen, welche solche Formung betreiben, sind 'kulturschaffend'.

Kommentar: Das Wort 'Kultur', bosp. cultura, muss mit großer Vorsicht behandelt werden, denn weder das Alt-Güldenländische, noch das Isdira, noch das Angram, noch das mhanahzabân (Ur-Tulamidya), noch die alt-echsische Sprache (soweit sie aus den Glyphen von Yash'Hualay rekonstruiert werden kann) besitzt meines bescheidenen Wissens nach einen vergleichbaren Begriff. Es handelt sich bei dem Wort also um eine genuin bosparanische Prägung - ein 'Produkt' und einen integralen Bestandteil unserer Denkweise -, die keineswegs einfach auf andere Völker und ihre Entwicklung übertragen werden kann - und hier wurden nur jene hochentwickelten Wesensgemeinschaften = Völker genannt, über die unser (erst recht spät in der aventurischen Geschichte) eingewandertes Völkchen überhaupt etwas aussagen kann!
Nichtsdestotrotz und ohne weiter auf die historisch-linguistischen Details eingehen zu wollen, sollen die Begriffe 'Kultur' und 'kulturschaffend' in unserem Zusammenhang auf alle Völker zutreffen, die einer Form von gehobener Kommunikation fähig sind und die eine Form von kreativer Schöpfungskraft bewusst (und damit absichtlich) nutzen. In diesem Sinne folgt:

IV. These

In der dritten Sphäre - und präziser: in Aventurien - ist Magie also eine 'kulturelle Konstante' in dem Sinne, dass alle kulturschaffenden Völker jedes Zeitalters Magie kannten und kennen und nutzten und nutzen, um ihre Welt, ihre Wirklichkeit zu formen.

Kommentar: Auf die Bewohner der anderen Sphären kann hier nicht geschlossen werden - natürlich hat Madas Frevel 'alle Sphären durchstoßen', wie es geschrieben steht, doch wir wissen nicht genug über das Wesen der Götter oder das der Dämonen, um Magie auch als 'deische' oder gar 'daimonische Konstante' zu diagnostizieren. An dieses Thema könnten sich jedoch zahlreiche produktive Spekulationen von Seiten der Priesterschaft der Zwölfe oder der Beschwörergemeinschaft inner- und außerhalb der Gildenmagie anschließen.
Prämisse für die IV. These ist offenbar weiterhin, dass es im grundsätzlichen Wesen der Magie liegt, für Wesen nutzbar zu sein! Der überlieferte Grund für Madas Frevel unterstützt diese Annahme.

V. These

Als 'weltlich-kulturelle Konstante' - und das heißt im oben beabsichtigten Sinne: als nutzbare Kraft im Weltengefüge - ist Magie somit immer Teil der aktiven Begegnung, der Interaktion aller kulturschaffenden Völker mit Welt, ist weder Subjekt noch Objekt sondern Mittel der Interaktion!

Kommentar: Um einmal mehr die Feinheiten der ehrwürdigen Sprache der ersten Siedler zu bemühen, sei hier darauf verwiesen, dass mein Gebrauch des Wortes Mittel durchaus die Verwendung des alt-güldenländischen órganon gestattet, welches seinen Bedeutungshorizont sowohl in der herkömmlichen Übersetzung mit 'Werkzeug' findet, aber auch ein 'Musikinstrumet' meinen kann, ebenso wie ein großes 'Kriegsgerät' oder ganz wörtlich das 'Organ', also einen Sinn oder ein Körperteil, welches in unserem Leibe sein tsagefälliges Werk tut. Die Erforschung des Interpretationsspielraumes dieses Wörtchens in Bezug auf unseren Kontext sei dem werten Leser überlassen...

VI. These

Die Ausformung von Magie als Mittel der Interaktion mit Welt sowie die Betrachtung dieser Ausformung - i.e. die magica practica und die theoria magica - variieren partim gravierend zwischen den einzelnen kulturschaffenden Völkern.

Kommentar: Der Begriff der theoria magica meint hier die Reflexion nicht nur innerhalb der magischen Gemeinschaft sondern innerhalb der gesamten Wesensgemeinschaft über ihre Nutzung von Magie als kultureller Konstante und ihre Begegnung mit Magie als weltlicher, physischer Konstante.

CONCLUSIO

Unter allen möglichen Nutzungs- und Betrachtungsweisen von Magie gibt es keine, die als (einzig) wahr bezeichnet werden kann. Die Nutzbarkeit liegt im Wesen der Magie. Die unterschiedlichen Weisen unterschiedlicher Wesen, Welt zu begegnen, liegen im Wesen der Wesen und des Wesens an sich, da Vielfalt eine Eigenschaft allen Wesens, aller Sämtlichkeit, aller physis ist. Magie entzieht sich somit jeder eindeutigen Beschreibung, welche allgemeine, objektive Gültigkeit beanspruchen will (wie sie exempli gratia von der modernen - mit Verlaub: Puniner - Magietheorie versucht wird). Also:

Jedes System der Beschreibung, Klassifizierung, Funktionalisierung von angewandter oder theoretisch betrachteter Magie - i.e. jedes einzelne aller möglichen systemata magica - ist in seinem kulturellen Bezugsrahmen gültig, funktionsfähig, kohärent - wahr - solange die das System praktizierende Gemeinschaft dieser Meinung ist. Jedoch: Keine einzelne systema magica kann von einer anderen Gemeinschaft als ungültig, nicht funktionsfähig, inkohärent - unwahr: sine veritate - deklariert oder auch nur betrachtet werden!

Ich rufe die geschätzten Collegae hiermit auf:

Wahret die Vielfalt!
Respektieret das Mysterium!
Erkennet das Wesen der Magie!

Ad revisionem et comparationem:
1) "Annalen des Götteralters - vom Anbeginn der Zeiten"
2) Rohals "Systemata Magia" und "Sphaerologica - Die Offenbarung des Nayrakis", dem Kundigen einzusehen an der Schola Arcania Puniniensis
3) "Objektivierende Arcanomechanik trans-sphärischer Genotypologie" Scrpt.doct. von M. Rahjadan B. L. Laraon (Punin MIV BF; Arch. D14GG ~ log.7II)
4) "De computatio arcanologia - Mathemagische Äquivalenztheoreme" Trct.th. von M.ord. Gyldivera ya Galahan-Lynsensyp (Punin MV BF; Arch. L8M ~ len.2IC)
5) "Wider das Mißverständnis der Magie als obiectum obiectivus" Streitschrift von M.ex. Reiju Windfeder (Thorwal MV BF; publ. Kuslik, Hesindespiegel MV/3); vgl. die folgende Polemik mit diversen Vertretern des Puniner 'magoformalen Logizismus' (Hesindespiegel MV/4, MVI/1-4, MVII/1)
6) "Commentariolus de Tamarae 'Zauberkräfte der Natur'" Mnscrpt. von M. Travian Norfold (Gerasim MXVII BF; non publicat)
Als Hintergrundliteratur ebenfalls zu empfehlen:
7) "Der Blick in den Regenbogen", in jedem Tempel der Jungen Göttin einzusehen
8) "Am Fuße des Regenbogens - Die schillernden Augen der Ewig Sich Wandelnden" Trct. von Laienbruder Zezzsan U'sshtz (Perricum MVI BF; publ. Silas, Buntes Brevier MVIII/5).

von: Tyll Zybura
Erschienen in Opus no. 88 am 24.12.2000.
Zu diesem Artikel erschien folgende Reaktion oder Fortsetzung: Ad DE NATURA MAGICULTURÆ.

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