Opus veritatis scientiaeque

Der Schwarze Limbus    

21. Rahja im 47. Götterlauf nach Hal

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Werter Magister Talian al Gulach!

Wie ihr sogleich zu Beginn eures Artikels bemerkt, müsst ihr mir im Bezug auf meine These der Lingualdiskrepanzen widersprechen. Ihr praediciert weiter, dass es ergo nicht stimme, dass die geistige Fähigkeit eines Menschen an seiner Sprache auszumachen sei. Hierzu möchte ich euch freundlich aber dennoch bestimmt darauf hinweisen, dass dies nicht ad solum der Inhalt meiner These der Lingualdiskrepanzen gewesen ist, welche ich im vergangenen Artikel zu postulieren versuchte. Ich stellte nämlich einen komplexen Zusammenhang zwischen dem Denken (den Fähigkeiten des Denkens, Verstehens etc.) auf der einen und der Sprache (den Fähigkeiten des Spracherwerbs, der Benutzung von Sprache etc.) auf der anderen Seite her. Dass dieser Zusammenhang besteht, werdet ihr ja wohl nicht bezweifeln wollen - schon aus euren eigenen Erfahrungen heraus werdet ihr dies wissen. Und wo ein Konnex zwischen zwei Subjekten besteht, da beeinflussen sich diese beiden auch. Soweit also dazu.
Natürlich gibt es genügend Beispiele aus der Praxis, in denen sich meine Behauptung (die geistige Fähigkeit eines Menschen sei an seiner Sprache auszumachen)  widerlegen ließe. Als ein exemplum diene hier die List der Täuschung, mit deren Hilfe sich schon manch Gelehrter im wahrsten Sinne des Wortes für dumm verkauft hat. Doch sprach bzw. schrieb ich diese Worte als Mann der Wissenschaften, was includieret, dass ich jeweils von konkreten Fällen der Beobachtung sine fluctuationibus realitatis sprach, also von Fällen ohne Verzerrung der gegebenen Realität. Und in der für jeden unmittelbar beobachtbaren Realität zeigt sich auch die Richtigkeit meiner postulierten These. Denkt ihr denn ernsthaft, dass sich die Schulung des Denkens, wie sie z.B. in den Praiosschulen vorangetrieben wird oder auch in den Tempeln und Horten der Weisheit unserer Göttin, nicht auf die sprachliche Kompetenz des Geschulten auswirkt? Habt ihr denn noch niemals den Werdegang einer jungen adepta der Magie selbst miterfolgt, dass ihr diese alltägliche Erfahrung nicht bestätigen könnt? Und habt ihr auf euren langen Reisen nicht auch schon Barone, Gräfinnen, ja sogar Herzoge und höhere Würdenträger in PRAios Namen erlebt, welche trotz ihrer Stellung die Fertigkeit des gepflegten Ausdrucks und des Parlierens nicht beherrschten? (Zur Correctio anbei: Ich wollte auch nie behaupten, dass sprachliche Kompetenz mit Wissenserwerb einhergeht! Nein, das Denken, meine ich, ist der ausschlaggebende Faktor!)
Wie wohl ihr im weiteren Verlaufe eures Artikels bemerkt, dass sich die Dimensionen des Sprechens und der Kommunikation im Wortschatz voneinander unterscheiden, so verwehrt ihr euch doch der Erkenntnis, dass auch die Komplexität unterschiedlich ist. Der Wortschatz ist nämlich schnell einmal erlernt (und nebenbei auch eines der ersten Dinge, die an unserer Akademie gelehrt werden), mit diesem Wörtern dann jedoch richtig umzugehen, das bedarf doch einer gewissen Leistung im gedanklichen Bereich.
Ihr schreibt die Komplexität sei im Wesentlichen die Möglichkeit Strukturen widerzugeben und darzustellen. Wenn wir es einstweilen bei dieser Definition belassen, so würde ich euch doch gerne einmal einladen mir in eine beliebige Bauernkate zu folgen um dort nach der Komplexität in der Sprache dieser einfachen Leute zu suchen. Ihr würdet sehen, dass man sich dort beispielsweise die Wirkung eines Cantus der Magica Controllaria, nehmen wir den BANNBALADIN, entweder mittels des Ansatzes einer Struktur ohne Gedanken (Kausalstruktur: "Die ist aber sehr verliebt!" oder jedwede andere Begründung) oder ohne Struktur und ohne Gedanken ("Das versteh ich jetzt nicht!") oder aber beinahe ohne Struktur, dafür mit richtigem Gedankengang ("Die ist sicher irgendwie komisch bezaubert worden!") erklärt.
Die letzten Zeilen aus eurer Feder haben mich nun vollkommen verwirrt, denn sie beherbergen einige Widersprüche:
Ihr beginnt mit einem vielsagendem Satz: "Bevor der Mensch durch das Geschenk HESindes, den Verstand, diverse Erfindungen zur Weiterentwicklung unserer Zivilisation hervorbrachte, gab es nur einfachen Ackerbau." Wie ein gelehrter Mann wie ihr nur auf diese Idee kommen kann, ist mir bei all der Weisheit HESindes ein großes Rätsel! Die Göttin schenkte den Menschen Weisheit, einen Verstand, und mit ihm Gedanken. Vorher gab es nichts, worüber es sich lohnen würde zu schreiben - so ihr euch nicht in Belange der Geweihtenschaft der allweisen Herrin einmischen mögt!
Und im nächsten Satz schreibt ihr dann: "Jedoch bin ich der Meinung, dass trotzdem die selben geistigen Fähigkeiten vorhanden gewesen sein müssen, da es sonst niemals zu den Errungenschaften gekommen sein kann, die unsere heutige Zivilisation möglich gemacht haben." Natürlich ist dies so und ich widerspreche dem auch in keinster Weise. Ich darf euch kurz aus einem Buch der Geweihten Argelia von Kuslik zitieren, welche den Schrein an unserer Akademie betreut: "Wie alle Dinge in der Welt kann auch der Geist nicht vernichtet, sondern nur verwandelt werden. HESinde ist eine große Künstlerin, und ihr Tun ist der Wandel..." Wie wir daraus klar und deutlich erkennen, hat jeder Mensch die prinzipielle Veranlagung zum Denken, da jeder Mensch mit HESindes Gabe gesegnet ist. Doch wie uns die Kirche der Herrin schon lehrt, kommt es auf den Wandel, den kunstvollen Wandel des Geistes an! Und genau darin liegt der in der Sprache und vice versa bemerkbare Konnex zum Geist, zum Denken.

Ich hoffe euch noch einmal klar gemacht zu haben, in welcher Absicht ich diesen meinen Artikel geschrieben habe. Möge HESinde euren Geist erleuchten!

Großmeister Erilarion Androstaal

von: Philipp Schumacher
Erschienen in Opus no. 78 am 14.10.2000 als Reaktion oder Fortsetzung zu Reaktion auf den Artikel: Lingualdiskrepanzen.

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