ACADEMIA LIMBOLOGICA publicat
Opus veritatis scientiæque
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Ay al'magia tulamidya
Von der Zauberkunst der Tulamiden

Ein Tractatus von
Reiju Windfeder
Halle der Geistreisen zu Belhanka
Ma'had al'wasath pandjashtra wa sittashtra
wa haftashtra wa sahibir a'nurrim da'Rashdul
z.Z. Magus extraordinarius im
Seminar der elfischen Verständigung zu Donnerbach

Ay al'ma'hadim al'magar

So, wie die uralte Magie der Tulamiden sich in vielen Aspekten von dem magischen Erbe der Güldenländer unterscheidet, so unterscheiden sich auch die Formen der Lehre und des Austausches von Wissen. Obwohl auch die tulamidische Tradition schon immer Akademien und Schulen ebenso wie private Lehrmeister kannte, sind diese Stätten der Lehre und Forschung doch erheblich anders strukturiert, als die Institutionen des Neuen und des Alten Reiches.

Hintergrund - Ay al'medresa

Eine tulamidische medresa (als üblicher Sammelbegriff für Schulen, Akademien und Zirkel) - unabhängig davon, welche Art von Wissen oder Fähigkeiten sie vermittelt: sei es eine Schule des Rote-und-Weiße-Kamele-Spiels in Rashdul, das Medizinische Seminar (maristan) zu Mherwed, eine der kleinen Schwesternschaften von Khunchomer Anstandsdamen oder eben eine der verschiedenen Zauberschulen des Tulamidenlandes - beinhaltet immer auch eine bestimmte Denkrichtung, eine 'Philosophie' (um den Bosparano-Begriff zu verwenden). Diese Denkrichtungen werden 'Wege' (tariqanim) genannt und sie haben oft eine jahrtausendealte Tradition. Allgemein mag man sagen: Je älter eine tariqa ist, desto respektabler und ehrwürdiger ist die Gemeinschaft, die sich ihr verschrieben hat.
Das Wort tariqa ist sehr alt, in den uralten Erzählungen von den Anfängen der Beni Tulam, die von den Kämpfen gegen mächtige Echsen in den Urwäldern südlich des Raschtulswalls berichten, heißen jene Helden Irtariqim, die sich auf den gefahrvollen und oft todbringenden (Tod = îrr) Weg in die 'grüne Hölle' des Dschungels wagten um den Kampf mit den 'Starräugigen' zu suchen. In der beginnenden Zivilisation schließlich meinte tariqa das normale bäuerliche Leben in Gehorsam gegenüber dem jeweiligen Herrscher, doch schon vor der Pracht und Weisheit des Diamantenen Sultanats wurde das Wort dann zum Inbegriff des 'geistigen Weges' der Gelehrten und Zauberer. Die Wüstenstämme der Novadis wiederum bezeichnen den instinktiven Weg eines Kamels zur unsichtbaren Wasserstelle als tariqa, während ihre Mawdliyat mit dem Wort ihren eigenen Lebensweg in Annäherung an den einen Gott beschreiben.
Anhand dieser vielfachen Bezüge wird deutlich, dass dieser 'Weg' einer jeden gelehrten Gemeinschaft keineswegs bloß eine bestimmte Meinung oder theoretische Position widerspiegelt, sondern dass er vielmehr durchaus existentielle Bedeutung hat: Die tariqa gibt dem Leben und Handeln eines Menschen Sinn und Richtung, denn jeder Weg hat auch ein Ziel.

Anmerkung 4: Interessant ist dabei, dass das Wort medresa verwandt mit dem Verb madrar ist, welches eigentlich 'wandern', 'streunen', aber auch 'Zeit vertun' bedeutet, wobei die tulamidischen Gelehrten freilich lieber auf die Verbindung zum mûdrash - der ehrwürdigen Tradition - oder zur ma'rifa - dem 'wahrhaften Wissen' - verweisen…

Es ist dabei außerordentlich bezeichnend, dass es im Tulamidya kein eigentliches Wort für dieses Ziel gibt, denn die tulamidische Philosophie pflegt seit ihrer fruchtbringendsten Zeit im Diamantenen Sultanat eine ausgeprägte Abscheu gegen allen Dogmatismus und anmaßenden Wahrheitsanspruch. (Auch der bei den Möchtegern-Gelehrten und Stutzern im Alten und Neuen Reich seit Rohals Zeiten immer wieder gerne zitierte Ausspruch "Der Weg ist das Ziel…" entstammt ursprünglich der tulamidischen Weisheitsliteratur.) Dies heißt aber durchaus nicht, dass die tulamidische Gelehrsamkeit in ihrer zelebrierten Liberalität grundsätzlich zu übertriebenem Liberalismus geworden wäre - nein, die Vorstellung des 'Weges' integriert ja gerade eine zeitliche Dimension des 'vor' und 'hinter' dem Wandernden liegenden 'Wegstücks': Alles Fortschreiten auf dem Weg kann nach tulamidischem Geist nur durch ständiges Sich-bewusst-sein des bereits bewältigten Stücks geschehen.
Mûdrash ist das tulamidische Wort für 'Tradition', und es ist kein Zufall, dass dasselbe Wort auch die feine, aus vielen miteinander verbundenen Gliedern bestehende Schmuckkette aus Silber bezeichnet. Die tariqa kann es grundsätzlich nicht ohne mûdrash geben, dies erklärt auch den tulamidischen Charakterzug des 'liberalen Traditionalismus' und auch die erstaunliche Kontinuität vieler medresanim, die über etliche Jahrhunderte hinweg ihre Lehre gleichzeitig bewahren und fortentwickeln.
Diese Entwicklung, das Wandeln, Fortschreiten, in der tariqa ist in der Praxis ein betont dialektischer Prozess - im Gegensatz zu den novadischen Mawdliyat und vielen einzelgängerischen Forschern des Nordens bedeutet es für die allermeisten tulamidischen Gelehrten schlechte Manieren und ungebührliches Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, sich von der kollektiven Wissenschaft abzugrenzen.

Anmerkung 5: Natürlich idealisiert diese Aussage; auch unter den tulamidischen Zauberern gibt es viele zurückgezogene Forscher, doch genießen diese nicht so hohen Respekt in ihrer Zunft und eine derart romantisierte Außenseiterrolle in den Legenden des Volkes, wie sie z.B. im Lieblichen Feld und im Norden Aventuriens auffällt.

Die uralten tulamidischen Lehrsysteme beruhen deshalb auf einem durch detaillierte Regeln definierten Verhältnis zwischen Lehrer (ustâd, Anrede: Sahib) und Schüler (tâlib, Anrede: Sal). Der Lehrer wird in diesem Verhältnis als derjenige verstanden, der in der tariqa schon weit gelangt ist, der den Schüler mit der mûdrash verbindet und es ihm erst ermöglicht, auf seinem Weg voranzukommen. Dies ist ein weiterer Grund dafür, dass 'einzelgängerisches Gelehrtentum' im Tulamidya ein Oxymoron ist: Gelehrsamkeit kann es gar nicht geben ohne Lehrer! 
Dabei erhält die eigentliche Lehre eine (für den Nordländer) eigentümliche, ja fast widersprüchliche, Spannung aufrecht: Auf der einen Seite wird in einer medresa absolute Lehrerautorität zelebriert, die tâlibân praktizieren bewusste Unterwerfung unter die Weisheit des ustâd, sie sind zwingend auf ihn angewiesen um in der rechten tariqa zu wandeln. Diese Art der Lehre ist sehr persönlich, Schüler und Lehrer bemühen sich, ein tiefes Verständnis voneinander zu erlangen - nicht selten kommt es vor, dass die Bande, die hierdurch geknüpft werden, stärker sind als Familien- oder Stammesbande. Die übliche Form des Zwiegesprächs zwischen ustâd und tâlib (es können auch mehrere tâlibân/tâlibât sein) besteht dabei aus einem stark ritualisierten Frage-und-Antwort-Wechsel: Ya Sahib zabâna… (Oh Meister, sage uns…), Ya Salinam selihum (Höret denn, oh meine Schüler…).

Anmerkung 6: Am ausgeprägtesten findet sich diese Form heute noch in der religiösen Lehrpraxis der rastullahgläubigen Novadis.

Dem gegenüber steht nun eine ebenfalls ritualisierte Form des Streitgesprächs, das in seiner gemeinsam inszenierten Expressivität, Lautstärke, Freigeistigkeit und Tiefsinnigkeit ein überaus beeindruckendes Schauspiel sein kann. Bei dieser sogenannten yinähama'rifa (etwa: 'Sang des wahrhaften Wissens') sind die Diskussionspartner grundsätzlich gleichberechtigt, hier gelten alle Worte (die im Rahmen der rituellen Regeln liegen) als 'heilig' und sogar das Kind, das den Meister unterbricht, wird hier sehr ernst genommen!

Anmerkung 7: 'Heilig' in einem allgemeinen Sinn, der je nach grundsätzlicher Richtung der medresa konkretisiert wird. In den religiösen Lehrtraditionen der zwölfgöttlichen Klöster und Tempel (die Mawdliyat verbieten die yinähama'rifa als zu 'ungebührlich wild') werden hier natürlich die jeweiligen Gottheiten zu 'Paten der Worte' und 'Hütern der Zungen' bestellt, in Magierakademien ist der 'Sang' meist hesindegeheiligt, in eher magierphilosophischen Kreisen wird sich traditionell auf das Heiligtum von Kha berufen, in den berühmten medizinisch-philosophischen Schulen von Mherwed und Rashdul ist es wiederum Tradition, eine Vielzahl von minderen Heilungs- und Ahnengeistern anzurufen, und auch die Borbaradianer haben ja ihren Meister…

Diese Form der 'gelebten Dialektik' ist integraler Bestandteil aller tulamidischen Gelehrsamkeit - auf ihr basiert ein jahrtausendealter philosophischer Reichtum, aus dem jeder auch nur wenig gebildete Tulamide jeder Generation schöpfen und auf den er sich berufen kann…

Hintergrund - Ay al'tariqanim al'magar

Die vorangegangenen Ausführungen haben versucht, tulamidische Lehre und Umgang mit Wissen allgemein darzustellen. Nun soll ein genauerer Blick auf die tariqanim und den mûdrash der magischen Tradition im Tulamidenland geworfen werden.
Die Einteilung der Magie in unterschiedliche Gebiete hat es auch in der ur-tulamidischen Zauberkunst gegeben und vielleicht wurde sie in ihren Feinheiten sogar von den frühen güldenländisch-aventurischen Zauberern übernommen. Doch seit die Academia Arcomagica derart maßgebende Bedeutung für die nordische Gildenmagie gewann, haben sich wieder erhebliche Unterschiede in der Auffassung der magischen Kunst und ihrer Teilgebiete herauskristallisiert. Für die magarim im Land der ersten Sonne ist jedes Spezialgebiet eine tariqa, i.e. es ist verbunden mit einer Denkrichtung, einer Philosophie, einer Weltanschauung - und bedingt dadurch einen entsprechenden Lebenswandel.
Die Teilgebiete der Magie repräsentieren jeweils ein Stück Welt und der Zauberer, der sich spezialisiert, wählt einen Weg, wie er dieser Welt begegnet. Deshalb äußert sich Zauberkunst im Handeln, deshalb wird Magie nur sehr selten um ihrer selbst willen betrieben - Metamagie und Magietheorie, so abstrakt und losgelöst von Welt, wie sie z.B. in Punin betrieben wird, sind der tulamidischen Gelehrsamkeit eher fremd.
Es kann auf diesem Hintergrund nicht überraschen, dass jene beiden Gebiete der Zauberei, welche seit Urzeiten die tulamidische Magie bestimmen, die Magica Transformatorica und die Magica Invocatio sind. Beide Gebiete repräsentieren grundlegende Konstanten der menschlichen Begegnung mit 'Welt':

Anmerkung 8: Der aus dem Bosparano abgeleitete Begriff 'Realität' ist hier ungenügend, doch die tulamidisch-philosophische Auffassung von der Gesamtheit alles Seienden verdiente ein ganz eigenes Essay, so dass dies hier nicht weiter vertieft werden soll.

Al'tariqa al'ramlih ('der Weg des Erzes') reflektiert innerhalb des magischen Bezugssystems die Fähigkeit und Notwendigkeit des Menschen, seine Umwelt zu formen, Werkzeuge und Kunstgegenstände zu erschaffen, Gegebenheiten zu verändern, Material nutzbar zu machen und Dinge zu beherrschen.
Die Kunst der Beschwörung trägt im Tulamidya den sehr alten Namen tariqa al'nusirr 'Weg des Verborgenen' (wörtlich: 'Weg des Geistergeheimnisses') oder auch tariqa al'sheftelinur 'Weg des Geistertanzes' - diese Bezeichnungen (die sicherlich auch auf uralte schamanische Traditionen zurückverweisen) zeigen auf, dass das zweite Hauptgebiet tulamidischer Magie die Begegnung des Menschen mit dem 'Übersinnlichen', 'Überdinglichen' reflektiert, oder vielmehr: der 'Weg des Verborgenen' gibt Wissen und Fähigkeiten an die Hand, mit einem Teil von Welt zu kommunizieren und zu interagieren, auch ihn in gewissem Maße nutzbringend zu beeinflussen, welcher von fundamental 'anderen' Wesen und Gewalten beherrscht wird.

Anmerkung 9: So z.B., wie der Sandsturm die Wüste und der Flächenbrand die Steppe beherrscht, aber auch wie die Berge und Seen, die Wälder und Sümpfe von Geistern bewohnt werden, und wie die Seelen der verstorbenen Ahnen über den Häusern ihrer Nachkommen wachen… Darüber hinaus sind natürlich seit Urzeiten auch jene dämonischen Entitäten bekannt, die das Chaos repräsentieren, die Wider-Ordnung des Seienden, die scheinbar das Schlechte im Menschen zu beherrschen vermögen und ihm nur zu Üblem nutzen können.
Interessant ist, dass die heute übliche Trennung von Invocationes Elementharii und Invocationes Daimoniae sich philosophisch erst vor etwa tausend Jahren durchgesetzt zu haben scheint - vielleicht sogar rein bosparanischen Ursprungs ist!

Die Zentren dieser beiden tariqanim liegen natürlich in den altehrwürdigen ma'hadim zu Rashdul und Khunchom und obwohl beide Schulen auch viele Teile des jeweils anderen Weges lehren, sind die beiden Akademien als philosophische Schulen bedauerlicherweise Opfer ihrer über die Jahrhunderte kumulierten Spezialisierung geworden, so dass heute nicht mehr allzu viel Austausch zwischen 'dem Pentagramm' (al'pandjashtra) und 'dem Drachenei' (al'kâ'drakor) stattfindet.
Es gibt jedoch noch eine dritte magische tariqa, die zwar nicht ganz so angesehen, aber gewiss nicht minder traditionell-tulamidisch ist: die tariqa al'hawshal ('Weg des Geistes'), deren mûdrash immerhin bis auf den alt-tulamidischen Weisen und Zauberer Rashman Ali zurückreicht. Diese Richtung beschäftigt sich vornehmlich mit dem menschlichen Geist, seiner Wahrnehmung, seiner Beeinflussung und Täuschung und hat - wer hätte das gedacht - ihren uralten Hauptsitz in der Ma'had Al'Achami dar Fasar. Es ist einigermaßen bezeichnend, dass das Zentrum dieser tariqa nicht innerhalb der tulamidischen Kernzivilisation liegt, denn es herrscht wenig Liebe zwischen den Wegen des Erzes und des Verborgenen, die sich als Erben der wahrhaften tulamidischen Tradition des Diamantenen Sultanats verstehen und gegenseitig respektieren, und der tariqa al'hawshal, die wohl schon seit Urzeiten eine eher individualistische, freigeistige und (vielleicht ironischerweise) traditionskritische Philosophie vertritt und die den anderen Schulen schon häufiger in der Geschichte schlicht Irrelevanz für die eigentlich wichtigen Fragen des philosophischen Woher? und Wohin? der Menschen vorgeworfen hat...

Anmerkung 10: Es kann dabei nicht bestritten werden, dass die Anhänger dieses Weges häufig eine gewisse Vorliebe für die dunkleren Geheimnisse der Beschwörungskunst an den Tag legen - genauso wenig, wie man verneinen kann, dass die Al'Achami über vierhundert Jahre lang deutlich mit borbaradianischen Theorien sympathisierte (was sich aber natürlich mit dem Amtsantritt Seiner Spektabilität Thomeg Atherion und dem Verschwinden des Magisters Liscom drastisch geändert hat...).

Allerdings sollten diese Differenzen nicht überbewertet werden, denn letztlich verstehen alle drei medresanim sehr gut, dass jede von ihnen ihren wertvollen Beitrag zur allumfassenden tariqa al'magar leistet. So entsteht gewissermaßen ein Gleichgewicht zwischen drei Auffassungen von Welt und Magie und da die Tulamiden grundsätzlich ein stolzes Volk sind, und da die magarim besonders stolz auf ihre (gemeinsame) uralte Tradition sind, scheint auch keine wirkliche Gefahr zu bestehen, dass dieses Gleichgewicht ernsthaft gestört werden könnte.

Ay al'ma'hadim al'magar

Im Folgenden seien die magischen Akademien und Schulen des Tulamidenlandes nach Reputation und Einfluss innerhalb Mhanadistans absteigend geordnet und kurz in ihren Besonderheiten erläutert. Insgesamt ist zu beachten, dass Tulamidistan (ähnlich wie das sogenannte Liebliche Feld) auf einer relativ kleinen geographischen Fläche eine große Anzahl von Magierakademien besitzt. Dazu kommen nicht wenige kleinere Gemeinschaften von Zauberkundigen (z.B. der ODL zu Anchopal) und einzelne mächtige Zauberer (am bekanntesten: Abu Terfas, Sultan Hasrabal, Liscom von Fasar), was bedeutet, dass die magarim im Land der Tulamiden eine erheblich größere Präsenz als in den meisten anderen Ländern Aventuriens haben. Dazu kommt eine sehr alte magische Kultur, was auch bedeutet, dass alle Tulamiden mit der Möglichkeit der Muße und der Bildung selbstverständlich über die tariqanim al'magar Bescheid wissen und wahrscheinlich sogar (über Hofzauberer und magiebegabte Freunde, etc.) halbwegs auf dem Laufenden über zeitgenössische Diskussionen sind.
Der zentrale Punkt ist dabei eben, dass die tulamidisch-magische Wissenschaft traditionell einen existentiellen philosophischen Anspruch hat, der natürlich auch für die gebildeten Laien Bedeutung haben will/kann/sollte. Auch wenn die einzelnen Akademien für sich nur in sehr relativem Maße diesem Anspruch gerecht werden, ist doch das Netz des Wissens, der Kommunikation und der Tradition dicht genug, um ein kulturelles Bewusstsein für philosophische, spirituelle und eben auch 'magische' Fragen lebendig und wach zu erhalten.

Ma'had al'wasath al'kâ'drakor ay Yash'Hualay dar Khunchom
Drachenei-Akademie zu Khunchom

Das Zentrum der tariqa al'ramlih hat sich insbesondere dem Gebiet der praktischen Thaumaturgie verschrieben, dessen aventurienweit anerkannte Autorität, Âmûzgâr Khadil Okharim, auch als begnadeter Redner jedoch zweitklassiger Philosoph gilt. Böse Zungen behaupten, eher diese Mischung als seine fachliche Kompetenz sei der Grund für die erfolgreiche Außenpolitik Seiner Spektabiliät, die dem Kâ'drakor in den letzten Jahrzehnten nicht unerheblichen Einfluss bei den Gharbistanim (respektive: in Punin) gesichert hat. Nicht zuletzt auch aufgrund der Lehrphilosophie Khadil Okharims gelten die Khunchomer mittlerweile insgesamt als handfeste Praktiker, während sie als Theoretiker ob ihres sehr naiven Blicks auf die unbelebte und vermeintlich-unbelebte 'objektive' Welt von den Rashdulern und Fasarern eher belächelt werden. Sie zeichnen sich aber besonders durch großen Einfallsreichtum in der variantenreichen Anwendung ihrer Kenntnisse aus.

Ma'had al'wasath pandjashtra wa sittashtra wa haftashtra wa sahibir a'nurrim da'Rashdul
Pentagramm-Akademie zu Rashdul

So weltoffen und neugierig die Drachenei-Akademie erscheint, so weltfremd und abweisend mutet das Zentrum der tariqa al'nusirr an. Die Zauberer, die in den torlosen Mauern des Pandjashtra leben und Magie treiben, widmen sich ihrem geheimnisvollen 'Weg' so ganz und gar, dass sie anderen Dingen kaum Aufmerksamkeit schenken. Abgesehen davon, dass das gewaltige pentagonische Akademiegebäude das größte der Stadt ist, bekommen die Rashdulim daher so gut wie nichts von den mönchshaften Beschwörern mit. Philosophisch Bedeutsames passiert hier z.Z. vor allem intern, denn seit einigen Jahren schwelt ein garstiger Streit zwischen den Dämonologen und den Elementaristen der Schule um die Vorherrschaft innerhalb der tariqa, und es mag sein, dass eine große Spaltung, eine 'Gabelung des Weges', kurz bevorsteht.

Anmerkung 11: Ich habe selbst am Pandjashtra einige Zeit Forschung betrieben und gelehrt (zu einigen speziellen aëritisch-elementaren Canti) und habe die Konflikte der beiden Fakultäten aus nächster Nähe beobachten können - eine Erfahrung, um die mich keiner der geschätzten Collegae beneiden sollte…

Âmûzgâra Belizeth Dschelefsunni (die an der dämonologischen Fakultät lehrt) ist gefürchtet und bewundert von ihren Collegae in ganz Mhanadistan, während außerhalb der Tulamidenlande kaum ein Magier ihren Namen kennt. Entgegen der scheinbaren Isolation der pandjashtranim besitzt die Spektabilität aber ein geradezu unheimliches Wissen über das politische Geschehen in Mhanadistan und darüber hinaus, sie scheint es zudem geradezu zu genießen, beständig denunzierende Gerüchte über die an diesem Geschehen beteiligten Personen in die Welt zu setzen - kein Wunder, dass sie unter den magarim (außerhalb Rashduls wohlgemerkt...!) nur noch mit dem Beinamen ibliqis, 'Spinne', genannt wird.

Ma'had al'jasar Al'Achami hawshaltarra dar Fasar
Al-Achami-Akademie der geistigen Kraft zu Fasar

Auch von der Al'Achami, der Hauptvertreterin der tariqa al'hawshal, dringen z.Z. nur wenig Neuigkeiten ins restliche Mhanadistan - von Neuem und Altem Reich ganz zu schweigen. In diesen Zeiten des wiedererstakten Borbaradianertums (damnus, damnus, damnus) möchte man sich wohl nicht allzulaut bemerkbar machen, so zumindest kursiert die Häme in Rashdul und Khunchom. Einzig Âmûzgâr Thomeg Atherion scheint eine erstaunliche Omnipräsenz an den Tag zu legen, wenn es Gelegenheit gibt, gegen die borbaradianim aktiv zu werden - an seiner eigenen Akademie kann man ihn dagegen nur selten antreffen…

Shabath al'wasath harun'jarim aniil Fasar
Bannakademie zu Fasar

Die nur knappe hundert Jahre junge Bannakademie ist vielleicht die unbekannteste Magierschule Aventuriens. Selbst die meisten magarim würden ihr Siegel nicht ohne weiteres erkennen und der derzeitige Âmûzgâr Sarim al Jabar versteht es meisterhaft, diese Situation beizubehalten. Man könnte die Harun'jarim, wie die Bannmagier sich nennen und was etwa so viel heißen mag wie 'Wächter', wohl durchaus dem Fasarer Weg des Geistes zuordnen, allein: sie selbst haben sich während hundert Jahren nicht bemüht, irgendwem irgendeine Definition ihres eigenen Weges zu liefern und scheinen auch weiterhin keinerlei Interesse am Austausch mit anderen medresanim zu haben. Alles, was man also weiß, ist, dass die Harun'jarim exzellent in der praktisch-exorzistischen Kunst ausgebildet werden und dass sie daneben noch die Möglichkeit haben, ein beliebiges Spezialgebiet bei einem der aus ganz Aventurien stammenden Mudarrisim zu studieren. Dies alles ist schon ungewöhnlich für tulamidische Maßstäbe, doch darüber hinaus scheinen die Bannmagier nur für das Ziel ausgebildet zu werden, schließlich als Leibmagier in den Dienst eines der 'Erhabenen' von Fasar oder einer anderen reichen Händlerfamilie Mhanadistans zu treten, oder als Lehrmeister von magiebegabten Zöglingen an den Hof eines Fürsten geholt zu werden. Würde man das Netz dieser vor allem weltlichen Beziehungen und Verbindungen einmal nachzeichnen (wie ich einst die Frechheit besaß, es zu tun - dazu jedoch hier keinesfalls mehr Details...), wäre das Ergebnis 'wahrscheinlich' ein beängstigend großes Einflusspotential der Schule - doch da der Shabath harun'jarim kein offensichtliches politisches oder ideologisches Ziel hat, ist diese Information nicht allzu nützlich...

Medresa al'wasath rastullahbastra al'magia wa Kalifâ dar Mherwed
Zauberschule des Kalifen zu Mherwed

Die jüngste der aventurischen Magierakademien ist ein überaus interessantes Projekt, welches sicherlich in der Zukunft nicht nur für das Kalifat Bedeutung haben wird: Âmûzgâr Mawdli Mherech ben Tuleyman ist absolut kein Fanatiker, sondern ein einflußreicher Weiser des Rastullahglaubens und ein überaus gebildeter Magier zudem, der angeblich schon in Thorwal mit Aleya Ambareth, in Gareth mit dem Boten des Lichts und in Mirham mit Salpikon Savertin disputiert hat. Mawdli Mherechs Lebenswerk gilt - dies hat er mir gegenüber selbst gesagt - der Aufgabe, vier Wege zusammenzuführen, wie sie seiner Meinung nach zusammengehören: die drei großen tulamidischen tariqanim al'magar und den einen heiligen Weg der Mawdliyat, welcher als Weg der Wege alle anderen zum Ziel, zur ewigen Wahrheit, führen kann! Zu diesem Zweck hat er in langen Jahren neun der weisesten Zauberer des Kalifats (jeweils zwei aus Khunchom und Rashdul, jeweils einen von der Al'Achami und der Bannakademie (!), dazu, ihn selbst eingeschlossen, drei Unabhängige) um sich geschart, die nun mit größtem gottgefälligem Eifer am gemeinsamen Werk arbeiten. Die kleinen Schülerjahrgänge werden nach strengsten Kriterien handverlesen, damit sie die schwierige Gratwanderung 'zwischen' den Wegen und auf dem einen wahren Weg mit fester Seele und scharfem Verstand meistern können. Es spricht alles dafür, dass unter solchen Bedingungen wohl die frischesten philosophischen Diskussionen und Denkansätze der kommenden Jahrzehnte vornehmlich aus Mherwed kommen werden und ich freue mich schon sehr darauf, mit den jungen Collegae ins hesindegefällige Gespräch zu kommen!

von: Tyll Zybura
Erschienen in Opus no. 69 am 28.5.2000 als Reaktion oder Fortsetzung zu Ay al'magia tulamidya - Von der Zauberkunst der Tulamiden.


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