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Der Schwarze Limbus    

18. Rahja im 47. Götterlauf nach Hal

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De uno modo vero vitae magorum et magarum
Über den einzig wahren Lebensweg der Magier und Magierinnen

Vieles wurde schon zu diesem Thema geschrieben und noch mehr wohl gesagt. Da gibt es einerseits diejenigen unter den Magiern, welche meinen, dass ein asketisches Leben in Meditation und vor allem ohne die Freuden RAHjas einen wahren Magus ausmacht, andererseits aber auch jene, die auf Meditation oder gar Selbstbeherrschung in jeglicher Form verzichten und so meinen ein göttergefälliges Leben zu führen. Beiden Seiten muss hier einmal in aller Deutlichkeit eine harte Rüge erteilt werden, denn so wie es ein Frevel ist eine göttliche Gabe an uns Menschen (die Freuden der Lust) zu verschmähen, so ist es ebenso eine Sünde ein göttliches Geschenk (sowohl das der RAHja als auch das HESindes) zu missbrauchen.

Im folgenden sei im Einklang der Gebote der allweisen Herrin und derjenigen der Göttin der Liebe sowie aller anderen Zehn der Versuch unternommen einen idealen Lebensweg für Magier und Magierinnen aufzuzeigen.

Zuerst jedoch muss auch hier einleitend noch einiges zur Positionierung aller Magier und Magierinnen in der von den Göttern geordneten Welt gesagt werden. In der Vergangenheit wurde bereits vieles zur Demokratie und anderen Herrschaftsformen geschrieben, und ich denke, dass ich getrost auf die Artikel in den Opera 80 ff verweisen kann um einer Argumentation gegen diese Formen der Herrschaft zu entgehen - der wissbegierige Leser möge eben dort nachlesen. Was die Magier und Magierinnen betrifft, so kann man ihre Sonderstellung in einem wie auch immer gearteten Herrschaftssystem per se nicht leugnen; und genau deshalb ist es von solch enormer Wichtigkeit sich als Magus bzw. Maga eine ordentliche, rechte Lebensführung anzueignen - und ich denke durchaus, dass sich diese Lebensweise auf das Adelssystem übertragen ließe, ja sogar übertragen werden muss!
Außer Frage steht, dass manche Menschen, sei es durch HESindes Macht (Magi et Magae) oder die des PRAios (Adelige), anderen von Geburt an übergeordnet sind - und das nicht etwa durch ihre eigenen Verdienste, sondern durch die vom Götterfürsten weise gewählte, göttliche Ordnung. Dass sich dennoch ein jeder in seinem Leben dieser Auszeichnung durch die Götter, die er von Geburt an besitzt, als würdig erweisen muss, ist - zumindest uns Magiern und Magierinnen - vom Anbeginn unserer Ausbildung an den Akademien klar. Und eben hier liegt die Verantwortung, welche ein jeder Magus und eine jede Maga zu tragen hat. Denn wer andere (Menschen) oder auch anderes (die Magie) beherrscht, der kann dies nur tun, so er nicht selbst durch andere (Menschen) oder anderes (Triebe, ungezügelte Kraft, ...) beherrscht wird. Deshalb benötigt ein Magus bzw. eine Maga stets und zu jedem Zeitpunkt die Kontrolle über sich selbst, also die nötige Selbst-Beherrschung.

Die richtige Beherrschung seiner selbst - und dazu zählen sowohl die Beherrschung der Gedanken als auch die des Körpers - kann auf vier Bereiche aufgeteilt werden:

ad primum: die Diätetik

Die Idee, die Lust (die Lüste) muss rationiert werden, damit andere Kräfte und Ziele der Existenz sich angemessen ausbilden können, steht immer am Anfang der Konstitution eines um sich selbst besorgten moralischen Subjekts. Der Ursprung der Beherrschung der magischen Kräfte liegt in der Mäßigung im Gebrauch der Lüste - und dies bezieht sich nicht bloß und ausschließlich auf die rahjanischen Verlangen des Körpers, sondern ebenso auf das rechte Speisen, das gemäßigte Trinken etc. Doch die Praktik der Diätetik kann nicht nur ein Ensemble an Vorsichtsmaßregeln, Ge- und Verboten sein; es handelt sich darum, wie man sich selbst als eine Person konstituiert, die um seinen Körper, seine Gedanken, seine Kräfte - seine Lüste - die rechte, notwendige und ausreichende Sorge trägt. Eine Sorge, die das Alltagsleben durchläuft, eine Sorge, die aus den größeren und kleineren Tätigkeiten des Lebens eine Angelegenheit der Diätetik macht; eine Sorge, die zwischen dem Menschen und den Elementen, die ihn umgeben, eine umständliche (d.h. die Umstände berücksichtigende) Strategie definiert und die schließlich darauf abzielt, den Magus bzw. die Maga selbst mit einem verständigen Verhalten zu rüsten.
Hierzu gehören Aspekte wie exercitus (körperliche Übungen, etwa der Tanz der Mada, und geistige Übungen, etwa die Meditation), cena (Speisen, die Ernährung), bibulum (Getränke, das Trinken), dormitum (der Schlaf) oder rahjaica (die sexuellen Beziehungen).

ad secundum: die Ökonomik

Hierunter fallen alle Herrschaftsformen, die ein Magus bzw. eine Maga in ihrem (alltäglichen sowie wissenschaftlichen) Leben auszuüben hat und welche sich alleine durch den richtigen Lebenswandel rechtfertigen lassen. Im weiteren habe ich diese verschiedenen Formen der Herrschaft in vier Bereiche unterteilt, wobei jedwede Form der Herrschaft stets auf einer prinzipiellen Ungleichheit per se basieren muss: (1) Die Ungleichheit, die den Herrn/die Herrin vom Diener/der Dienerin trennt. Diese Form der Ungleichheit und damit Herrschaft beruht stets auf einem freiwillig eingegangenen Abhängigkeitsverhältnis, so wie es beispielsweise zwischen einer Maga und ihrem Sekretarius bestehen kann. Sie zeichnet sich üblicherweise dadurch aus, dass einem der beiden ein angemessener Lohn oder zumindest eine Entschädigung für den verrichteten Dienst zusteht. (Sofern auf Seite des Bediensteten eine Schuldlast besteht, so kann natürlich davon abgesehen werden.) (2) Die Ungleichheit, die den Vater/die Mutter von den Kindern trennt. Diese Form der Ungleichheit liegt zumeist in der Natur der Sache, denn die Eltern sind nach dem Willen TRAvias stets dazu angehalten, ja sogar dazu verpflichtet sich um ihre Kinder zu kümmern und sind ebenso für deren Verhalten verantwortlich. Für einen Magister bzw. eine Magistra an einer Akademie stellt sich hier zweifelsohne die Frage, welche Art von Herrschaft denn gegenüber einem adeptus oder einer adepta auszuüben ist. Zwar trifft hier eine Bedingung von Punkt (1) zu, nämlich dass in den meisten Fällen Lehrgeld an die Akademie bezahlt wird, dennoch bin ich der Meinung, dass das eigentliche Verhältnis adeptus - Magus in Bezug auf die Vermittlung von Wissen klar und deutlich bei Punkt (2) eingeordnet werden muss. Der lehrende Magus hat also stets das Recht - und ebenso wie die Eltern die Pflicht - den Scholar zu überwachen, zu strafen etc., aber ebenso für seine Taten einzustehen. (3) Die Ungleichheit, die den Regierenden vom Regierten trennt. Diese praiosgegebene Form der Herrschaft ist diejenige, die am ehesten von Geburt an gegeben ist, deren Befähigung dazu aber dennoch vom jeweils Regierenden durch Worte und Taten unter Beweis gestellt werden muss. Sie wird im allermeisten Fall kaum einen Magus oder eine Maga betreffen. (4) Die Ungleichheit, die den Magiebegabten vom Unkundigen trennt. Diese ebenfalls von Geburt an vorhandene Ungleichheit verlangt von den Betroffenen eine außerordentliche Form von Herrschaft - über andere wie über sich selbst. Wer mit der Gabe geboren wird, von dem wird erwartet, dass er eine langwierige Ausbildung hinter sich bringt, in der er die Kunst der Selbstbeherrschung, die Kunst der Beherrschung und Lenkung sowie Formung magischer Kräfte erlernt. Von ihm wird erwartet, dass er eine Prüfung ablegt, welche bestätigt, dass er dies alles beherrscht - und selbst dann wird der Magiebegabte oftmals gefürchtet, verspottet oder gehasst. Obwohl die Herrschaftsformen (3) und (4) ihrem Wesen nach gar nicht einmal so verschieden sind, wird doch von den unter die Kategorie (4) fallenden einiges mehr erwartet sich ihrer Herrschaft als würdig zu erweisen.

ad tertium: die Erotik

Zum Bereich Erotik gehört all das, was mit sexuellen Lüsten und Gelüsten in- und außerhalb des Traviabundes zu tun hat. An dieser Stelle muss einmal der oftmals genannte Widerspruch zwischen den Geboten TRAvias und denen RAHjas aufgelöst werden, denn im Göttlichen selbst kann es keinen Widerspruch geben. Der traviagefällige Ehebund dient einer sinnvollen und nützlichen Sache, nämlich der Zuweisung einer Frau zu einem Mann (und umgekehrt). Dies hat einfache und einleuchtende Gründe, denn dadurch wird ein wildes Zusammenleben wie bei den ungläubigen Novadis vermieden. Da nämlich Mann und Frau einander gleichgestellt sind, widerspricht es auch dieser Gleichstellung, wenn ein Mann mehrere Frauen besitzt oder ernährt, so wie dies bei den Novadis üblich ist - ganz abgesehen davon, dass er dies aller Wahrscheinlichkeit nicht bewältigen könnte, denn mehrere Frauen bedeuten auch mehrere Kinder und diese brauchen schließlich auch mehr Dukaten. Ebenso brächte natürlich das Zusammenleben einer Frau mit mehreren Männern seine Probleme mit sich, denn woher könnte man dann die Vaterschaft bei den Kindern feststellen? Der Traviabund hat also durchaus seine Berechtigung und seinen Sinn. Neben diesem jedoch gibt es die Gaben RAHjas, die Lüste und Gelüste, welche ein jeder und eine jede, egal zu welchem Geschlecht hin, verspürt. Und um diese zu befriedigen begibt mann und frau sich in den Rahjatempel, und dies auch bzw. neben und nicht im Widerspruch zum Traviabund.
Berechtigterweise kann man nun aber fragen, weshalb der Traviabund mitunter die Treue der zwei Eheleute fordert und diese in vielen Fällen auch eingehalten wird; oder gar noch schlimmer, weshalb es Menschen gibt, welche freiwillig auf diese Geschenke RAHjas verzichten. Dazu ist zu bemerken, dass ein Verzicht auf die Gaben RAHjas unter dem Vorwand einer moralisch begründeten Reinheit des Körpers oder der Seele tatsächlich nichts anderes als einen Frevel wider die Göttin der Liebe darstellt, ja darstellen muss. Es gibt jedoch eine Art der sexuellen Mäßigung, welche keinen Frevel darstellt und welche durchaus nützlich sein kann. Denn die sexuelle Mäßigung an sich ist eine Ausübung der Freiheit, die in der Selbstbeherrschung Gestalt annimmt; und sie manifestiert sich in der Weise, in der der Mensch sich in der Beherrschung seiner Gelüste hält und zurückhält - in der Art und Weise, in der sich der Mensch zu sich selbst verhält, indem er sich zu anderen verhält. Diese Haltung ist es - weit mehr als die Akte, die man (nicht) vollzieht, oder die Begierden, die man (nicht) verbirgt - die den einzigen Anlass zu sexueller Enthaltsamkeit geben kann. Indem man jedoch aus anderen Gründen die Gaben RAHjas verschmäht und sich nicht mit seiner Sexualität beschäftigt, leugnet man seine Natur als Mensch. Nur wenn mann und frau nie vergisst, was man in Wahrheit ist (und sich daher auch mit dem Teil seiner selbst beschäftigt, der das Sexuelle betrifft), wird man seiner Lebensführung die Form geben können, die den Ruf wahrt und die Erinnerung verdient.

ad quartum: die Philosophie

Die Beherrschung seiner selbst, in allen drei Punkten, die oben angeführt sind (Diätetik, Ökonomik und Erotik), bedarf um bestehen zu können schlussendlich stets der Wahrheit. Einer Wahrheit vor bzw. zu den anderen, aber auch einer Wahrheit zu sich selbst. Die Philosophie ist der ideale Weg (vor allem für Magi et Magae) eine Liebe zur Wahrheit zu entwickeln und diese zu schulen und damit sich ständig selbst zu hinterfragen. Diese Philosophie (=Liebe zur Wahrheit) muss das Regiment im Seelenhaushalt eines jeden Magus und einer jeden Maga führen, damit die Begierden an ihren Platz verwiesen, die rechte Wahl des Handelns getroffen werden kann und der Magus bzw. die Maga imstande ist, sich selber zu erkennen, um die Magie zu praktizieren und die Kräfte zu meistern. Folglich muss in letzter Konsequenz die ständige Arbeit, die ein Magus und eine Maga auf ihrem Lebensweg zu leisten haben werden, darin bestehen, dieses ihr Verhältnis zur Wahrheit unablässig aufzudecken und festzuhalten.

Zusammengefasst stellt sich also die Art und Weise einer rechten Lebensführung für Magi et Magae folgendermaßen dar:
Das grundsätzliche Element der Beherrschung (die Substanz) besteht in der astralen Kraft, das heißt in einer Kraft, die von den Göttern gewollt und geschenkt ist, die jedoch ob ihres Ursprungs (der Frevel Madas) und Wesens jederzeit ausufern und aufständisch werden kann.
Das Prinzip der Regulierung (Beherrschung) dieser Kraft, die Unterwerfungsweise, ist und kann nicht durch eine universelle Gesetzgebung mit Ver- und Geboten geregelt werden, welche erlaubte nicht erlaubten Akten gegenüberstellt; sondern viel mehr durch eine Kunst der Lebensführung, die alle vier Bereiche betrifft (Diätetik, Ökonomik, Erotik und Philosophie), durch eine Kunst der Selbstbeherrschung, die die Modalitäten des Gebrauchs in Rücksicht auf verschiedene Variablen für jeden einzelnen selbst logisch vorgibt.
Die Arbeit, die jeder selbst an sich vorzunehmen hat, die nötige aber nicht übertriebene Askese, besitzt die Form eines Kampfes, der zu führen ist, eines Sieges, der zu erringen ist, indem man nach dem Modell eines natürlichen Machtverhältnisses (siehe Ökonomik: Herrschaftsformen) die Herrschaft über sich selbst errichtet.
Die Seinsweise, der man sich schließlich durch diese Selbstbeherrschung nähert, ist eine aktive Freiheit (und damit eine aktive Beherrschung der magischen Kräfte), die auf einem strukturellen, instrumentellen und von Liebe geprägten Verhältnisse zur Wahrheit beruht.

Eborëus Zachariad, adeptus minor

von: Philipp Schumacher
Erschienen in Opus no. 96 am 18.2.2001.

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