Opus veritatis scientiaeque

Der Schwarze Limbus    

23. Peraine im 47. Götterlauf nach Hal

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Efferdstraum

Jetzt, da ich über so viel wissenschaftlichen Disput müde geworden bin und mich in den letzten Tagen vermehrt auf mein Zimmer zurückgezogen habe, um dort ein wenig nach jener Ruhe und Besonnenheit zu suchen, von der Rohal der Weise zu sagen pflegte, sie stünde einem erfahrenen Magus gut, jetzt möchte ich dem geneigten Leser, und vor allem dem, welcher der Magie nicht mächtig, ein eindrucksvolles Beispiel aus früheren Jahren schildern:

Es begab sich an einem Wassertag Mitte Efferd. Ich reiste - wie schon so einige Male zuvor - durch das schöne Albernia. Meine ursprüngliche Absicht war es gewesen eine gute Bekannte von mir in der Nähe Havenas zu besuchen, um dann von Havena aus ein Schiff gen PRAios zu nehmen. So kam ich also in Havena an, unverrichteter Dinge allerdings, da meine Bekannte nicht bei sich zu Hause weilte. Ich nahm mir also Zeit und bummelte ausgelassen durch die Stadt am großen Fluss. Ich musste wohl irgendwie nicht mehr so ganz auf den Weg geachtet haben, denn als ich mich das nächste Mal umsah, fand ich mich bereits in einem Viertel wieder, welches mir bei weitem nicht mehr so schön erschien wie der Rest Havenas. Ich suchte mir schnell einen Weg durch die schmutzigen, stinkenden Gassen, nicht ahnend, dass mich vielleicht alles andere als Zufall hierher geführt haben könnte.
Ratlos stand ich da vor einem Häuserblock, PRAios' Scheibe war gerade dabei hinter dem Horizont zu verschwinden, als mir plötzlich eine etwas ältere Frau in zerrissenen Gewändern entgegenlief. Sie packte mich am Arm und zerrte mich auf einen der Häusereingänge zu. Ehe ich noch wusste, wie mir geschah, stand ich inmitten eines Raumes, welcher gefüllt war mit einer Schar von Verlorenen. Die alte Frau stellte mir "ihre Familie" vor, wie sie die mehr als ein Dutzend Knaben und Mädchen zählende Schar liebevoll nannte; nun, ich konnte mir recht gut vorstellen, womit man hier sein Geld verdiente, und ich fragte mich langsam, was ich hier überhaupt sollte. Doch dann traf mein Blick auf Sie! Sie war noch keine 12 Jahre alt, hatte zerzaustes Haar und trug nicht viel mehr als ein ausgebleichtes Leinentuch am Leib.
Die Frau deutete mir, mit der Kleinen nach oben in eines der Zimmer zu gehen. Als wir oben angekommen waren, ließ sich die Alte auf einem Bett nieder und begann mir, zuerst nur stellenweise, dann immer häufiger unterbrochen von den Worten des Mädchens, von einer gar seltsamen Begebenheit zu berichten:
Über mehrere Nächte hinweg hatte die Kleine schlecht geträumt, sehr schlecht. Sie war am Morgen eines jeden Tages krank und blass erwacht, ihr Zimmer war auf den Kopf gestellt: Der Tisch umgeworfen, Stühle zertrümmert, die Vase am Boden...Alles war in Unordnung gebracht, selbst den riesigen, schweren Kasten fand sie an einem Morgen umgeworfen - und das könne ja wohl kaum die Kleine gewesen sein.
Ich hörte mir alles geduldig an, und nachdem die alte Frau geschlossen hatte, sagte ich ihr, dass ich kein studierter Medicus sein und dass sie wohl besser einen solchen aufsuchen sollte. Doch sie beharrte darauf, ich solle mir die Geschichte der Kleinen anhören, ihren Traum:

Die schwarze Nacht war über EFFerds Element hereingebrochen. Still und ruhig lag das Meer der Sieben Winde da. Doch mit einem Mal zog ein Sturm herauf und ein gewaltiger Rondrikan fegte über das Wasser hinweg. Wellen türmten sich auf, mehrere Schritt hoch, nur um im nächsten Augenblick wieder in sich zusammenzubrechen und wiederum zu einer neuen Welle anzusteigen. Ein gewaltiger Sturm tobte dort draußen in EFFerds Element.

Mit einem Mal war da ein Licht, ein unstetes Flackern, das größer wurde. Ein Schiff inmitten dieses Unwetters! Es lag tief im Wasser, zu tief. Beinahe jede Welle rollte über das Schiff hinweg. Millionen von Blasen rasten über das Schiff, platzten mit einem zischenden Geräusch auf und von unten hörte man das Splittern und Krachen von Balken und Planken. Doch was all das Grauen noch übertraf, waren die weit über 100 Seeleute, die sich auf dem Deck versammelt hatten.
Auf dem Schiff herrschte Panik! Die Gebete der Reuigen und die Flüche der wahnsinnig Gewordenen mischten sich mit dem Stöhnen und Schreien der Furchtsamen. Es tobte ein Kampf um jeden nur erdenklichen Gegenstand, mit dem man sich über Wasser halten konnte.
Nur ein Mann stand auf dem Ruderhaus und blickte mit ernstem Blick dem Untergang des Schiffes entgegen. Und als die letzte große Welle über das Schiff hereinbrach, stand er regungslos da, die Mütze in der Hand, ein "EFFerd steh uns bei!" auf den Lippen.
Alles und jeder wurde von Deck gefegt, wie Puppen wurden die braven Seeleute in die Luft gehoben, um dann etliche Sekunden später im Meer zu versinken. Das Heck sank unter die Wellen, und der anmutig gewölbte Bug ragte in den dunklen Himmel, während das Schiff kämpfte und verzweifelt versuchte, sein stolzes Haupt über Wasser zu halten. Dann wirbelte das Schiff unter den heiseren Schreien der Männer auf dem sich immer schneller drehenden Wasser herum, bis die rasenden Strudel die Männer tiefer und tiefer in die erstickende Dunkelheit hinabsaugten, ihnen alles vom Leib rissen und die Planken und Spiere aus den Händen schlugen.
Innerhalb weniger Augenblicke war das Meer von Körpern übersät, deren Arme und Beine ins Wasser hinabbaumelten, während die Köpfe mit ausgebreiteten Haaren, die wie Seegras aussahen, auf dem Wasser zu ruhen schienen.

Was ich da gehört hatte, beeindruckte mich sehr, und ich nahm mir vor, es niederzuschreiben, doch konnte ich der armen Kleinen und der alten Frau nicht mehr raten als dem EFFerd-Tempel einen Besuch abzustatten. Alsdann machte ich mich auf, um mir ein Quartier für die Nacht zu suchen. Ich weilte noch ungefähr eine Woche in Havena und ich musste noch oft an diese seltsame Begegnung zurückdenken.
Der nächste Wassertag war heran und ich machte mich daran, meine Sachen zu packen und mich auf die Rückreise zu begeben. Als ich mich jedoch am Hafen nach einem Schiff umsah, das mich sicher gen PRAios bringen konnte, da wurde ich einer Schar von vielleicht zehn Leuten ansichtig, welche gestützt auf einige Seemänner von Bord eines Schiffes torkelten. Der Anblick war schrecklich, die Furcht stand ihnen noch immer ins Gesicht geschrieben und ich wusste, dass einige dieser Männer den nächsten Morgen wohl nicht mehr erleben würden. Doch was mich noch viel mehr aufwühlte, war der Gedanke an das Unvorstellbare: Sollte dieses kleine Mädchen etwa davon gewusst haben? Besaß sie vielleicht sogar die Gabe?
Ich eilte auf schnellstem Wege zur Hafenmeisterei und erkundigte mich dort. Was man mir erzählte, war ungeheuerlich: Ein Schiff aus Havena war vor etwa einer Woche in einen Sturm geraten und trieb zwei Tage lang auf dem offenen Meer dahin. Am zweiten Tag des Unwetters sahen einiger der Seemänner unzählige Gestalten auf dem Meer schwimmen - alle tot, bis auf die zehn, die sie hierher mitgenommen hatten.
Ohne ein weiteres Wort stürzte ich aus der Hafenmeisterei hinaus ins Freie. Ich rannte durch die Gassen der Innenstadt, gelangte schliesslich wieder in jenes Viertel, doch vergebens. Selbst nach mehrstündiger Suche und Befragung der Bewohner des Viertels konnte ich das Haus nicht mehr finden. Ich probierte es natürlich auch am nächsten Tag, und am übernächsten, doch sie war und blieb verschwunden, vom Erdboden verschluckt...

Großmeister Erilarion Androstaal

von: Philipp Schumacher
Erschienen in Opus no. 23 am 20.6.1999.

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