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Der Schwarze Limbus    

20. Peraine im 47. Götterlauf nach Hal

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Korrespondenz aus dem Káhet Ni Kemi

Für die geneigte Leser- und Leserinnenschaft in der Fremde berichtet Dr. Enrico Radan Barmin.

Mysteriöse Ereignisse in der Provinz Rekáchet!

Es war gerade die heiligste Stunde der Nacht angebrochen, also die Stunde, die eigentlich dem Herre Boron geweiht ist, namentlich die 1. Tepy-Stunde, wie man in kem'schen Landen die Mitternachtsstunde nennt. Die Türen des Tempels waren weit geöffnet und aus dem Weihrauchgefäß, das Mira Tem´kat in Händen hielt, stieg Rauch gen Alveran. Die Boron-Priesterin Mara Tem'kat und ihre jüngste Tochter, ebenso wie die hier stationierten Ritterinnen und Ritter des Ordens der Wächterinnen und Wächter des Kultes des Hl. Raben zur Insel Laguana, hatten sich hier eingefunden, um, wie es die Ordensregeln besagen, zu dieser Stunde eine Andacht zu Ehren des Höchsten abzuhalten. Gerade wollte die Gruppe schweigend das Haus des Göttergottes betreten, als über ihnen am Himmel ein unirdisches, gleißendes, goldfarbenes Licht erschien, das die gesamte Nacht mehrere Minuten lang taghell erleuchtete und die Herzen aller, die es wahrnahmen, unangenehm berührte.

Dessen unbeeindruckt stimmte die Tempelvorsteherin den Choral des Heiligen Laguan an, in den die restlichen versammelten Ordensbrüder und -schwestern einstimmten. Derart gestärkt betrat man die Tempelhalle und die Priesterin hielt im Inneren des Tempel eine verkürzte Andacht. Als das Licht wieder der Dunkelheit der Nacht gewichen war, zogen unter lautem Donnern schwere Wolken auf, die bis zum Morgen hin das Land Rekáchet sowie die Grenzgebiete der Nachbarprovinzen Wachtelfels, Rekmehi und Djuimen mit Schneefall überzogen.

Bestürzung machte sich auf den Straßen des Dorfes Mohema breit und man versammelte sich auf dem großen Platz vor dem alten Tempel. Der Akîb Fiorenzo el'Corvo ni Rekáchet eilte durch die Menschenmasse, die sich unter Schreien und Klagen dort eingefunden hatte, zum Familientempel der Tem'kat und erklomm mit zwei großen Schritten die Stufen. Dort verweilte er einen kurzen Augenblick und blickte besorgt nach oben, bevor er mit lauter Stimme das Wort an seine Untertanen richtete: "Der Herr Boron ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich Dere unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen." Mit ernster Miene schaute der Akîb über die stiller werdende Menge. "Wollen wir hier vor dem Herren stehen und wie die Klageweiber uns die Haare raufen und weinen? Oder wollen wir hier aufrecht vor Boron stehen, fest im Glauben und im Vertrauen auf die Liebe des Herrn?"

Er riss sich das Rabenamulett vom Halse und zeigte es in Richtung seiner Landsleute, während die andere Hand nach oben deutete. "Nun, was bewegt euer Herz und Sinn wirklich? Dieses hier, das Symbol unseres Glaubens, die Stärke unseres Landes, das er uns allen, ja, uns allen vor Jahrtausenden durch den Heiligen Kacha anvertraut hat, oder dieses Phänomen, das die bittere Saat des Zweifels in die Herzen der Schwachen sät?" Ob dieser Rede herrschte erst einmal einige Momente Stille auf dem Platz, bevor die Versammelten in Hochrufe und Lobgesänge ausbrachen. In diesem Augenblick öffneten sich die Pforten des Tempels und die Ordensleute marschierten heraus. Akîb und Tempelvorsteherin wechselten einen kurzen Blick und erhoben dann im stillen Einvernehmen gemeinschaftlich die Stimme zum Hochgesang Borons, während hinter ihnen im Inneren des Tempels der große Tempelgong erklang:

"Großer Boron wir loben dich. Herr wir preisen deine Stärke, vor dir neigt ganz Dere sich und bewundert deine Werke. Wie du warst vor aller Zeit, jetzt und auch in Ewigkeit.
Alles was dich loben kann, dein Volk der Kemi und Alveraniare, stimmen deinen Lobpreis an, Junge und Alte durch Zeiten, durch Jahre, wie Du warst vor aller Zeit, so bist Du in Ewigkeit."

Als die letzten Worte des Liedes in der Nacht verklungen waren, erhob die Matriachin der Familie Tem'kat ihre Stimme, die mehr einem Flüstern glich und trotzdem jeden der hier versammelten Gläubigen erreichte: "Schwestern und Brüder im Glauben an den Heiligen Raben, wir leben in schweren Zeiten. Die Tage der letzten Schlacht stehen bevor. Das Wort des Herrn ist unser Schwert, das wir gürten müssen, und unser Glaube steht als undurchdringlicher Schild vor uns. Derart gerüstet kann nichts und niemand gegen uns bestehen. Wer sollte gegen uns sein, wenn Boron, der Allmächtige Herr auf höchstem Throne Alverans, mit uns ist? Viel zu lange wurde die wahre Stärke unseres Volkes und des Heiligen Landes in vielen Teilen des Kahets unterdrückt und behindert. Viel zu oft wurde das Wort des Herrn, dieses Wort, das uns ins Leben berufen hat und uns dereinst an die Seite des Herrn bringen wird, dieses Wort, das Gerechtigkeit und Stärke verhieß, dieses Wort, das von den Lippen des Höchsten selbst kommt, selbst hier im Kahet ni Kemi, SEINEM Land, von Ketzern und Irrgläubigen, die sich hier ob unseres eigenen Zögerns und Zagens wie ein Geschwür verbreitet haben, behindert, verschwiegen und belächelt. Wir müssen handeln, nicht länger können wir verschweigen, was hier vorgeht. Das Auge des Herren blickt auf uns herab. Was wird es sehen? Wird es einen Haufen von Lügnern und Zweiflern sehen? Oder wird es voller Wohlwollen auf sein Volk blicken, das Volk, das er über alle anderen Völker erhoben hat, indem er ihm die Erlösung des wahren und gerechten Glaubens brachte. Das Volk, das er lange vor unseren Tagen schon berufen hat, sein Land zu bewachen und zu bestellen. Ein Volk, das fest im Glauben und stolz auf seine Traditionen und seine Geschichte ist. Was wird sein Auge sehen?... Bis zum Morgen werden die Tempeltore weit geöffnet bleiben und der Tempelgong wird weiter geschlagen werden, um einen jeden von euch zu mahnen. Ein jeder von euch soll vor dem Standbild des Heiligen Raben in seinen Heiligen Hallen die Knie beugen und um Gnade bitte. Denn wisset, die, welche voller Sünde vor den Herren treten und aufrichtig bereuen, werden die süße Gnade seiner Vergebung erfahren - die Frevler aber werden vergehen."

Die letzten Worte klangen noch in die Stille der Nacht, als Mara Tem'kat und Fiorenzo el'Corvo gemeinsam den Tempel betraten. In dieser Nacht kam das Dorf nicht zur Ruhe. Allen Ortens hörte man Gesänge zum Herren und das Peitschenknallen von Geißlergruppen. In den Mauern des Tempels wurden stündlich Messen gelesen und zwischen den Borondiensten nahm man durch die gesamte Nacht hinweg die Beichte ab und erwies dem Standbild des Götterfürsten die Ehre. Die Stadtwachen und Ordenstruppen hingegen hatten die ganze Nacht hinweg schwer damit zu tun, die ohnehin schon fanatische Bevölkerung Mohemas, die durch die Worte der Priesterin noch mehr aufgeheizt war, unter Kontrolle zu halten, so dass es bis zum Morgen, als die dicke Wolkendecke aufriss und genauso schnell verschwand, wie sie gekommen war, leider auch einige Verletzte zu beklagen gab.

Bevölkerung von Wachtelfels beunruhigt

Mit Beunruhigung und Sorge betrachtete man in Wachtelfels das mysteriöse Glühen am mitternächtlichen Himmel über Rekáchet. Auch die Kunde von den geheimnisvollen Wetterphänomen führte wahrlich nicht zu einer Besserung der Situation. Akîb Câl'lest Ze'emkha ni Wachtelfels, Tempelvorsteherin Alea Tem´kat und Komturin Shesib Mehyem'ká ni Brabaccio berieten sich in Thergas noch in der gleichen Nacht, wie man am besten vorgehen sollte und hielten dann eine gemeinsame Messe zu Ehren des Höchsten. Die Komturin entsandte am nächsten Morgen je zwei Ordensritter nach Neu-Sziram und nach Lofran.
In Lofran selbst wurde am nächsten Morgen von seiner Gnaden Rianos Nim'ruan eine Messe zu Ehren der lieblichen Boronstochter Rahja und ihres Göttervaters gehalten, während in Neu-Sziram Bruder Gorfin das Wort des Herren verkündete. Nun versucht man allerorten den sich schnell verbreitenden Gerüchten und Spekulationen Herr zu werden, was mit Hilfe der Ordensbrüder und -schwestern auch zu gelingen scheint.

von: Armin Abele et al.
Erschienen in Opus no. 155 am 26.5.2002.

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