Opus veritatis scientiaeque

Der Schwarze Limbus    

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Von den astralen Kraftspeichern

Gandolf von Gareth. So manch einem Collega, welcher ist bewandert in der Kunst der Hohen Alchimie, wird dieser Name mehr als nur geläufig sein, handelt es sich bei dieser von Legenden umwobenen Gestalt doch um den Autor der beiden wohl bekanntesten Werke der Thaumaturgie, namentlich 'Ringkunde für Anfänger' und 'Ringkunde für Fortgeschrittene'. Beide Werke entstanden während der Magierkriege und wurden von äußerst kundiger Hand verfasst, wenngleich das nahezu alles ist, was über den Verfasser wir heute noch wissen. Um so mehr verwundert es, wenn dieser offenkundig doch so fähige Mann in der Inhaltsangabe seines zweiten Werkes auf ein Kapitel verweist, in welchem er ankündigt, 'Herstellung und Anwendung astraler Kraftspeicher' behandeln zu wollen. Der an diesem Thema interessierte Leser wird vom Autor auf Seite 161 des Werkes verwiesen. Sed hic haeret aqua: Wer die 'Ringkunde für Fortgeschrittene' sein Eigen nennt oder schon einmal das Glück hatte, dieses Werk für seine Studien benutzen zu dürfen, wird wissen, dass selbiges mit Seite 160 endet.

Zerstreutheit? Wohl kaum. Absicht? Dies ist wohl anzunehmen. Scheinbar ganz bewusst wird hier vom Autor selbst auf ein nicht existentes Kapitel eines Werkes verwiesen, welches als solches im Grunde als abgeschlossen gelten könnte, gäbe es nicht diesen äußerst rätselhaften Verweis. Auch die These, das fragliche Kapitel könnte in wilden Zeiten verloren gegangen oder in späteren Abschriften absichtlich entfernt worden sein, entbehrt jedweder argumentativen Grundlage und muss somit reine Spekulation bleiben. Ob Gandolf von Gareth selbst um das durch ihn in seinem Werk angesprochene Geheimnis wusste? Ignorabimus! Als wahrscheinlich erachte ich jedoch, dass er dieses Wissen nicht als verbreitungswürdig empfand und uns durch diesen blinden Verweis aufzeigen wollte, dass dieses Geheimnis ebenso unergründlich ist, wie es seiner Meinung nach vielleicht auch unergründet bleiben sollte.

Wenn dennoch in diesem Artikel besagtem Thema ich mich widme, dann im aufrichtigem Bestreben, vor den Gefahren, welche ein Missbrauch derartiger Kenntnisse mit sich bringen würde, zu warnen und die kundige Leserschaft des Opus zur Wachsamkeit anzuhalten, damit nicht unter ihren Augen doch ohne ihr Wissen eben dieses Geheimnis ausgerechnet von jenen gelöst werde, in deren Händen es den größten Schaden, doch den geringsten Nutzen zu bringen vermag. Relata refero! Doch das macht die Verantwortung nicht geringer, welche an dieses Wissen gebunden ist, und über seinen rechten Gebrauch zu wachen ist die Aufgabe eines jeden göttergläubigen Gelehrten.

In der Tat ist über die Herstellung astraler Kraftspeicher inzwischen soviel bekannt, dass es uns im Grunde möglich sein müsste, mit genügend Sorgfalt und fachlicher Kompetenz ein solches Artefakt selbst anzufertigen - sed non possumus. Die dabei auftretenden Schwierigkeiten sind mannigfaltig, lassen sich jedoch zwei Hauptproblemen zuordnen, welche zum einen in der Beschaffung geeigneter Materialien und zum anderen in der genauen Kenntnis des Rituals bestehen, welches benötigt werden würde, um aus einem solchen Material ein Artefakt fertigen zu können, welches in der Lage ist, astrale Kraft aufzunehmen, eine gewisse Zeit lang zu speichern und im richtigen Moment in einer für den Kundigen nutzbaren Form wieder abzugeben. 

Genaueres zu einem solchen Ritual ist nicht bekannt, und ich weiß von keinem Kundigen, der es beherrschen würde, wenngleich einige wenige Collegae die Auffassung vertreten, es ließe sich womöglich allein aus der Kenntnis des ARCANOVI herleiten. Oh sancta simplicitas! Nein. So einfach wird dieses Geheimnis gewisslich nicht zu lösen sein. Fest steht, dass die bloße Beherrschung und Anwendung des ARCANOVI in keinem Falle ausreicht, um ein Speichermedium für astrale Kraft zu schaffen, wenngleich fundierte Kenntnisse in diesem Zauber dazu ergänzend hilfreich sein mögen. Das benötigte Ritual stellt sich uns vielmehr als eine komplizierte Folge magischer Einwirkungen auf ein geeignetes Speichermedium dar, welche nicht nur einen immensen Erfahrungsschatz, sondern wohl auch eine äußerst zeitintensive Vorbereitung erfordern dürfte. Sicherlich müsste ein Kundiger, so er überhaupt ein geeignetes Material beschaffen kann, dessen Muster vor dem eigentlichen Ritual zuerst intensiv erforschen, was die Kenntnis des ANALÜS verlangen und einen großen Aufwand an astraler Kraft über mehrere Monde hinweg mit sich bringen würde.

So wirklich ein Kundiger von dem eigentlichen Ritual Kenntnis erlangen würde, bestünde nach einer derartig sorgfältigen Vorbereitung allerdings wohl tatsächlich Aussicht auf eine erfolgreiche Durchführung, welche darauf abzielen müsste, die astralen Muster des Speichermediums dahingehend aufzubereiten, dass freie Astralenergie zukünftig aufgenommen, gebunden und auch wieder abgegeben werden kann. Um diesen Vorgang jedoch kontrollieren zu können, müsste außerdem ein Aktivierungsbefehl zur Aufnahme und Freisetzung astraler Kraft in die astralen Muster integriert werden, was das Ritual zusätzlich komplizieren dürfte. Darüber hinaus ist zu erwarten, dass mit einer erfolgreichen Durchführung eines solchen Rituals ein nicht unerheblicher, permanenter Verlust an astraler Kraft des Zaubernden einhergehen würde. Und selbst wenn dies alles erfüllt wäre, so würde es dennoch nur den fähigsten aller Kundigen gelingen, einen wirklich zuverlässigen Speicher ihrer astralen Kräfte zu erschaffen, denn mannigfaltig sind die Erzählungen von solchen Kraftspeichern, welche sich nur zu bestimmten Mondphasen gebrauchen lassen, die astrale Kraft nicht lange zu halten vermögen oder ausschließlich nachts wieder herzugeben bereit sind, und generell so unzuverlässig arbeiten, dass man nie ihrer Wirkung sich sicher sein kann.

Was nun die zur Herstellung eines astralen Kraftspeichers in Frage kommenden Materialien angeht, so vermag man hier schon weitaus genauere Angaben von Seiten der Wissenschaft zu machen, wenngleich das meiste davon seiner Bewährung in der Praxis noch immer harren mag und anderes vielleicht gar auf eine rein spekulative Ebene der Forschung verwiesen werden muss.

Fest steht, dass es gewisse Materialien gibt, die mehr als nur das gewöhnliche astrale Muster aufweisen, welches jeder noch so gewöhnliche Stoff unserer Sphäre aufzuweisen vermag. Von einer bloßen Wechselwirkung zwischen diesen Stoffen mit astralen Energien, wie sie Gold und Eisen im negativen, Mondsilber und Meteoreisen im positiven Sinne aufweisen, kann hier ebenfalls nicht die Rede sein. Auch sind diese Stoffe nicht gleich den fünf magischen Metallen beschaffen, welche durch die geballte Kraft der Sphären aus einem Progenitor-Metall entstehen und auf diese Art einen Überschuss an astraler Kraft in ihrem Muster aufnehmen, welches sich als magische Aura äußert, jedoch niemals mehr aus dem Stoff extrahiert werden kann. Es handelt sich vielmehr um Materialien, deren astrales Muster derart aufbereitet werden kann, dass es gleich einem zauberkundigen Lebewesen in der Lage ist, freie astrale Kraft aufzunehmen, zu binden und wieder abzugeben.

Solche Stoffe gibt es in der Tat, und die schlichtesten von ihnen sind uns sogar vielfach schon seit langem bekannt. Experto credite! Mit gutem Grund ist anzunehmen, dass schwarze Perlen, bestimmte Edelsteine wie Bergkristall und Diamant und vielleicht gar einige weitere Stoffe, sofern von ausreichender Größe, durch massive magische Einwirkung dazu verwendet werden könnten, astrale Kraft zu speichern und ebenso kontrolliert wie nutzbar wieder abzugeben, sofern das dazu benötigte Ritual dem Zaubernden bekannt wäre. Jedoch bleibt hierbei zu bedenken, dass die Aufbereitung dieser Stoffe ein sehr hohes Maß an permanenter Astralkraft erfordern würde, welches der erzielten Speicherkraft in etwa gleichkommen mag, so dass die Herstellung eines so beschaffenen Kraftspeichers nicht wirklich als Gewinn für den Zaubernden angesehen werden könnte. Auch wäre es diesen Speichermedien wohl nur möglich, halbgebundene, das meint aktiv von einem Kundigen zur Aufladung ihres Musters verwendete Astralenergie aufzunehmen, wobei wahrscheinlich überdies ein Großteil der aufgewendeten Kraft verloren gehen würde. Ein eigenständiges Aufladen durch selbsttätiges Binden freier Astralenergie, wie es die Körper von Kundigen in Phasen erholsamer Ruhe vermögen, ist von diesen Materialien nicht zu erwarten.

Ein Material, welchem von fachkundiger Seite diese Fähigkeit ohne weiteres zugetraut wird, ist der überaus seltene Kashra-Stein, welcher vermutlich nur unter sehr speziellen Umständen als strauchförmige Ablagerung auf dem annähernd ebenso seltenen Titanium-Erz zu finden ist. Ihm wird nachgesagt, im Dunklen blau zu leuchten, doch an sich soll er von klarer Farbe sein. Das einzig öffentlich ausgestellte Exemplar kann im Prospectorischen Institut zu Festum bewundert werden, und es mag noch einige wenige weitere, nicht minder unerschwingliche Exemplare geben, welche sich zumeist im Besitz der Angroschim befinden dürften, die in ihren unterirdischen Kristallgärten wohl noch am ehesten auf Titanium-Erz und damit vielleicht auch einmal auf einen Kashra-Stein stoßen mögen. Ein Stein ausreichender Größe müsste nach entsprechender magischer Aufbereitung in der Lage sein, sowohl halbgebundene Astralenergie von Seiten eines Zauberkundigen ohne nennenswerte Einbußen zu binden, als auch seiner Umgebung ungebundene Astralenergie in Form der überall in unserer Sphäre gegenwärtigen Hintergrundstrahlung zu entziehen und damit selbsttätig regenerieren zu können.

Ein Medium von ungleich größerer Macht und Bekanntheit dürfte der Karfunkelstein sein, welcher nur im Kopf größerer Drachen gefunden werden kann, die naturgemäß wenig Bereitschaft an den Tag legen, sich von diesem kostbaren Kleinod zu trennen, ist dieses doch der Sitz ihrer Essenz, ihrer Zauberkraft wie ihrer Seele. Im Grunde werden dem Karfunkelstein, sofern er entsprechend magisch aufbereitet werden könnte, dieselben Eigenschaften zugesprochen wie auch dem Kashra-Stein, jedoch berechnen die Thaumaturgen für ihn ein Vielfaches der jenem Stein zugeschriebenen astralen Regenerations- und Speicherfähigkeit pro Karat. Im Karfunkel eines Höhlendrachen müsste sich demnach bereits annähernd soviel astrale Energie speichern lassen, wie der Körper eines erfahrenen Kundigen zu binden vermag, und der Karfunkelstein eines alten Drachen dürfte im Vergleich dazu - rein hypothetisch gesprochen - gut und gerne das Fünfzigfache an astralem Fassungsvermögen aufweisen.

Der letzte hier zu erwähnende Stoff ist gänzlich anders beschaffen und von so unheimlicher Natur, dass seine Verwendung wegen seiner Nähe zur Blutmagie seit langem vom Codex Albyricus geächtet wird. Die Rede ist natürlich von jenem namenlosen Kristall, welcher - quod avertat HESinde - nach geeigneter magischer Aufbereitung dazu in der Lage ist, dem Blute lebendiger Wesen astrale Kraft zu entziehen, diese zu speichern und einem irregeleiteten Kundigen zur Verfügung zu halten. Angeblich wächst dieser seltene, achteckige Sangurit-Kristall im Inneren von hohlen Gesteinsknollen, auch Geoden genannt, vor allem im Bereich der Goldfelsen sowie der südlichen Regengebirge. Eigentlich von blassroter Farbe schillert dieser niederhöllische Kristall in allen Farben des Regenbogens, so ein Lebewesen ihn berührt. Wird er mit astraler Kraft aufgeladen, was nur durch ein Beträufeln mit beachtlichen Mengen an Blut möglich ist, verfärbt er sich in ein tiefdunkles Rot. Einmal entsprechend aufbereitet lässt sich ein Exemplar ausreichender Größe durch fremdes wie eigenes Blut aufladen, wobei letzteres aus noch zu erforschenden Gründen die effizientere Methode sein soll. Nichtsdestotrotz bleibt festzuhalten und neuerlich zu betonen, dass die Verwendung dieses verwerflichen Kristalls in jedweder Form zu verurteilen ist und seit jeher unter entsprechend harter Strafe steht.

Gerüchten zufolge soll es des weiteren möglich sein, verschiedene dieser Stoffe mit anderen, ihre Wirkung begünstigenden Materialien zu kombinieren und so eine noch weitaus stärkere Wirkung zu erzielen, doch dies alles muss nolens volens bloße Spekulation bleiben, solange das Geheimnis der magischen Aufbereitung dieser Materialien weiterhin ungelöst bleibt.

Es soll jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass über das Vorhandensein arkaner Kraftspeicher der beschriebenen Art und damit über die grundsätzliche Möglichkeit ihrer Herstellung auf dem hier beschriebenen Wege nicht der geringste Zweifel bestehen kann, dass also zumindest einige wenige Kundige aus heutiger oder vergangener Zeit dieses Geheimnis bereits gelöst haben müssen. Gerade im aventurischen Norden soll es mehrere derartige Funde gegeben haben, von denen ich mindestens einen zuverlässig bezeugt weiß, da ein befreundeter Collega mir erst vor wenigen Wochen davon schrieb, wie er einen auf der Basis eines Sangurit-Kristalls gefertigten Kraftspeicher einem jungen, reisenden Adepten abnehmen musste, welcher sich gar nicht darüber im Klaren gewesen war, was er da bei sich hatte, und das vom Codex Albyricus geächtete Artefakt als Schmuckstück offen mit sich herumgetragen haben soll, statt es unverzüglich einem Hesindetempel zu überantworten, wie es seine Pflicht gewesen wäre. Asinus ad Lyram!

Eben dieses Schreiben brachte mich dazu, meine Kenntnisse über dieses heikle Thema den geneigten Lesern des Opus zu präsentieren, nicht zuletzt um sie präventiv vor den unangenehmen Folgen zu bewahren, welche sich aus diesem Zwischenfall für den bewussten Adeptus ergeben haben, und ich hoffe sehr, dass sie dieses Wissen zu würdigen und verantwortungsvoll damit umzugehen wissen werden.

Rukus Ambrosius, Magus extraordinarius

von: Frank Brosow
Erschienen in Opus no. 100 am 18.3.2001.

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