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Der Schwarze Limbus    

26. Peraine im 47. Götterlauf nach Hal

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Ay Sidjäddah ay Hawa

Vom Fliegenden Teppich

Die Kunde vom wunderlichen Fluggerät halten viele außerhalb des Landes der ersten Sonne für die Hirngespinste tulamidischer Märchenerzähler und Jahrmarktpropheten. Ich machte mich auf den Weg, mehr über die Kunst zu erfahren, welche den geknüpften Garn zu einem magischen Artefakt höchster Vollkommenheit machen soll.
Mein geistiger Führer durch die Geheimnisse der tulamidischen Städte war der ehrenwerte Meister Achmed ibn Mhukkadin al Ghunar, der mich erst durch seine glaubhaften Berichte zu genaueren Nachforschungen antrieb.
Um auf Berichte über sogenannte fliegende Teppiche zu stoßen, musste nicht lange gesucht und geforscht werden, denn es ist wahrlich jedes tulamidische Märchen voll davon. Und auch wenn diese gewisslich mit zum Höchsten in der Kunst der Unterhaltung zählen, können sie doch kaum als Grundlage für ernsthafte Forschungen dienen. Trotzdem helfen sie einem, die richtige Spur zu finden.
So wurde laut einem alten Märchenbuch aus Rashdul ein solches magisches Artefakt einst einem Prinzen geschenkt, der nur damit seine Geliebte am Hof von Thalusa besuchen konnte, dessen Mauern vom egoistischen und grausamen Vater der Prinzessin unter schwere Bewachung gestellt wurden. Des Nachts drang der unerschrockene Prinz in die Gemäuer des thalusianischen Palastes ein und entführte seine Liebste zu einem abenteuerlichen Flug über die große Wüste Khom. Als der Vater das Verschwinden bemerkte, trug er seinem gewissenlosen Hofmagicus auf, die beiden zu finden und zu ihm zu bringen. Auch der Magus verfügte über eines der magischen Fluggeräte und geschwind flog er über die Unauer Berge hinweg um die Flüchtigen zu finden. Diese hatten sich unter einer Palme an einer Oase eingefunden um diese Nacht der Herrin Rahja zu weihen. Eng umschlungen und nichts von der Gefahr ahnend lagen sie auf dem Teppich, der ihnen ein wohlfeiler Liegeplatz war. Als der Magier sie erspähte erfasste ihn Neid ob der schönen Prinzessin, die ihm versprochen war, und Hass gegenüber dem noch glückseligen Prinzen keimte in ihm. So wirkte er einen mächtigen Zauber, welcher den Teppich der beiden gegen dessen Willen aufsteigen ließ, und der den Prinzen dann über dem kleinen Wüstensee abwarf. Doch die Geister der Lüfte waren dem lieblichen Paar wohlgesonnen, und so entwich dem von einem ehrlichen Knüpfer gefertigten Teppich des Magiers ein Luftdschinn, der in den See tauchte und dem Prinzen Luft zum Atmen gab, so dass dieser sich ans Ufer retten konnte. Der Teppich des Magiers unterschied sich aber plötzlich nicht von einem gewöhnlichen und der boshafte Scherge fiel in den See und ertrank jämmerlich.

Auch wenn uns diese Geschichte keine hieb- und stichfesten Tatsachen liefert, so führt sie doch zu einem möglichen Cantus effectionis, welcher in einem solchen Artefakt wirkt. Es wird von einem Dschinn gesprochen, der, so mag man deuten, im Teppich gebunden ist und sich in diesem Märchen von ihm löst, als er das Unrecht bemerkt. Letzterer Teil kann dabei wohl getrost als romantischer Unfug abgetan werden. Um zu sehen, ob denn nun wirklich die Bindung eines Elementarwesens vorliegt, hilft es vielleicht den Fertigungsprozess eines fliegenden Teppichs zu studieren, was sich aber bei den Göttern nicht einfach gestaltet.

Die Suche nach einer der wenigen Familien, die nach uralter Tradition die Kunst des Knüpfens von fliegenden Teppichen beherrscht, scheint nahezu unmöglich. Viel leichter findet man da einen der Händler der wertvollen Ware. Meister Achmed führte mich wieder einmal auf die Spur eines solchen, leider aber war der durchtriebene Mann ein Schwindler. Nach der unfreiwilligen Schließung von Freundschaft wusste er mir aber von einem wahren Händler zu berichten, den er selbst vor vielen Jahren gekannt hat. Dessen Geschäft in Fasar fand ich jedoch leer und ohne eine Menschenseele vor. In der Werkstätte konnte ich jedoch nahe einem großen und leider komplett verfallenen Knüpfrahmen noch Reste von feinem Garn finden. Dieser war von hesindigoblauer Farbe oder gar metallisch schimmernd. Später stellte sich heraus, dass diese metallischen Fäden aus einer Arkanium-Legierung bestehen - ein möglicher Hinweis auf die Unterschiede zwischen gewöhnlichem Tulamidenteppich und dem fliegenden.

Doch reicht ein magischer Garn und ein vielleicht zauberkräftiges Muster dazu aus, einen Dschinn zu beschwören, zu binden und gefügig zu machen? Wie wurde der Abraxas, das auslösende Zauberwort, festgesetzt? Allem Anschein nach sind die Knüpfer, welche die Kunst beherrschen und von denen ich nie einen gefunden hatte, nicht magiebegabt und doch konnten sie  Artefakte herstellen.

In der Bibliothek der Zauberschule des Kalifen von Mherwed schließlich stieß ich auf einen weiteren Fingerzeig. Einlass wurde mir nur Dank eines Empfehlungsschreibens von Meister Achmed gewährt, doch auch so stand ich unter ständiger Aufsicht und mir wurde nur Einblick in sehr wenige, eher harmlose Werke gewährt. PHEx aber war mir hold, denn fündig wurde ich dann in einem wahrlich harmlosen Folianten, den ich eigentlich nur zur Erbauung studieren wollte. Es war ein Band tulamidischer Lieder, größtenteils alte Überlieferungen der Reisbauern, Glasbläser und Teppichknüpfer. So lautete der Refrain eines in teilweise Alttulamidya niedergelegten Liedes, das seinem Inhalt zufolge von manchen Knüpfern bei der Arbeit gesungen wurde:

Zaliri fah'wahkeh al'yinäh
Dschaddj wa chahtem al’hawa

Man vergleiche dies mit der tulamidischen Zauberformel des ARCANOVI:

Zallir fa'wähkeh al'magir
Dschad wa chähtim al’maga

Die Worte für magisch magir und Magier maga wurden hierbei durch die Begriffe Gesang yinäh und Wind hawa ersetzt. Zudem steht hawa auch für das Element der Luft und findet sich auch in der tulamidischen Bezeichnung für einen fliegenden Teppich Sidjäddah ay Hawa wieder. Im Lied enthalten sind auch Strophen über Geister, welche im Tulamidischen oft mit Dschinnen gleichgesetzt werden.

Noch lange ist das Rätsel um die fliegenden Teppiche nicht geklärt, es fehlt an weiteren, konkreten Anhaltspunkten.Es ist auch nicht bekannt, ob diese Artefakte noch immer hergestellt werden, doch man erzählt sich, dass einige Familien dieses Geheimnis noch immer bewahren und für die Fertigstellung eines Sidjäddah ay Hawa genau ein Menschenleben erforderlich ist. In einem anderen tulamidischen Märchen, das die Geschichte eines armen jungen Teppichknüpfers erzählt (wobei nur einige wenige Indizien für einen Schöpfer eines fliegenden Teppichs sprechen, allerdings erscheint auch ein Dschinn in dieser Erzählung), wird davon berichtet, dass der nunmehr alte Mann nach der Vollendung seines Lebenswerkes dermaßen glücklich über diesen Umstand war, dass er sich schon nach dem letzten Knoten auf Golgaris Schwingen wiederfand. Der Mann konnte seinen Traum vom Reichtum nach dem Verkauf des edlen Stückes nie in die Tat umsetzen...

Meisterin Sheddja

von: Markus Penz
Erschienen in Opus no. 23 am 20.6.1999.

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